Berlin - Zwei Autos rasen mit weit über hundert Kilometer in der Stunde über den Kudamm. Links ein weißer Mercedes, 381 PS, rechts ein weißer Audi, 225 PS. Es ist der 1. Februar 2016, 0.45 Uhr. Die Wagen schießen in die Kreuzung Tauentzien Ecke Nürnberger Straße. Ein Jeep kommt von rechts. Er ist klein und pinkfarben. Der Audi trifft ihn mit mindestens 160 km/h in die Seite. Der Jeep hebt ab, fliegt 72 Meter weit und bleibt auf der Seite liegen. Der Audi streift den Mercedes, knallt gegen eine Granitmauer, dreht sich, bevor er 60 Meter weiter stehen bleibt. Der Mercedes fährt eine Fußgängerampel um, prallt zwischen Steinbegrenzungen der Straße hin und her, fliegt ein paar Meter und schlägt auf. Ein Mensch stirbt, der Fahrer des Jeeps.

Fast genau ein Jahr später sitzt Hamdi H., der Mann, der den Audi gesteuert hat, im Kriminalgericht Moabit. Es ist der 13. Verhandlungstag im Prozess gegen die beiden als Kudamm-Raser bekannt gewordenen Männer. Hamdi H. trägt an diesem Tag eine undurchdringliche Miene zur Schau. Er ist 27 Jahre alt, aber er wirkt jünger und verletzlicher als sonst. Fast so, als wäre er hier das Opfer und nicht derjenige, der durch sein rücksichtsloses Verhalten einem Menschen das Leben genommen hat. Vielleicht hat er aber auch Angst vor der Aussage jener Frau, die gerade in den Zeugenstand tritt und einige Blätter Papier vor sich auf den Tisch legt. Vielleicht ahnt er, dass er etwas über sich erfahren wird, das nicht seinem Selbstbild entspricht.

Jaqueline Bächli-Biétry kommt aus der Schweiz, sie ist Verkehrspsychologin und die einzige Zeugin, die an diesem Tag gehört wird. Das Gericht nimmt sich viel Zeit für ihre Aussage, denn sie ist spezialisiert auf „verkehrsauffällige Lenker“. So nennt sie junge Männer, die sich auf ganz normalen Straßen illegale Rennen liefern und dabei das Leben ihrer Mitmenschen gefährden.

Die Anklage in diesem Prozess geht davon aus, dass die beiden Angeklagten Hamdi H. und Marvin N. genau das getan haben. Sie sind Raser. Jaqueline Bächli-Biétry soll die Frage beantworten, warum sie das tun, was sie antreibt, was das für Männer sind.

Gemeingefährliche Mittel

Der Staatsanwalt wirft den beiden Angeklagten Mord vor. Seinen Ermittlungen zufolge haben sie sich an jenem 1. Februar spontan zu einem illegalen Straßenrennen verabredet. Nur für die eigene Selbstbestätigung haben sie ihre Wagen als Waffen benutzt und deshalb mit gemeingefährlichen Mitteln einen Menschen getötet.

Der Unfall wirkt wie der sprichwörtliche letzte Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt. Über 50 illegale Autorennen auf Berliner Straßen hat die Polizei im vergangenen Jahr registriert. Unfälle wurden dadurch verursacht und Menschen verletzt. Überall in der Republik gibt es diese Problemgruppe: junge Männer mit zu viel PS, Männer, die hochmotorisierte Autos brauchen, um sich größer und bedeutender zu fühlen. Sie messen sich auf deutschen Straßen. Wer kann schneller, wer ist geiler? Manchmal passiert es, dass bei diesen Rennen Menschen sterben. Aber ist das Mord? Oder doch bloß Fahrlässigkeit.

Im ganzen Land beobachten Politiker, Richter, Staatsanwälte diesen Berliner Prozess. Er fällt in eine Debatte, wie sich illegale Autorennen verhindern lassen. Es soll strengere Gesetze geben, härtere Strafen, Tempolimits.

Jaqueline Bächli-Biétry ordnet ihre Papiere und sagt: „Der Angeklagte glaubt, dass andere vor Schäden sicher sind, weil er so gut fährt.“ Man hat diesen Satz im Ohr, wenn man auf die Unfallfotos schaut und die zerlegten Autos sieht. Der Widerspruch könnte nicht größer sein. Aber Jaqueline Bächli-Biétry ist davon überzeugt, dass Hamdi H. noch immer daran glaubt, er sei ein guter Fahrer.

Sie ist eine schmale. mittelgroße Frau mit halblangen, lockigen Haaren. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren aus verkehrspsychologischer Sicht mit sogennannten Rasern. Sie fertigt Eignungsgutachten an, die in der Schweiz darüber entscheiden, ob Raser charakterlich geeignet sind, um wieder am Straßenverkehr teilzunehmen.

