David R. hat schon viel erleben müssen in seinem Beruf. Er war zwölf Jahre lang Notfallsanitäter in Berlin. Ihm wurden Rippen und die Nase gebrochen. Bespuckt worden sei er wöchentlich: von Fahrern der Autos etwa, die sein Rettungswagen im Einsatz zugeparkt haben. Doch was ihm Ende Dezember 2016 in Neukölln widerfahren sei, dass sei für seine Arbeit in Berlin das Ende gewesen, erklärt der 34-Jährige.

Er ist an diesem Donnerstag vor dem Amtsgericht Tiergarten Zeuge in einem Prozess gegen einen 31-jährigen Mann. Ilker C. muss sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung verantworten, weil er David R. und sein Team bei einem Einsatz angegriffen haben soll. Ilker C. ist einschlägig vorbestraft.

Laut Anklage hatte die damalige Verlobte des Angeklagten am 27. Dezember 2016 den Feuerwehrnotruf gewählt. Sie sei Opfer häuslicher Gewalt geworden, zudem sei ihr Schwiegervater zusammengebrochen, sagte sie. Als David R., sein Kollege Rene G. und die Praktikantin Sophie A. in der Wohnung eintrafen, soll Ilker C. die Retter sofort beschimpft, bespuckt und bedroht haben. Die Helfer forderten den Mann daraufhin auf, die Wohnung zu verlassen. Doch stattdessen tickte Ilker C. offenbar völlig aus. David R. hörte Sätze wie: „Ich töte deine Familie, ich bekomme raus, wo Du wohnst.“ und „Ich schlachte Dich gleich wie ein Lamm.“ Er musste sich als Ungläubiger beschimpfen lassen.

Angeklagter kann sich nicht erinnern

Ilker C. soll den 20 Kilogramm schweren Rettungsrucksack gezielt in Richtung des Kopfes von Rene G. geworfen und dann die Tür zugeschlagen haben. Um nicht von der schweren Holztür getroffen zu werden, hatte der Rettungsassistent seinen Fuß in die Tür gestellt, die daraufhin aus den Angeln flog.

Der Angeklagte ist ein schmaler, cannabisabhängiger Mann mit Vollbart. Er sagt, er habe sich am Tattag mit seiner Ex-Frau gestritten. Sein Vater sei wegen des Streits umgekippt. Er sei beim Eintreffen der Retter so erregt gewesen, weil sie von häuslicher Gewalt gesprochen und seinem Vater nicht geholfen hätten. „Die haben mich aufgefordert, die Wohnung zu verlassen und mich zu beruhigen. Das hat mich nur noch mehr aufgeregt“, sagt er. Er wisse heute nicht mehr, was er alles gesagt habe. Er bestreitet, den schweren Rucksack gezielt auf einen der Retter geworfen zu haben.

Der Rettungssanitäter David R. macht keinen ängstlichen Eindruck, er ist ein durchtrainierter Mann, der Ilker C. damals nach eigenen Worten überwältigt und der Polizei übergeben hat. Er erzählt, dass er bei dem Einsatz durchaus damit gerechnet habe, dass Ilker C. mit einem Messer auftauchen und seine Drohungen wahr machen würde.

Tiefe seelische Narben

Als das Rettungsteam später vor dem Haus Polizisten das Erlebte schilderten, sei Ilker C. noch einmal erschienen und habe mit einer Geste gezeigt, dass er ihnen die Kehle durchschneiden werde. „Wissen Sie“, sagt er zum Richter, „Ich wurde in Berlin zwei bis dreimal im Jahr angegriffen.“ Doch dieser Einsatz sei sein tiefgreifendstes Erlebnis gewesen. „Ich fühlte mich verfolgt, ich fühlte die Bedrohung für meine Frau und meinen kleinen Sohn. Ich hatte Angst.“ David R. hat seine Arbeit in Berlin aufgegeben.

Sein Kollege Rene G. sagt als Zeuge, so kurz nach dem Terroranschlag vom Breitscheidplatz sei die Situation sehr beängstigend gewesen. „Ich möchte gerne gesund zu meiner Familie kommen nach zwölf Stunden Dienst.“ Und die heute 19-jährige Sophie A., die derzeit bei der Feuerwehr eine Ausbildung macht, erklärt, dass der Einsatz ihre erste Erfahrung in diesem Beruf gewesen sei. Trotzdem habe sie für sich entschieden, „dass ich Menschen helfen und retten wichtiger finde, als solche Einsätze“.

Bei David R. hat der Einsatz nach eigenen Worten tiefe seelische Narben hinterlassen. Er sagt später, dass sich niemand hinter die vielen angegriffenen Helfer stelle, dass niemand wirklich helfe. Es gebe Stellungnahmen. Mehr aber auch nicht. Der Prozess wird am 1. Februar fortgesetzt.