Nein, man darf ein Auto nicht tagelang auf dem Parkplatz eines Supermarkts abstellen. Der Supermarkt darf das Auto dann abschleppen. Nur eines darf er nicht: den Wagen gleich noch verschrotten lassen. Dr. Christiane Simmler, Vorsitzende Richterin am Kammergericht, machte das dem Anwalt der Firma Lidl unmissverständlich deutlich: „Melden Sie das an Lidl weiter. So geht das nicht!“

Es drehte sich um einen betagten Mercedes, Baujahr 1999. Die A-Klasse hatte im April 2013 einige Tage lang auf dem Parkplatz des Discounters an der Sonnenallee gestanden. Dann ließ ein Mitarbeiter den Wagen abtransportieren. Das Abschleppunternehmen steckte es sofort in die Schrottpresse.

Besitzer war der frühere Football-Profi Richard Yancy, der vor Gericht 6000 Euro Schadenersatz erstreiten wollte. Yancy berichtete der Berliner Zeitung, was geschehen sei: „Das Schiebedach war defekt.“ Eine Werkstatt sollte das reparieren. Ein paar Tage später rief die Werkstatt bei ihm an und fragte an, ob er den Wagen abgeholt habe. Man hätte ihn auf den Lidl-Parkplatz gestellt, weil in der Werkstatt kein Platz war, und nun sei er weg.

Yancy hatte den von seiner Mutter übernommenen Mercedes nicht geholt. Er begann zu telefonieren – Polizei, Abschlepper, Lidl. Schließlich hatte er die Firma erreicht, die den Wagen abtransportiert hatte. Zu seinem Ärger musste er hören: „Der ist schon verwertet?“ Verwertet? „Ja, in der Presse.“

Das wollte Richard Yancy nicht auf sich beruhen lassen, zog vors Landgericht und verlor. Er legte Berufung ein, am Montag war die Verhandlung. Yancy hatte schlechte Karten. Mit den Worten der Richterin gesprochen: „Sie stehen ein bisschen dumm da.“ Denn der Anwalt des Klägers hatte das Mandat am Freitag niedergelegt, laut Yancy hatte es Streit wegen zu geringen anwaltlichen Engagements gegeben. Ohne Anwalt aber konnte er keine Anträge stellen; es erging ein Versäumnisurteil: Yancys Berufung wurde zurückgewiesen.

Die Richterin machte aber deutlich: Wenn er mit einem neuen Anwalt Einspruch erhebe, habe er gute Chancen, wenigstens ein bisschen Geld einklagen zu können. Zwar seien die verlangten 6000 Euro „aberwitzig“, aber 125 bis 1000 Euro seien vorstellbar: „Das ist nicht nichts.“

„Irrtümliche Selbsthilfe“

Lidl habe „irrtümliche Selbsthilfe“ begangen – das steht im Bürgerlichen Gesetzbuch in Paragraf 231, dem die meisten Juristen zuletzt an der Universität begegnet seien und der Lidl zum Schadenersatz gegenüber dem Mercedes-Besitzer verpflichten dürfte.

Da half es auch nicht, dass der Anwalt Lidls mehrere Argumente ins Feld führte: Der Wagen habe keine Kennzeichen gehabt, drinnen habe ein alter Weihnachtsbaum gelegen. Das Auto sei ein halbes Jahr lang weder angemeldet und versichert gewesen. Es sei unklar, ob Yancy der Eigentümer gewesen sei – in der Tat lief er zeitweilig über die Firma eines Freundes von Yancy.

Überhaupt sei das alles eine Autoschieber-Sache, erklärte der Anwalt, was die Richterin wegwischte: Das ginge aus den Prozessakten des Landgerichts nicht hervor. Ansonsten belegten die Fotos vom Abschleppen nicht, dass der Wagen nichts mehr wert gewesen sei – der Vortrag Lidls, er wäre schrottreif gewesen, sei „dünn“. Es hätte auch sein können, dass Autodiebe ihn dort abgestellt hätten.

Der Anwalt wollte sich gegenüber der Berliner Zeitung nicht äußern. Yancy, der sich von Lidl ungerecht behandelt fühlt, wird Einspruch erheben. Schon aus Prinzip.