Prozess am Landgericht: Wie kommt das Kokain von Kolumbien nach Brandenburg?

Ab heute wird in Berlin ein Mammutprozess verhandelt: Zehn Männer sind angeklagt, über vier Tonnen Kokain nach Deutschland geschmuggelt zu haben.

Anwälte und Staatsanwälte beim Prozessbeginn im Saal 500 in Berlin Moabit. Es geht um eine mutmaßliche Bande, die mehrere Tonnen Kokain geschmuggelt haben soll.
Anwälte und Staatsanwälte beim Prozessbeginn im Saal 500 in Berlin Moabit. Es geht um eine mutmaßliche Bande, die mehrere Tonnen Kokain geschmuggelt haben soll.Annette Riedl/dpa

Der Stolz über den Beginn dieses Prozesses ist dem Oberstaatsanwalt Günter Sohnrey sichtlich anzumerken. Am liebsten, so scheint es, würde er die ganze Zeit stehen wollen, um die lange Anklageschrift gegen die zehn Männer vorzulesen, die links und rechts von ihm in gesicherten Glaskästen sitzen. Erst beim zweiten Hinweis des vorsitzenden Richters setzt sich Sohnrey und liest nun eine Stunde lang ins Mikrofon, dass auch alle ihn verstehen können.

Es ist voll an diesem Mittwoch im holzvertäfelten Saal 500 des Berliner Landgerichts. Das Interesse an diesem Prozess gegen eine international agierende Bande von Drogen-Schmugglern ist riesig. Schon am Morgen hatte eine lange Schlange von Menschen bis hinaus auf die Straße gewartet, um durch die Sicherheitsschleuse ins Gericht gelassen zu werden. Nun drängen sich etliche Journalisten und Neugierige auf den Zuschauerbänken.

Zehn Männer im Alter zwischen 33 und 63 Jahren sitzen hier vor Gericht, weil sie über ein Jahrzehnt lang Kokain von Südamerika nach Deutschland gebracht haben sollen. Insgesamt geht es um über vier Tonnen, die seit Januar 2012 in Seecontainern versteckt und mit neun Lieferungen auf den Berliner Drogen-Markt gelangten. Mithilfe eines Geflechts aus Scheinfirmen, gefälschten Pässen und einem kanadischen Krypto-Messengerdienst namens Sky ECC.

Über neun Millionen Euro Gewinn für die Schmuggler

Geplant und koordiniert wurde der Drogen-Schmuggel wohl hauptsächlich von drei Berlinern. Sie sitzen im Gericht nebeneinander, tuscheln in den Pausen miteinander: der 37-jährigen Gordon B., der mit Glatze, getönter Pilotenbrille und gepunketem Anzughemd durchaus als Drogenhändler durchgehen kann. Der 33-jährige Nibar S., der zur Glatze einen dunklen Vollbart und einen finsteren Gesichtsausdruck trägt. Und der 36-jährige Dominique E., schwarz und mit kurz geraspelten Haar, in dessen Wohnung eine halbautomatische Glock 17 hinter der Küchenzeile gefunden wurde. Sie sollen insgesamt rund 9,3 Millionen Euro mit dem Verkauf der Drogen verdient haben. An wen, das ist bislang unklar. Alles, was man über die deutschen Abnehmer weiß, ist ein Deckname: Chico, der Geist.

Die Ermittlungen gegen die Schmuggler-Bande begannen im November 2018, nachdem im Hafen der brasilianischen Stadt Santos bei einer Kontrolle 690 Kilo Kokain gefunden wurden. Versteckt war das Rauschgift in hohlen und mit Blei ausgekleideten Paletten, die als Träger von Metallplatten fungierten. In Auftrag gegeben hatte die Lieferung eine deutsche Importfirma. Bei genauerem Hinsehen stellten die Ermittler fest, dass es sich dabei um eine Scheinfirma handelte, die von einem Geflecht aus weiteren Scheinfirmen finanziert wurde. So kamen die Ermittler der Bande auf die Spur und konnten deren Taten seit August 2011 rekonstruieren.

