Die Angeklagten: Babett R. (erste links) und Klaus V. (rechts)
Foto: Olaf Wagner

BerlinAm 29. Juli 2013 geht bei der Berliner Polizei eine Anzeige ein. Sie ist an die Staatsanwaltschaft gerichtet. Der anonyme Verfasser schreibt, er sei „Mitarbeiter der Geburtsklinik“ eines Berliner Krankenhauses. Er könne die in seiner Klinik praktizierten Spätabtreibungen nicht mehr hinnehmen. Es seien lebensfähige Kinder, die getötet würden, heißt es in der Anzeige. Die Ausnahme sei zum Regelfall geworden. Dies lasse ihm keine Ruhe, er wolle nicht mehr stiller Mitwisser sein. Der Verfasser rechtfertigt seine Anonymität damit, dass er Angst um seinen Arbeitsplatz habe.

Der Anzeige liegt ein Operationsbericht vom 12. Juli 2010 über einen Kaiserschnitt bei einer Zwillingsschwangerschaft bei. In dem Bericht mit der Buchnummer 684 heißt es, dass das erste Kind um 5.20 Uhr geboren wurde. Es wog bei einer Größe von 40 Zentimetern 1 670 Gramm und war ein gesundes Mädchen. Der zweite Zwilling, 41 Zentimeter groß und 1 430 Gramm schwer, kam zehn Minuten später auf die Welt. Tot.

Ärzte spritzen dem Zwilling tödliche Dosis Kaliumchlorid

Er starb noch in der geöffneten Gebärmutter an Herzstillstand. Die Ärzte hatten ihm, bevor sie die Nabelschnur durchtrennten, 20 Milliliter Kaliumchlorid in die Nabelvene gespritzt. Eine tödliche Dosis.

Neun Jahre nach diesem Kaiserschnitt stehen zwei Frauenärzte vor dem Berliner Landgericht. Sie werden nicht aus der Untersuchungshaftanstalt vorgeführt, was ungewöhnlich ist. Denn der Vorwurf lautet auf Totschlag. Die Staatsanwältin Silke van Sweringen geht davon aus, dass die Gynäkologen das tödliche Kaliumchlorid während der Geburt injiziert haben. Zu diesem Zeitpunkt sei das aber rechtlich verboten gewesen. Was die Mediziner gewusst hätten.

Totschlag ist ein vorsätzliches Tötungsverbrechen. Verhandelt wird daher seit dem 22. Oktober vor einer Schwurgerichtskammer. In diesem Fall ist es jene Kammer, die auch in einem neuaufgerollten Prozess die beiden sogenannten Kudamm-Raser wegen Mordes erneut zu lebenslanger Haft verurteilte.

Die große Frage: Wann gilt ein Kind als geboren?

Auf der Anklagebank sitzt Babett R., eine schmale Frau mit ernstem Gesicht und randloser Brille. Die promovierte Gynäkologin ist 58 Jahre alt und seit 2005 bis zum heutigen Tag Oberärztin der Geburtsklinik. Sie leitete damals die Operation.

Der mitangeklagte Klaus V. assistierte bei dem Kaiserschnitt. Klaus V. war Chefarzt der Klinik. 2012 ging der Professor und einstige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in den Ruhestand.

Beide Mediziner haben unzähligen Kindern das Leben geschenkt. Die Staatsanwältin sagt, sie hätten einem Kind das Leben genommen. Vorsätzlich und wider besseres Wissen.

Die Angeklagten wollen nicht, dass ihre Gesichter auf den Fotos aus dem Gerichtssaal unkenntlich gemacht werden. Auch das ist ungewöhnlich bei einem Strafprozess, bei dem die Angeklagten üblicherweise ihre Köpfe hinter Aktendeckeln verbergen. Doch die Erklärung von Babett R. und Klaus V., Gesicht zu zeigen, leuchtet ein: Sie seien schließlich keine Kriminellen, sie hätten nichts Strafbares getan. Im Gegenteil: Sie hätten mit dem Tod des Zwillings ein Leben gerettet. Es sei das einzige Mittel gewesen, größeres Übel zu verhindern.

Beantwortet werden muss in diesem Prozess, in dem an diesem Dienstag das Urteil erwartet wird, bis zu welchen Zeitpunkt der Schwangerschaft ein Spätabbruch zulässig ist. Und es geht um die Fragen, wann aus dem Fötus ein Mensch wird. Mit der Geburt, heißt es. Doch wann gilt ein Kind als geboren? Wann wird aus der Leibesfrucht ein Mensch? Für Staatsanwältin van Sweringen steht dieser Zeitpunkt fest: mit den Eröffnungswehen oder mit dem Öffnen der Gebärmutter. So stehe es im Gesetz.

