Prozess der Woche: Der brutale U-Bahn-Treter von Neukölln

Ohne dieses Video wäre die brutale Tat wohl niemals aufgeklärt, der mutmaßliche Täter niemals gefasst worden. In bester Bildqualität zeigt der Film aus einer Überwachungskamera der BVG, wie in der Nacht zum 27. Oktober 2016 ein Mann hinter einer Frau ein paar Stufen zum U-Bahnsteig des Bahnhofs Hermannstraße in Neukölln hinuntereilt. In der linken Hand hält er eine Bierflasche, in der rechten eine Zigarette.

Dann - kurz hinter der Frau, die sich die Kapuze ihres schwarzen Mantels über den Kopf gezogen hat und völlig arglos ist - tritt ihr der kräftige, mit Basecap, Lederjacke und Jeans bekleidete Mann mit dem rechten Fuß mit voller Wucht in den Rücken. Die 26-Jährige stürzt die Treppen hinunter. Sie bricht sich dabei einen Arm.

Prominente loben Belohnung aus

Der Täter läuft ungerührt die Treppe wieder hoch, zieht an seiner Zigarette und verschwindet aus dem Fokus der Kamera. Ein Bekannter des Mannes schaut noch zu dem Opfer hinab, dann hebt er eine Bierflasche auf, die ein paar Stufen hinuntergerollt ist und verschwindet ebenfalls. Zwei Unbeteiligte kümmern sich um die Verletzte.

Die Polizei hatte das Video erst Wochen nach der Tat veröffentlicht, weil sie den Täter nicht ermitteln konnte. Der kurze Film hat Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken beschäftigt. Zahlreiche Prominente, darunter auch Jan Josef Liefers, lobten eine Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung des brutalen U-Bahn-Treters führten.

Festnahme am Busbahnhof

An diesem Donnerstag beginnt vor dem Landgericht Berlin nun der Strafprozess gegen den mutmaßlichen Täter. Der 28-jährige Svetoslav S. muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Zudem steht er wegen des Vorwurfs exhibitionistischer Handlungen vor Gericht. Er soll sich am 13. Oktober des vorigen Jahres am hellichten Tag in einem Park vor zwei Mädchen und später vor einer Frau entblößt und masturbiert haben.

Nach der Veröffentlichung des Videos von der brutalen Attacke im U-Bahnhof war zunächst ein jüngerer Bruder des Angeklagten festgenommen worden. Doch von Svetoslav S. fehlte anfangs jede Spur. Die Ermittler vermuteten, dass der Bulgare in seiner Heimatstadt Varna untergetaucht sein könnte.

Fahnder konnten ihn schließlich am 17. Dezember am Zentralen Omnibusbahnhof festnehmen. Svetoslav S. war mit einem Bus aus Frankreich nach Berlin gekommen. Bulgarische Medien hatten den vollen Namen des Mannes genannt und berichtet, dass S. drei Kinder habe und in Bulgarien mehrfach vorbestraft sei - unter anderem wegen Raubes und Diebstahls.

Opfer als Nebenklägerin

Für den Prozess in Berlin hat die 21. Strafkammer insgesamt fünf Verhandlungstermine angesetzt. Schon am ersten Prozesstag, also am Donnerstag, soll das Opfer, die getretene 26-jährige Frau, als Zeugin aussagen. Sie ist in dem Verfahren zudem Nebenklägerin. Ein Urteil gegen Svetoslav S. könnte am 6. Juli fallen. Ihm droht im Fall eines Schuldspruchs eines Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Es ist nicht das erste Verbrechen, das mit Hilfe von Videoaufzeichnungen aus Überwachungskameras geklärt werden konnte. So wurde der Mörder der Kinder Mohamed und Elias durch die Bilder einer Kamera ermittelt. Geklärt werden konnte auch der Mord an der Abiturientin Hanna K. in Kaulsdorf.

Der Täter war mit der jungen Frau am Bahnhof Wuhletal aus der U-Bahn gestiegen, er hatte sie verfolgt, in ein Gebüsch gezerrt und erdrosselt. Die Fahnder konnten anhand der Videobilder den Weg von Hanna K. bis zum U-Bahnhof Frankfurter Allee zurückverfolgen und so den Täter ermitteln.

Geholfen haben Videoaufzeichnungen auch im Fall der Feuerattacke auf einen Obdachlosen auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße. Für die Tat müssen sich derzeit sechs Flüchtlinge aus Syrien und Libyen wegen versuchten Mordes vor dem Berliner Landgericht verantworten.

Videoaufzeichnungen mit Augenmaß

Der Opferbeauftragte von Berlin, Roland Weber, befürwortet "Videoaufzeichnungen mit Augenmaß". Erst kürzlich hatte er der Berliner Zeitung gesagt, dass anhand der Bilder eine ganze Reihe schwerster Verbrechen in Berlin aufgeklärt werden konnten. Zudem seien dadurch nicht selten Täter gestoppt worden, die sonst womöglich weitere Verbrechen begangen hätten.

Der Prozess gegen den mutmaßlichen U-Bahn-Treter ist öffentlich. Er beginnt um 12 Uhr im Saal B 129 des Kriminalgerichts Moabit in der Turmstraße 91.