Berlin - Noch ist es ruhig an der Reichenberger Straße Ecke Glogauer. So ruhig es eben ist vormittags um halb elf, mitten in Kreuzberg 36. Der M29er-Bus rumpelt über das Kopfsteinpflaster, Kitakinder trödeln quasselnd über den Bürgersteig, eine Frau verkauft eine Obdachlosenzeitschrift, das ganz normale Straßentheater, aber nur auf den ersten Blick.

Da ist zum Beispiel die Bäckerei Filou gleich neben der Bushaltestelle, seit 20 Jahren gibt es hier Brötchen und süßes Gebäck, 2017 drohte plötzlich die Kündigung, wochenlang protestierten die Anwohner. Das Filou konnte bleiben, ein Happy End. Gleich daneben aber ist das Café verschwunden, dort hat eine Corona-Teststation aufgemacht.

Der ganze Kiez ist voll von diesen Geschichten. Sie handeln vom Wandel der Stadt, von Verdrängung, von Investoren, die Häuser zu Spekulationsobjekten machen. Jede trägt eine eigene Chiffre aus Straßenname und Hausnummer: Ratibor 14. Lausitzer 10. Reichenberger 108. Reichenberger 55.

Eine Kreuzberger Protestoper

„Der Kiez ist ein Mikrokosmos dessen, was gerade in Berlin passiert“, sagt die Künstlerin Yagner Anderson. Und deshalb wird er am Sonnabend in eine Bühne verwandelt. Dann wird die Kreuzung Glogauer Ecke Reichenberger zur Kulisse für eine Oper, die Protestoper „Wem gehört Lauratibor?“.

Es geht um den Ausverkauf der Stadt und den Kampf der Bewohner dagegen. Über hundert Darsteller werden durch die Straßen ziehen, zwei Chöre und eine Band. Und Yagner Anderson wird ein kleines Solo singen. 

Verdrängung bedroht Existenzen.

Konstanze Schmitt, Regisseurin

Sie sitzt an einem der Bistrotische im Filou. Neben ihr sitzt Konstanze Schmitt, die Regie führt, und Danáe Nagel, die in einem der Chöre singt. Viel Zeit haben sie nicht, sie proben gerade den ganzen Tag. „Verdrängung bedroht die Existenz der Menschen“, sagt Schmitt, „das kann so gewaltig sein wie ein Messer vor der Brust. Diese Not, diese Angst und Wut darzustellen, dafür ist Oper als hochdramatischer Komplex ein adäquates künstlerisches Mittel.“

Die drei wollen eigentlich nicht viel über sich erzählen, sie sehen sich als Kollektiv, ein großes Ganzes, in dem jeder gleich wichtig ist. So viel aber: Der Kiez ist ihr Zuhause, wie für die meisten Darsteller, sie wohnen und arbeiten hier, und deshalb hat auch jede ihre eigenen Geschichten von Verdrängung erlebt. Konstanze Schmitt, die in der Lausitzer Straße 10 ihr Büro hat und 2016 dabei war, als die Bewohner dafür kämpften, dass der Bezirk sein Vorkaufsrecht wahrnahm. Yagner Anderson, deren Haus der schwedische Konzern Heimstaden gekauft hat.

Ein Märchen der Gentrifizierung

„Die Oper ist im Kiez entstanden, aus Geschichten, die im Kiez spielen, sie ist verwoben mit diesem Kiez“, sagt Konstanze Schmitt. Das Libretto setzte die Autorin Tina Müller aus Gesprächen zusammen, die sie mit den Nachbarn führte. Vertont wurde es von dem Filmkomponisten Anders Ehlin, mit Anklängen an Carl Orff, Kurt Weill und Tom Waits.

Herausgekommen ist eine Art Märchen der Gentrifizierung. Die zwei Liebenden Laura und Tibor begeben sich auf die Suche nach dem Elixier des Widerstandes durch die Provinz Lauratibor, sie treffen auf den dreiköpfigen Verdichtikator, auf den Chor der Kleininvestor*innen, auf die Göttin der Hoffnung, die auf Türkisch singt. Und ziehen am Ende in die entscheidende Schlacht gegen den Magnaten Maximilius Profitikuss.

„Es geht um all die Dinge, für die wir kämpfen“, sagt Konstanze Schmitt.

Chorproben via Youtube

Die Idee zu der Oper entstand bereits 2019, aus den Protesten der Initiativen „Lause bleibt“ und „Ratibor 14“. Angestoßen hat das Projekt die Sängerin Marieke Wikesjo, eine schwedisch-niederländische Sopranistin, die am Konservatorium in Wien ausgebildet wurde, sie spielt die Laura.

Es ist Teil des Konzepts, dass professionelle Stimmen mit Laien zusammenkommen. „Die Stimme ist unser hauseigenes Instrument“, sagt Marieke Wikesjo in einem Video, mit dem für die Aufführung geworben wird, „jeder kann singen.“ Es geht um die Kraft, die entsteht, wenn viele Menschen zusammen Musik machen.

„Jeder kam mit seinen Fähigkeiten, jeder wurde wertgeschätzt“, erzählt Yagner Anderson. „Man konnte dabei zusehen, wie die Menschen aufgeblüht sind.“

Geprobt wurde das ganze letzte Jahr, mitten in der Pandemie. Die Chorproben streamten sie im Lockdown über YouTube und trafen sich draußen, sobald es wieder ging, standen im März bei fünf Grad und Regen im Innenhof. Das Bühnenbild zimmerten Handwerker aus dem Kiez.

Die Zuschauer sind Demonstranten

Das funktionierte, weil in dieser Gegend von Kreuzberg Aktivismus tief verankert ist, die Menschen hier Übung darin haben, Mailinglisten aufzusetzen, Plakate zu drucken, Treffen zu organisieren, kreativ zu sein. Und das Bedürfnis, etwas zusammen zu machen, sei groß gewesen, sagt Konstanze Schmitt. Gerade in der Pandemie.

„Viele, die mitmachen, engagieren sich eh schon, manche waren schon in den 80ern im Häuserkampf dabei. Die Menschen hier lassen sich nicht das Wort verbieten, die sind es gewohnt, dass man auf die Straße geht und sagt: So geht’s nicht.“

Vielleicht reagieren die Politiker auf Arien.

Danáe Nagel, Chorsängerin

Die Oper haben sie als Demonstration angemeldet, sie soll eine künstlerische Protestaktion sein, die Zuschauer sind also Demonstranten und werden so Teil der Inszenierung. Und sie haben Politiker eingeladen, Michael Müller, den Regierenden Bürgermeister, und Matthias Kollatz, den Finanzsenator. „Weil sie auf unsere Briefe nicht reagieren“, sagt Danáe Nagel. „Vielleicht reagieren sie auf Arien.“

Demonstration mit Uraufführung der Protestoper „Wem gehört Lauratibor?“, Samstag, 12. Juni, 17.30 Uhr, Reichenberger/Ratiborstraße. 

Kundgebung mit Oper, Sonntag, 20. Juni, 19 Uhr, Mariannenplatz.