Es gibt einen Film, der immer noch auf der Facebookseite des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus zu sehen ist. 47 Sekunden ist er lang. Zu erkennen ist ein junger Mann, der mit einem Gürtel und voller Hass auf einen anderen jungen Mann einprügelt - nur weil dieser eine Kippa trägt, die religiöse jüdische Kopfbedeckung. Der Angreifer schreit immer wieder „Yahudi“, das arabisch Wort für Jude. Er peitscht solange auf den Kippa-Träger ein, bis ihn ein anderer Mann wegzieht. Hurensohn ist von dem Angreifer noch zu hören. Dann bricht das Video ab.

Der mutmaßliche Täter, ein Syrer, stellte sich zwei Tage nach dem Angriff der Polizei - wohl auch, weil er auf dem öffentlich gemachten Video gut zu erkennen war. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die Tat hatten das Opfer, ein Israeli, und sein Begleiter, ein Deutsch-Marokkaner gefilmt. Beide liefen mit der Kippa am hellichten Tag durch Berlin, durch den Prenzlauer Berg.

Mit Gürtel verprügelt

Am Dienstag muss sich der mutmaßliche Angreifer vor einem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Tiergarten verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 19-jährigen Knaan S. gefährliche Körperverletzung und Beleidigung vor.

Knaan S. soll die Kippa-Träger zunächst antisemitisch beschimpft haben. Als die beiden Männer Knaan S. und dessen Begleiter aufgefordert hätten, sie in Ruhe zu lassen, soll der Angeklagte den Gürtel aus seiner Hose gezogen und damit mindestens zehnmal auf den Israeli Adam A. eingeschlagen haben, so die Staatsanwaltschaft. Die Gürtelschnalle habe den Geschädigten im Gesicht, am Bauch und an den Beinen getroffen - und Schmerzen hinterlassen.

Politiker verurteilten den Vorfall

Als Adam A. dem Angreifer nachgehen wollte, soll Knaan S. mit einer Glasflasche zum Schlag gegen den Israeli ausgeholt haben. Eine Zeugin habe den Schlag aber verhindern können, so die Anklage. Adam A. erlitt durch die Attacke unter anderem eine aufgeplatzte Lippe und Schmerzen im Nacken und den Beinen.

Die Tat hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt und die Diskussion um Antisemitismus in Deutschland befeuert. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, warnte nach der Attacke Juden davor, sich in Großstädten wie Berlin öffentlich mit einer Kippa zu zeigen. Politiker verurteilten den Vorfall.

Die „Kippa des Anstoßes“

Doch es gab auch bundesweite Solidaritätbekundungen. Unter dem Slogan „Berlin trägt Kippa“ zeigten sich Tausende Demonstranten mit der religiösen Kopfbedeckung. Ähnliche Solidaritätsaktionen gab es auch in Potsdam, Köln, Erfurt und Magdeburg.

Der attackierte Adam A. hatte nach den Angriff erklärt, er sei zwar relativ ruhig geblieben, habe jedoch auch „richtig Angst gehabt“. Er sagte auch, dass er noch lange nach dem Vorfall gezittert habe. Der Deutschen Welle erzählt er, dass das Tragen der religiösen Kopfbedeckung eine Art Experiment gewesen sei. Er sei kein Jude, habe die Kippa jedoch getragen, weil ihm Freunde in Israel erzählt hätte, es sei gefährlich, damit öffentlich durch deutsche Städte zu laufen. Er habe eigentlich das Gegenteil beweisen wollen.

Das Interesse an dem Prozess gegen Knaan S. ist von so großem Interesse, dass das Gericht im größten Saal des Kammergerichts, dem Schwurgerichtssaal 700, verhandeln muss. Acht Zeugen sind geladen, darunter auch Adam A. Bislang wurde nur ein Verhandlungstag anberaumt. Das heißt, dass der Prozess schon am Dienstag mit einem Urteil enden könnte.

Die Kippa, die Adam A. trug, ist seit drei Wochen im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. Sie wird im Foyer als „Kippa des Anstoßes“ in einer Vitrine ausgestellt.

Der öffentliche Prozess beginnt um 9.15 Uhr im Saal 700 des Kriminalgericht Moabit in der Turmstraße 91.