Hochgradige Hirnschädigung bei einem Zwilling

Für Tonya Gaibler, der Anwältin von Babett R., ist die Antwort nicht so eindeutig. Sie weist darauf hin, dass die Frage in unserer Rechtsordnung unterschiedlich beantwortet werde. Im Zivilrecht beginne die Rechtsfähigkeit des Menschen mit der Vollendung der Geburt. Mit dem Austritt aus dem Mutterleib. Das Strafrecht dagegen stelle auf den Beginn der Geburt ab.

In der Klinik, in der Babett R. noch immer als Oberärztin arbeitet, kommen jedes Jahr 3500 Kinder zur Welt, ein Drittel davon durch eine Risikogeburt. Als die Angeklagten bei einer 27-jährigen Patientin aus Brandenburg den Kaiserschnitt durchführten, handelte es sich um eine Hochrisikoschwangerschaft. Die werdende Mutter war in der 32. Schwangerschaftswoche. Wehen hatten eingesetzt. Niemand kann sagen, ob es die Eröffnungswehen waren.

Ein Arzt hatte Wochen zuvor bei einem Zwilling eine hochgradige Hirnschädigung festgestellt. Beide Föten waren in einer Plazenta gewachsen, hatten gemeinsame Gefäßverbindungen und waren dadurch ungleich mit Blut versorgt worden. Es bestand ein sogenanntes fetofetales Transfusionssyndrom: Ein Fötus – der dadurch erkrankte – galt als Geber, der andere als Nehmer.

Ärzte: Frühere Tötung wäre zu riskant gewesen

Die Eltern entschlossen sich nach eingehender Beratung zu einem selektiven Fetozid, der Tötung des kranken Zwillings im Mutterleib, um das gesunde Kind zu retten. Das ist nach dem Gesetz als Spätabbruch erlaubt, wenn die Schädigung des Kindes eine unzumutbare physische und psychische Belastung für die Mutter darstellt. Der Fetozid muss noch im Mutterleib vorgenommen werden.

Es war ein Dilemma, in dem sich Babett R. und Klaus V. damals befanden und das im Gerichtssaal deutlich wird. Anfragen bei Kliniken und Kollegen, die sich mit derartigen Schwangerschaften auskannten, hatten offenbar keine Hilfe gebracht.

Als die Schwangerschaftsbeschwerden akut wurden, entschlossen sich die Ärzte zum Kaiserschnitt. Es sei der sicherste Weg gewesen, den gesunden Zwilling zu retten, beteuern die Angeklagten. Mit keinem Wort bestreiten sie, dass sie dem zweiten Fötus nach dem Kaiserschnitt Kaliumchlorid spritzten. Eine frühere Tötung im geschlossenen Uterus sei zu riskant gewesen, erklärt Babett R. Durch die gemeinsame Blutversorgung hätte auch das gesunde Kind Schaden nehmen oder gar getötet werden können.

Wir waren der Meinung, das Richtige zu tun.

Angeklagter Klaus V.

Im gesamten Operationsteam habe es damals keine Diskussion über die Vorgehensweise gegeben, sagt Klaus V. vor Gericht. Sie hätten sich auf der sicheren Seite gewähnt, weil der kranke Fötus während der Injektion noch im Mutterleib und für die Ärzte nicht geboren gewesen sei.

„Wir waren der Meinung, das Richtige zu tun“, erklärt der einstige Chefarzt. Der Kaiserschnitt sei optimal für die Geburt des gesunden Kindes gewesen. „Im Vordergrund stand für uns Ärzte nicht das Juristische, sondern das gesunde Kind.“

Peter Kozlowski sollte in dem Verfahren klären, ob die Angeklagten 2010 etwas Verbotenes taten. Ob es keine Möglichkeit für einen früheren Fetozid gegeben habe. Peter Kozlowski ist Pränatalmediziner aus Düsseldorf. In dem Verfahren trat der 68 Jahre alte Mediziner als Sachverständiger auf. Er äußert in seinem Gutachten durchaus Verständnis für die angeklagten Ärzte, die in einer Situation waren, die sich kein Geburtshelfer wünsche.