Sie ist genau auf jene jungen Männer spezialisiert, die eine starke emotionale Beziehung zu ihren Autos haben und extreme Risiken auch für andere Menschen in Kauf nehmen und deren Leben riskieren. Hierzulande gibt es solche Gutachter wie sie nicht. Und das Gericht hat nicht gezögert, als der Verteidiger von Hamdi H. beantragte, seinen Mandanten von Jaqueline Bächli-Biétry begutachten zu lassen. Denn Hamdi H. hat wie auch der zweite Angeklagte Marvin N. in diesem Prozess bisher geschwiegen. Über ihre Motive konnte bisher nur gemutmaßt werden.

Hamdi H. sitzt seit vergangenem März in Untersuchungshaft. Zweimal hat sich die Psychologin seitdem mit ihm getroffen, jeweils zweieinhalb Stunden. Sie hat mit dem Angeklagten über sein Verhalten im Straßenverkehr gesprochen und einige Tests mit ihm gemacht. Der Unfall selbst blieb außen vor. Hamdi H. behauptet, sich daran nicht zu erinnern.

Die Verteidigung verspricht sich viel von diesem Gutachten. Beide Angeklagte wehren sich gegen den Mordverwurf. Es gebe keinen konkreten Tötungsvorsatz, hatte Hamdi H.’s Verteidiger bereits am ersten Prozesstag gesagt. Nur weil jemand weiß, dass sein Handeln gefährlich ist, hat er noch lange nicht vor zu töten, soll das heißen. Festverwurzelte Selbstüberschätzung gepaart mit fahrerischem Können könnte Grundlage für ein Urteil wegen fahrlässiger Tötung sein. Das ist das Kalkül des Anwalts. Deshalb war Hamdi H. bereit, sich für Gespräche mit der Verkehrspsychologin zu öffnen.

Schwierigkeiten gab es in den Gesprächen offenbar nicht. „Er hat sich kooperativ verhalten, sehr freundlich, sehr zuvorkommend, manchmal hat er Dinge beschönigend dargestellt“, sagt Jaqueline Bächli-Biétry. Sie geht davon aus, dass es sich tatsächlich um ein Rennen gehandelt hat. Denn es wurde nachgewiesen, dass beide Autos parallel beschleunigten, der eine auf 130, der andere Wagen auf 170 Stundenkilometer. Dass es aber überhaupt zu dem Rennen kam, ist nach Angaben von Zeugen, die bereits im Prozess ausgesagt haben, eher Zufall gewesen. Die Rekonstruktion des Tages hat ergeben, dass Marvin N. seine Freundin Olesya K. um 21 Uhr zu Hause abholte. Die beiden gingen zusammen essen und abschließend in die Diamonds Shisha Bar am Kudamm. Später wollten sie nach Hause, beide wohnen in Marzahn. Olesya K. ist 22 Jahre alt und war zum Zeitpunkt des Unfalls erst seit kurzem mit Marvin N. liiert. Sie wird an diesem Abend schwer verletzt. Im Prozess tritt sie als Nebenklägerin auf.

Marvin N. ist 24 Jahre alt, hat Glatze und Vollbart. Nach der Schule verpflichtete er sich bei der Bundeswehr, landete bei den Fallschirmjägern. Aber kam dort nicht klar. Er schied aus und arbeitete fortan als Sicherheitsmann in Flüchtlingsheimen. Er wohnt bei seiner Mutter. Sein Auto ist sein Ein und Alles.

Hamdi H. stammt aus dem Kosovo. Er ist mit seinen Eltern Ende der 90er-Jahre als Kriegsflüchtling nach Berlin gekommen und in Moabit aufgewachsen. Eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker hat er abgebrochen und schon öfter vor Gericht gestanden. Wegen eines Einbruchs musste er ins Gefängnis. Er ist arbeitslos und auch er wohnt bei seinen Eltern. In der Unfallnacht sitzt Hamdi H. in einer Shisha-Bar in Wedding, aber der Abend ist noch jung, er steigt ins Auto und fährt los, Richtung Kudamm.

Nach den Worten von Olesya K. taucht Hamdi H. plötzlich an einer Kudamm-Kreuzung neben ihnen auf. Die Männer kennen sich aus den Shisha-Bars. Viele junge Leute treffen sich dort regelmäßig. PS-starke Autos gelten als Status-Symbol. Ihre Wagen sind teuer, 60 000 Euro aufwärts. Durch Leasing-Verträge sind sie auch für Männer mit wenig Geld verfügbar.