Familiäre Verbindungen ins kolumbianische Drogenmilieu

Hört man der Anklage der Staatsanwaltschaft zu, bekommt man den Eindruck, es weniger mit den klassischen Drogen-Baronen zu tun zu haben, wie man sie aus Serien wie Narcos kennt. Viel eher scheinen hier gewiefte Geschäftsmänner auf der Anklagebank zu sitzen. Logistiker, die dafür sorgten, dass große Lieferungen unentdeckt über See und die halbe Welt nach Deutschland transportiert wurden. Die Berliner B., S. und E. gründeten 2011 hierzu eine erste Importfirma. Ziel war es, 160 Kilo Koks von Brasilien über den Hamburger Hafen einzuführen. Das hierzu verwendete Geflecht aus Scheinfirmen wurde verwaltet durch den vierten Angeklagten Lutz H., der bereits zuvor schon mehrmals wegen Wirtschaftsdelikten im Gefängnis gesessen hatte.

Für die Lagerungen hatten die Berliner eine Halle im Hamburger Umland angemietet. Von da an organisierten sie regelmäßig Kokain-Lieferungen im großen Stil nach Deutschland. Spätestens 2019 sei die Gruppe, laut Anklage, um zwei weitere Männer gewachsen: den 37-jährigen Christian D. und den 44-jährigen Jürgen K.

D. kam zur Gruppe offenbar deswegen, weil er familiäre Verbindungen zu einem Drogen-Großhändler in Kolumbien hat, Deckname: „Taco“. D. übernahm die Führung der Bande. Die Schmuggel-Route lief nun offenbar von Kolumbien über die lettische Hauptstadt Riga. Dort organisierte sich die Bande Hilfe durch die beiden ebenfalls angeklagten Letten Norberts Dz., 53, und Janis St., 37. In Riga waren sie dafür verantwortlich, ihre guten Kontakte zu den dortigen Zollbeamten spielen zu lassen. Das Kokain wurde von dort über den Landweg nach Deutschland gebracht und in einem Lagerhaus im brandenburgischen Pessin versteckt.

Fälle nehmen zu bei denen es Krypto-Messenger-Dienste geht

Im Frühjahr 2020 schloss sich Enrique D., 36, der Bande an. Wie sein Bruder Christian spricht auch er fließend spanisch. Inzwischen führte die Schmuggel-Route über Panama und Hongkong. Eine letzte große Lieferung von 700 Kilogramm aus Costa Rica scheiterte, weil im November 2021 ein Großteil der Bande festgenommen worden war. Auch eine Motorjacht mit dem Namen „Elvis“, die die Gruppe extra gekauft und hierfür einen Liegeplatz im Ostseebad Boltenhagen gemietet hatte, kam nicht mehr für den Koks-Schmuggel zum Einsatz.

Es sei ein „exzeptioneller Fall“, sagt der Oberstaatsanwalt Sohnrey. Nicht nur wegen der Menge an Kokain, der Größe der Bande und den vielen Angeklagten. Sondern auch, weil es der erste Fall sei, bei dem Kriminelle über Sky ECC kommunizierten, den kanadischen Krypto-Messengerdienst. Bislang galt der Dienst als unknackbar. Um den Jahreswechsel 2022/ 2021 wurde er von Europol, der europäischen Polizei, gehackt und entschlüsselt. Ähnliches war zuvor schon mit Enchro-Chat passiert, einem anderen Messengerdienst. Seit die Fahnder in diesen Chatprotokollen mitlesen können, ist es immer wieder zu spektakulären Drogenfunden gekommen. Zuletzt zum Beispiel 2021 im Hamburger Hafen, wo 18 Kilo Koks sichergestellt werden konnten.

Die Dimension des jetzigen Falles aber sprengt diesen Fund bei weitem. Das lässt auch die Größe des Verfahrens erahnen: 32 Prozesstage sind bis Ende Januar 2023 angesetzt. Bislang haben die drei Haupttäter angekündigt, sie wollten sich zur Sache äußern. Wann, ist allerdings noch nicht klar. Zwei weitere Angeklagte ließen mitteilen, sie würden ihre Tatbeteiligung abstreiten.

In jedem Fall werden die Zuschauer des Verfahrens in den kommenden Wochen erfahren, wie genau, wie hochkomplex und global organisiert der Handel mit Rauschgift inzwischen geworden ist - oder vielleicht schon immer war. Das dürfte vor allem für Berlin eine wichtige Rolle spielen, wo jährlich an die zwei Tonnen Kokain geschnupft werden und der Handel mit mit Drogen munter floriert, seit es schwer zu verfolgende Koks-Taxis und verschlüsselte Messenger-Dienste wie Telegram gibt. Für die Behörden war es bislang äußerst schwer, diejenigen zu finden, die das Rauschgift von Kolumbien nach Berlin befördert haben. Dieser Prozess wird zeigen, woran das liegt.