Das Problem: eine geteilte Plazenta

Das Problem bei der Schwangerschaft sei die Plazenta gewesen, die sich die Föten geteilt hätten, sagt Kozlowski. „Die Zwillinge waren auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen.“ Jede Behandlung des kranken Fötus hätte den gesunden Fötus gefährdet. „Eine Injektion mit Kaliumchlorid geht hier nicht“, erklärt er.

Kozlowski greift in seinem Gutachten auch auf Zahlen zurück, die für sich sprechen sollen. Im Jahr 2010 gab es demnach in Deutschland 67.8000 Entbindungen, davon waren gut 3000 eineiige Zwillingsgeburten. Bei 2700 dieser Entbindungen teilten sich die Föten eine Plazenta. Bei wiederum 300 dieser Zwillingsschwangerschaften trat ein fetofetales Transfusionssyndrom auf. Kozlowski erklärt, dass in 17 Prozent dieser 300 Hochrisikoschwangerschaften kein Kind überlebt habe.

Fachliteratur gab es offenbar genügend – nur nicht für einen Fall wie diesen: für die Tötung nach dem Kaiserschnitt. Warum nicht?, fragt die Staatsanwältin den Gutachter. „Weil wir uns in einer rechtlich nicht eindeutig definierten Zone befinden“, antwortet Kozlowski. „In einer rechtlich nicht zulässigen?“, hakt die Anklagevertreterin nach. „Nein, nicht aus meiner Sicht“, widerspricht Kozlowski.

Aber es habe doch nach der Entbindung des gesunden Kindes keine Gefahr mehr bestanden. Weder für das gesunde Kind noch für die Mutter. Welche medizinische Indikation habe es denn dann noch gegeben, die Spritze zu setzen, will der Vorsitzende Richter wissen. „Die Entscheidung der Mutter. Aus meiner Sicht ist das eine fortbestehende Indikation“, sagt Kozlowski.

Es ist ein juristischer und auch medizinischer Streit, der hier im Gerichtssaal ausgefochten wird. Und der keineswegs so eindeutig scheint – auch nicht unter Juristen.

Denn das Verfahren war vier Monate nach der anonymen Anzeige zunächst eingestellt worden. Weil, so sagt es die Anwältin Gaibler, zwei Profis, ein Gerichtsmediziner und ein Staatsanwalt, keine Verfehlungen bei den Ärzten gesehen hätten.

Ein gesundes Mädchen

Doch die Staatsanwaltschaft verfügte im Mai 2014, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Erneut waren Babett R. und Klaus V. anonym angezeigt worden. Zwei Jahre später wurde Anklage erhoben. Da die zuständige Schwurgerichtskammer lange Zeit mit Haftsachen beschäftigt war, wird der lange zurückliegende Fall erst jetzt verhandelt.

Die Staatsanwältin Silke van Sweringen hält die Angeklagten nach der Beweisaufnahme weiter für schuldig, einen Totschlag im minderschweren Fall begangen zu haben. Die Alternative seien nicht zwei tote Babys gewesen. „Die Alternative waren zwei lebende Babys: eins gesund, das andere behindert.“ Van Sweringen fordert für beide Angeklagte eine Verurteilung zu einer Haftstrafe von jeweils 18 Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt werden soll.

Die Verteidiger der Mediziner verlangen, ihre Mandanten freizusprechen. Die Angeklagten seien davon ausgegangen, eine rechtlich mögliche Schwangerschaftsunterbrechung vollzogen zu haben.

„Wir alle haben es gut in unserem Job. Wir müssen eine solch schreckliche Entscheidung wie diese Ärzte nicht fällen“, sagt die Anwältin Gaibler. Sie fordert eine normative Korrektur. Die Grenze eines Spätabbruchs könne dort gezogen werden, wo die angeklagten Ärzte agiert hätten.

Doch kann die Kammer nach der Gesetzeslage die Ärzte überhaupt freisprechen? Der Vorsitzende Richter deutete schon einmal an, dass im Falle eines Schuldspruchs die lange Verfahrensdauer und auch die Art der Anzeige berücksichtigt werden müsse.

Egal, wie das Urteil ausfällt, der Fall wird vermutlich noch einmal höchstrichterlich entschieden werden müssen.

Es ist ein Prozess, der ratlos macht. Zumal die Ärzte nicht auf der Anklagebank gelandet wären, wenn sie den Fetozid noch im Mutterleib vorgenommen hätten – und wenn dabei auch das gesunde Zwillingskind gestorben wäre

Das gesunde Mädchen, das Babett R. und Klaus V. damals per Kaiserschnitt zur Welt brachten, ist heute neun Jahre alt.