Frauen interessieren sich selten für solche Autos. Sie sind auch nicht unter den Rasern bei illegalen Wettrennen in den Städten zu finden. Sie messen sich anders miteinander, sagen Psychologen.

In der Unfallnacht unterhalten sich die beiden Männer durch die heruntergelassenen Fenster. Olesya K. tippt Nachrichten in ihr Telefon und bekommt nicht mit, worüber die Männer sprechen. Nur, dass sie plötzlich losrasen: Hamdi.H. vorneweg, Marvin N. hinterher. Zweimal hält ihr Begleiter an roten Ampeln noch an, dann rast auch er wie sein Vordermann einfach durch. „Ich war schockiert von der Geschwindigkeit. Es war wie in der Achterbahn“, sagt Olesya K. vor Gericht. Dann kommt es zum Crash. Die Airbags gehen auf. Olesya K. ringt um Luft. Aber sie lebt.

Eine richtige Rennszene mit agesteckten Strecken, regelmäßigen Teilnehmern, Wetten und Publikum gibt es in Berlin nicht. Wohl aber, sagt die Polizei, gibt es eine sogenannte Tuning-Szene. Auch hier sind es junge Männer, die ihre aufgemotzten Fahrzeuge zur Schau stellen. Der Kudamm ist ihr Laufsteg. Die Fahrer wollen allerdings weder ihre Wagen noch ihre Fahrerlaubnis gefährden und nehmen nicht an illegalen Autrennen und Profilierungsfahrten teil. Dass es keine feste Rennszene gibt, macht es aber nicht besser, im Gegenteil. Die Straßenrennen in Berlin finden außerhalb typischer Szene-Treffpunkte spontan und nach zufälliger Verständigung statt. Genau wie in jener Winternacht vor einem Jahr. Und die Polizei ist hilflos und kommt immer erst, wenn es schon zu spät ist.

Jaqueline Bächli-Biétry sagt, Hamdi H. nehme sich nicht als Täter wahr. Seine Affinität zu Fahrzeugen sei extrem hoch. Er sieht die Ursache in Konflikten bei anderen Autofahrern, die ihm nicht ausweichen, macht Gesetze verantwortlich oder schlechte Bremsen. Auch nach dem Unfall ist das so. Er hat sein Auto geliebt. Es habe massiv dazu beigetragen sein Selbstwertgefühl zu steigern, sagt die Verkehrspsychologin. „Das ist eine Beziehung wie bei einer Mutter zum Kind.“ Das Auto diene dazu, sich selbst zu erhöhen. Es steigere das Selbstwertgefühl, weil es ihm Achtung verschaffe bei Leuten, die ebenfalls autoaffin sind.

„Beim Fahren überschätzt er seine Möglichkeiten massiv. Er glaubt, er hat alles im Griff“, sagt sie. Er lebe wie in einer Blase in dem Glauben, er gefährde niemanden.

Fehlende Sanktionen

Jaqueline Bächli-Biétry hat sich mit der Frage befasst, was man tun kann, um chronische Raser am Rasen zu hindern. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass schärfere Strafandrohung nicht helfe, eher konkrete Hindernisse, Dinge, die die Raser vom Rasen abhalten können: dauerhafter Führerscheinentzug, PS-Beschränkung, Führerschein auf Probe. Sie sieht auch Verantwortung bei der Autobranche: Junge Männer, die noch nicht viel Erfahrung haben, dürften keine Autos mit starken Motoren leasen oder mieten dürfen. Sie ist erstaunt, dass an Berliner Ampeln nicht geblitzt und die Geschwindigkeit gemessen wird. „Fehlende Sanktionen sind ein Problem“, sagt sie.

Hamdi H. hat ein beachtliches Strafregister: 19 Verkehrsordnungswidrigkeiten, vier registrierte Vorfälle im Straßenverkehr, auch Personenschäden waren schon dabei. Aber außer Geldstrafen und drei Monaten Führerscheinentzug gab es keine Konsequenzen. Eine Tauglichkeitsprüfung musste er noch nie ablegen. Wenn es nach der Gutachterin geht, dürfte Hamdi H. nie wieder Auto fahren. „Er ist absolut nicht geeignet. Er bräuchte eine vertiefende Therapie“, sagt sie.

Aber erstmal geht es in diesem Verfahren um die Frage nach dem Vorsatz. Und da hat die Verteidigung vielleicht eine gute Idee gehabt, als sie diese Gutachterin ins Verfahren holte. Sie ist der Auffassung, dass der Angeklagte nicht das Ziel hatte, einen Menschen zu töten. „Das Ziel war Selbstbestätigung“, sagt sie.