Der Deutschland-Besuch der drei Freunde aus Schottland stand unter keinem guten Stern. Das Testspiel der Glasgow Rangers gegen RB Leipzig, das Anlass ihrer Reise war, verlor das schottische Team mit 0:4. Zwei Tage vorher gerieten die Freunde in Berlin in eine Fahrkartenkontrolle, die merkwürdig verlief. Ihnen wurde damit gedroht, dass die Polizei geholt würde, wenn sie nicht pro Person 40 Euro zahlen, Quittungen gab es nicht.

Jetzt kehrte Connor Adair, einer der Schotten, zurück – um vor Gericht auszusagen. Den damaligen Kontrolleuren wird Betrug, Erpressung und Untreue vorgeworfen.Es sind nicht die einzigen Fahrscheinprüfer, die vor Gericht stehen.

60 Euro als „erhöhtes Beförderungsentgelt“

Der Zeuge sprach leise. Doch Connor Adair war anzumerken, dass er ungern an seinen ersten Berlin-Besuch zurückdenkt. Er habe eine bedrohliche Situation erlebt, sagte der Elektriker-Azubi am Montag im Saal 768 des Amtsgerichts Tiergarten. „Als Tourist an einem Ort zu sein, den man nicht kennt, aufgefordert werden, Geld zu zahlen, mit der Polizei bedroht zu werden“: Das war unangenehm. „Seitdem bin ich nicht wieder hier gewesen – bis jetzt.“

Es geschah am 13. Januar 2017, gegen 19.50 Uhr. Die drei Schotten stiegen am Alexanderplatz in eine S-Bahn, um zum Hauptbahnhof ins Meininger-Hotel zu fahren. „Wir waren der Auffassung, dass wir im Zug Fahrscheine kaufen können“, sagte Adair. Vertrauensselig sprachen sie zwei Männer an, die Ticketscanner in der Hand hielten. Aber das erwies sich als fatal. Bei den Mitarbeitern des Dienstleistungskonzerns Wisag handelte es sich um Kontrolleure.

Im Hauptbahnhof stiegen sie mit den Schwarzfahrern aus, um an Gleis 16 ein Strafgeld in bar zu fordern: 40 Euro pro Person. Die Briten wussten nicht, dass in Deutschland 60 Euro als „erhöhtes Beförderungsentgelt“ fällig werden. Sie wussten auch nicht, dass ertappte Schwarzfahrer stets einen Beleg bekommen.

Ermittlungsvorgang „Abzocke“

„Die Männer drohten, dass sie die Polizei holen“, berichtet Adair – was die Schotten unbedingt vermeiden wollten, weil sie zum Fußballspiel nach Leipzig weiterreisen wollten. Also zahlten sie: insgesamt 120 Euro. Erst als ein Bundespolizist die Schotten vor dem Hauptbahnhof ansprach, erkannten sie, dass die Kontrolle merkwürdig abgelaufen war.

„Ich war gerade mit einer Kollegin im Einsatz für den Ermittlungsvorgang ’Abzocke’“, sagte der 31-jährige Beamte. Plötzlich sahen sie an Gleis 16 eine „verbale Auseinandersetzung, die ungewöhnlich lautstark war“ – die Schotten im Streit mit den Kontrolleuren. Eigentlich waren die Polizisten an jenem Freitag auf andere Ticketprüfer angesetzt. Damals wurden Kontrolleure der Wisag observiert. Anlass waren Beschwerden von S-Bahn-Fahrgästen, meist Touristen. Mit dem Vorwurf, dass sie schwarz gefahren seien, wurden ihnen Geld abgenommen, ohne Beleg. Offenbar war das Bargeld auch nicht an die S-Bahn weitergeleitet worden.

Dass es 2017 in Berlin einen Ermittlungsvorgang „Abzocke“ gegeben hat, erfuhr die Öffentlichkeit an diesem Montag zum ersten Mal. Es gab ein weiteres Schlaglicht auf die Kontrollpraxis: So gewährt die Wisag Kontrolleuren, die eine bestimmte Zahl von Schwarzfahrern erwischen, eine Prämie – „Leistungszulage“ genannt. 2017 wurde sie gezahlt, wenn ein Ticketprüfer das „erhöhte Beförderungsentgelt“ pro Dienstschicht mindestens 18 Mal erhoben hat. So stand es in der Erklärung des Angeklagten Muhammad A., die von seinem Verteidiger verlesen wurde.

Ticketprüfer verdienen nicht viel Geld

Der 29-jährige Neuköllner ließ auch mitteilen, dass er nicht sagen könne, ob er bei der strittigen Kontrolle dabei war. Wenn ja, sei das Geld „ordnungsgemäß abgerechnet“ worden – während die Staatsanwältin den beiden vorwirft, die 120 Euro in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Mündlich äußerte sich A. nicht, genauso wenig wie der zweite Angeklagte, der 31 Jahre alte Serkan K.

Ticketprüfer verdienen nicht viel Geld, das Einstiegsgehalt ohne Zulagen liegt zwischen 1800 und 2000 Euro brutto pro Monat. Es ist ein harter Job, oft gibt es handgreifliche Reaktionen. Ärger gibt es aber auch, weil sich Fahrgäste schlecht behandelt fühlen. An diesem Dienstag gibt es eine weitere Gerichtsverhandlung aus diesem Anlass. Hamad T. soll einen Fahrgast auf dem S-Bahnhof Storkower Straße grob beleidigt haben. Ein anderer Termin ist dagegen aufgehoben worden. Dabei sollte es um einen Kontrolleur gehen, der einen Mann geschlagen haben soll.

Nie wieder S-Bahn

Am Montag ließ die Richterin durchblicken, dass sie das Verfahren gern einstellen würde: wegen „unerheblicher Vorbelastung der Angeklagten und erheblichen Verfahrenskosten“. Auch die beiden anderen Geschädigten leben im fernen Schottland. Doch nun wird die Verhandlung am 25. Juni fortgesetzt. Dann sollen Connor Adairs Freunde aussagen.

Mit der S-Bahn ist der 20-Jährige nicht wieder gefahren. Für die TXL-Linie zum Flughafen Tegel bekam er von der Richterin einen Tipp auf den Weg: „Im Bus kann man auch beim Fahrer einen Fahrschein kaufen.“