Anja D. schluckte 90 bis 150 Schlaftabletten mit dem Wirkstoff Phenobarbital. Dann schrieb sie ihrem Hausarzt Christoph T. eine SMS: „Danke dir, alles geschluckt“. Es ist das letzte Lebenszeichen der 44-Jährigen. Eine mit dem Arzt vereinbarte Nachricht. Als Christoph T. eineinhalb Stunden später in die Zehlendorfer Wohnung seiner Patientin kommt, findet er die Frau in ihrem Bett in tiefer Bewusstlosigkeit. Auf dem Nachttisch liegen drei Abschiedsbriefe: an die Mutter, an den Sohn, an die Freundin. 

Der Arzt verlässt die Wohnung wieder - ohne Hilfe zu holen. An den nächsten zwei Tagen kommt er jeweils morgens, mittags und abends zu Anja D.

Sie war 13 Jahre lang seine Patientin. Ihr Zustand ist unverändert, aber sie lebt. Am dritten Tag nach der Einnahme der Tabletten ist die 44-Jährige tot. Es ist der 19. Februar 2015.

Tötung auf Verlangen durch Unterlassen

Christoph T. sitzt seit Anfang Januar auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 68-jährigen Arzt, der mittlerweile im Ruhestand ist, Tötung auf Verlangen durch Unterlassen vor. An diesem Donnerstag wird das Gericht urteilen, ob sich Christoph T. schuldig gemacht hat oder nicht.

Es geht um die Frage, ob ein Mediziner seine an einer unheilbaren Krankheit leidende Patientin in den drei Tagen, in denen sie nach der Einnahme der Schlaftabletten im Koma lag, hätte retten müssen. Was seit Jahren umstritten ist. Und es geht darum, ob Christoph T. nicht sogar aktive Sterbehilfe geleistet hat, die in Deutschland strafbar ist. Denn Anja D. war vor der Einnahme der Tabletten ein Antibrechmittel injiziert worden. Von dem Arzt?

Christoph T. ist sich keiner Schuld bewusst. Er sagt, dass er die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft absurd finde. Anja D. habe sterben wollen. Sie hatte bereits fünf mal erfolglos versucht, sich das Leben zu nehmen.

Nicht lebensbedrohliche Reizdarmerkrankung

Die Arzthelferin litt seit ihrer Jugend unter einer chronischen, schmerzhaften aber nicht lebensbedrohlichen Reizdarmerkrankung - die jedoch ihre Lebensqualität erheblich einschränkte. Das musste selbst die Staatsanwältin zugeben.

Das Landgerichts hatte die Eröffnung der Hauptverhandlung zunächst abgelehnt mit der Begründung, Christoph T. habe rechtmäßig gehandelt. Dagegen hatte die Staatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt. Zu Recht, entschied das Kammergericht und verwies das Verfahren an die Strafkammer, die nun ein Urteil finden muss.

Die Anwälte von Christoph T. halten ihren Mandanten für unschuldig. Sie berufen sich vor allem auf das Patientenverfügungsgesetzt aus dem Jahr 2009. Es legt fest, dass der Wille des Patienten bindend ist, selbst wenn er nicht mehr in der Lage ist, selbst zu entscheiden.

Die Verteidiger gehen sogar soweit, der Staatsanwältin zu unterstellen, sie fordere ein strafbares Verhalten ihres Mandanten - eine Behandlung auch gegen den Willen der Patientin. Sie kündigen an, gegen eine eventuelle Verurteilung vorzugehen.

Die SMS ein Hilfeschrei?

Die Staatsanwältin hingegen ist nicht überzeugt davon, dass Anja D. wirklich sterben wollte. Sie schließt nicht aus, dass die letzte SMS der 44-Jährigen an deren Arzt auch ein Hilfeschrei gewesen sein könnte - von jemanden, der nicht sterben, sondern gerettet werden wollte. Dass das Verfahren überhaupt ins Rollen kam, ist der Ehrlichkeit des Arztes geschuldet. Er wollte nie verbergen, dass seine Patientin an einer Überdosis Schlaftabletten starb. Er kreuzte auf dem Leichenschauschein „natürliche Todesursache“ an und vermerkte zugleich, dass Anja D. an einer Tablettenintoxikation starb.

Ein Widerspruch, der eine Obduktion der Leiche und eine Anklage gegen den Arzt nach sich zog. Für den Arzt gibt es diesen Widerspruch nicht. Er erklärt im Prozess, dass er den willentlichen Suizid seiner Patientin für einen natürlichen Tod halte.

Er gibt auch zu, dass er die zwei Privatrezepte für das Schlafmittel ausgeschrieben und eines sogar selbst in der Apotheke eingelöst habe. Er streitet aber ab, Anja D. das Antibrechmittel gespritzt zu haben. „Die Patientin war in allergrößter Not, sie war chronisch krank, sie hat alles versucht, ihr Leiden zu lindern“, sagt er. Nichts habe geholfen, und Anja D. sei entschlossen gewesen zu sterben.

Das erklärt auch ihre beste Freundin als Zeugin vor Gericht. Sie spricht von Schmerzen, von Krämpfen, von qualvollen, schlaflosen Nächten, unter denen ihre Freundin permanent litt.

Unerträgliche Schmerzen und Krämpfe

Anja D. hatte nach ihren Worten Angst zu essen. Weil dann sofort die Schmerzen und Krämpfe unerträglich wurden. Sie beschreibt den Zustand von Anja D. so, als wäre aus ihr so langsam die Luft entwichen. Sie habe zudem gewusst, dass sich Anja D. das Leben nehmen wolle - sie habe das akzeptiert und gehofft, dass es diesmal klappen werde.

Die Freundin sagt auch, dass sie Christoph T. dankbar sei, dass er Anja geholfen habe. „Sie konnte und sie wollte nicht mehr“, erklärt die Zeugin. Und sie erzählt auch, dass sich Anja D. einige Zeit vor ihrem Tod ein Tattoo in den Nacken stechen ließ. Es bestand aus drei Worten: „No more pain“. Nie wieder Schmerzen.

Der öffentliche Prozess beginnt am Donnerstag um 9.30 Uhr im Saal 820 des Kriminalgerichts Moabit in der Turmstraße 91.