Von wegen Politikmüdigkeit. Mag ja sein, dass immer weniger Deutsche motiviert sind, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Dafür aber nimmt die Begeisterung am öffentlichen Protestieren – auch ein in der Verfassung garantiertes Grundrecht – beständig zu. Nicht nur in Dresden.

Der „absolute Rekord“ ist, natürlich, aus der Hauptstadt zu vermelden, von Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt. Im zu Ende gehenden Jahr hat die Polizei 5000 angemeldete Demonstrationen in Berlin gezählt und begleitet. Das sind so viele wie noch nie. Zum Vergleich: 2010 waren es gerade mal 2400. Von solchen Zuwachsraten können andere Branchen nur träumen. Und so wird es wohl weiter gehen.

Der Berliner Polizeipräsident jedenfalls rechnet fest mit einem weiteren Anstieg der Protestumzüge in der deutschen Hauptstadt. Zum einen stellen sich seine Beamten auf weitere von lokalen Ereignissen ausgelöste Demonstrationen ein, etwa rund um die insgesamt fünf geplanten Container-Dörfer für Flüchtlinge. Anwohner und Neonazis machen seit geraumer Zeit gegen die Unterkünfte mobil. Ihnen stellen sich mittlerweile aber auch regelmäßig Gegendemonstranten und Unterstützer in den Weg. Mit einem Großaufgebot wird die Polizei auch wieder rund um den 1. Mai in Kreuzberg präsent sein müssen.

Hinzu kommen die zahllosen „hauptstadtbedingten“ Demos, etwa anlässlich des Staatsbesuches des israelischen Ministerpräsidenten im kommenden Jahr. „Jede Spannung in der Welt bildet sich in Berlin ab“, sagt der Polizeipräsident. „Es sind global unruhige Zeiten und das merkt man hier.“

Internet beflügelt die Demo-Begeisterung

Die Demo-Begeisterung wird aber auch durch das Internet beflügelt. Noch nie waren Protestumzüge so leicht zu organisieren wie heute. Auf Portalen rufen Flüchtlings-Unterstützer, Tierschützer oder Netzaktivisten zu Kundgebungen auf. Als Austragungsort bietet sich natürlich die Hauptstadt an, besonders in der wärmeren Jahreszeit. Zudem ist die ordnungsgemäße Anmeldung mittlerweile ein Kinderspiel: Auf der Internetseite der Polizei heißt es fast einladend: „Sie können die Versammlungsanmeldung bequem und schnell direkt online über unsere Internetwache vornehmen.“

So leicht geht es mit dem Wählen nicht.