Der Angeklagte Marco F. mit seinem Anwalt im Gericht.
Foto: Katrin Bischoff

PotsdamMarco F. sagt, er sei ein totaler Familienmensch. Einer, der Angst habe, seine beiden Kinder zu verlieren. Seit Montag steht der 37-Jährige vor dem Landgericht Potsdam. Er soll versucht haben, seine Lebensgefährtin und Mutter seiner beiden Kinder zu ermorden. Vor den Augen der Tochter.

In der Nacht zum 10. April dieses Jahres wird die neunjährige Lisa (Name geändert) durch Schreie ihrer Mutter geweckt. Sie läuft ins Schlafzimmer der Eltern, sieht, wie ihr Vater mit einem Messer auf die Mutter einsticht. „Nein, Papa, hör auf! Hör auf!“, fleht das Kind. So steht es in der Anklage. Doch Marco F. macht weiter.

Da läuft Lisa zum Telefon. Um 2.23 Uhr wählt sie den Notruf. „Meine Mama wird gerade umgebracht“, ruft das Mädchen in den Hörer. Wenige Minuten später ist ein Streifenwagen im Pappelweg in Brandenburg/Havel. Der Notruf ihrer Tochter hat der 33 Jahre alten Henriette W. das Leben gerettet.

Seit Montag sitzt Lisas Vater auf der Anklagebank des Landgerichts Potsdam. Wegen versuchten Mordes. Marco F. ist ein großer, durchtrainierter Mann, ein aktiver Wasserballer, der vier Jahre in der Bundesliga gespielt hat.

Trennungsabsichten der Frau

Er sagt, dass er sich die Tat nicht erklären könne. Er sei selber sehr entsetzt. Und er hoffe, dass bei seiner einstigen Lebensgefährtin die physischen und psychischen Verletzungen irgendwann heilen. „Ich hoffe auch, dass meine Tochter, das, was sie gesehen hat, vergessen kann“, so der 37-Jährige.

Dabei sei Henriette W. seine große Liebe gewesen, die er vor 16 Jahren kennengelernt habe. So erzählt es Marco F. vor Gericht. Grund für den Gewaltexzess in der Doppelhaushälfte: Wenige Tage vor der Bluttat soll Henriette W. dem Angeklagten eröffnet haben, sich von ihm trennen zu wollen. Sie empfinde nichts mehr für ihn, soll sie gesagt haben. Sie habe einen anderen Mann kennengelernt, zudem suche sie seit drei Monaten eine Wohnung.

Marco F. sagt, er habe nicht um seine Frau gekämpft. Seine größte Sorge sei es gewesen, seine Kinder, ein und neun Jahre alt, nicht mehr sehen zu dürfen. Schon bei einer ersten Trennung im Jahr 2013 habe er den Eindruck gehabt, seine Partnerin wolle ihm die Tochter entziehen. Nach sechs Monaten zog das Paar damals wieder zusammen, kurz darauf kaufte es die Doppelhaushälfte. Im vorigen Jahr wurde der Sohn geboren.

Marco F. kann sich nach eigenen Worten nicht an die Tat terinnern. Er weiß nur noch, wie er in jener Nacht schweißgebadet aufgewacht sei. In der Küche habe er Wasser getrunken, dann eine Schublade geöffnet und ein oder zwei Messer herausgenommen. Angeblich setzen dann die Erinnerungen aus. Erst im Krankenwagen sei er wieder zu sich gekommen, sagt er. Er wolle die Tat aber in keinster Weise abstreiten.

Messer blieb stecken

Es grenzt an ein Wunder, dass Henriette W. den Angriff ihres Lebensgefährten überlebt hat. Laut Anklage schlief sie, als Marco F. mit einem Messer auf den Rücken der Lehrerin einstach. Bis die Klinge im Bereich der Brustwirbelsäule steckenblieb.

Der gelernte Industriemechaniker soll dann in die Küche zurückgelaufen sein und ein neues Messer geholt haben. Auch das brach beim Versuch ab, die Frau zu töten.

Schließlich soll ein Brotmesser zum Einsatz gekommen sein, mit dem Marco F. seiner Partnerin die Pulsadern und den Hals aufschneiden wollte. Ein Notarzt soll später von einer versuchten Enthauptung gesprochen haben.

Ein Polizist, der mit seiner Kollegin zuerst zum Tatort kam, sagt als Zeuge, die kleine Lisa habe schon an der Tür gewartet und sich sofort an ihn geklammert. Im Haus habe er eine Frau „Hilfe, er tötet mich“! schreien hören.

Blutdurchtränktes Bett

Im elterlichen Schlafzimmer habe sich ein furchtbares Bild geboten: Das Doppelbett und die Kleidung der darauf liegenden Frau seien blutdurchtränkt gewesen. Marco F. habe sofort von der Frau abgelassen und danach völlig apathisch gewirkt.

Nur durch eine stundenlange Notoperation konnten Ärzte das Leben der 33-Jährigen retten.  Auch der Angeklagte war verletzt. Er hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. „Ich wollte einfach nur sterben“, hatte Marco F. unmittelbar nach der Tat bei der Polizei ausgesagt.

Henriette W. ist in dem Prozess Nebenklägerin. Sie lässt sich durch eine Anwältin vertreten. An einem der nächsten Verhandlungstage als Zeugin gehört werden. Ihre Tochter Lisa wird das Gericht voraussichtlich nicht befragen.