Prozess gegen Mario K.: Der Maskenmann steht vor Gericht

Bad Saarow / Storkow - Gerade erst ist der Scharmützelsee im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree in einer Online-Abstimmung unter 2000 Gewässern zum Lieblingssee der Deutschen des Jahres 2013 gekürt worden. 110 000 User beteiligten sich an der Abstimmung, bei der solche bekannten Gewässer wie der Bodensee das Nachsehen hatten. Doch gerade hier, am beschaulichen Ufer des größten naturbelassenen Sees Brandenburgs und dem benachbarten Großen Storkower See, ereigneten sich die spektakulärsten Verbrechen der brandenburgischen Kriminalgeschichte.

Hier schlug der sogenannte Maskenmann mehrfach zu. Er überfiel 2011 und 2012 zwei Berliner Millionärsfamilien und machte dabei auch von der Schusswaffe Gebrauch. Das Phantom mit der Gaze-Maske sorgte lange Zeit für Verunsicherung in Bad Saarow und im 15 Kilometer entfernten Storkow. Mehr als zwei Jahre dauerte die Fahndung nach dem Phantom. Zeit, in der die Menschen bangten, der Täter könnte erneut zuschlagen. Ab dem heutigen Montag nun sitzt ein Mann auf der Anklagebank, den die Ermittler für den brutalen Maskenmann halten. Mario K. muss sich vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) unter anderem wegen versuchten Mordes, Geiselnahme und räuberischer Erpressung verantworten.

Beamte haben nur Indizien, keine Beweise

Es wird eine schwierige Beweisaufnahme, wie die Gerichtssprecherin Susanne Cramer sagt. Kein leichtes Verfahren also. Mario K. leugnet die Tat. Und auch sein Anwalt, Axel Weimann, ist wohl von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Die Waffe, die der Maskenmann bei den Überfällen benutzt hat, ist bis heute nicht gefunden worden. Zeugen haben den Täter nur maskiert gesehen. Schon kurz nach seiner Festnahme hatte Brandenburgs Polizeipräsident Arne Feuring zugeben müssen: Man habe keinen klassischen Beweis. „Wir reden von Indizien, von vielen Indizien.“ Bei der Prüfung, ob die Anklage zugelassen wird, tat sich das Gericht daher schwer. Denn für die Eröffnung der Hauptverhandlung, wie es nun der Fall ist, muss es anhand der Akten prüfen, ob die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung höher ist als ein Freispruch.

Das Motiv der Tat sehen die Fahnder im Geld. Der 46-jährige gelernte Dachdecker aus Berlin soll sich vermögende Opfer ausgesucht haben. Offenbar wollte er sie entführen, um dann ein Lösegeld zu kassieren. Im August 2011 lauerte er laut Anklage der Ehefrau des Berliner Immobilienmillionärs Christian P. auf dem familiären Landsitz in Bad Saarow auf. Mario K. soll die Frau niedergeknüppelt und schwer verletzt haben. Die Hunde schlugen den Täter in die Flucht.

Zwei Monate später soll der Angeklagte versucht haben, die Tochter der Familie zu entführen. Ein Bodyguard warf sich dem mit einem Gaze-Tuch maskierten Mann entgegen. Zwei Schüsse trafen ihn. Der 31-Jährige überlebte nur durch eine Notoperation, er ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Die Tochter blieb unverletzt. Die Polizei suchte damals großflächig das Gelände ab. Phantombilder wurden veröffentlicht. Zahlreiche Hinweise gingen ein, auch einige, die auf Nachbarschaftsstreitigkeiten beruhten.

Der Maskenmann hielt seine Geisel 34 Stunden fest

Dann blieb es lange Zeit ruhig. Bis am Abend des 5. Oktober 2012 ein maskierter Mann in die am Großen Storkower See gelegene Villa des Investmentbankers Stefan T. eindrang, die Ehefrau des 51-Jährigen zwang, ihren Mann zu fesseln und zu knebeln und, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, mit seiner Waffe in die Decke schoss. Er drohte, den Mann zu töten und sich den zehnjährigen Sohn der Familie zu holen, sollte die Polizei eingeschaltet werden. Anschließend zerrte er Stefan T. zum See zu einem gestohlenen Kajak. Er zwang den gefesselten Mann, sich an das Boot zu klammern und fuhr mit ihm zu einem Versteck im Schilfgürtel.

Dort musste Stefan T. einen Brief an seine Ehefrau schreiben mit der Lösegeldforderung von einer Million Euro. 34Stunden blieb er in der Gewalt des Täters, dann konnte er sich selbst befreien. Schon da lief eine der größten Fahndungsaktionen im Land – die Soko Imker wurde gebildet. Die Ermittler gingen irrtümlich davon aus, dass der Mann einen Imkerhut mit Schleier trug.

Die Spur führt zum Verdächtigen

Die Waffe, die der Täter sowohl in Storkow als auch in Bad Saarow benutzt hatte, war identisch. Sie brachte die Ermittler wohl auch auf die Spur von Mario K. Der Mann hatte bereits mehrere Jahre im Gefängnis verbracht. Er hatte 1997 in einem Schnellrestaurant in Hellersdorf mit einer Ceska auf Gäste geschossen. 2004 wurde er wegen Brandstiftung und Diebstahls verurteilt. Er hatte als Einsiedler auf einer Insel im Naturschutzgebiet Gosener Wiesen gehaust, Jachten aufgebrochen und angezündet.

Nach seiner letzten Haftentlassung war er von Januar 2011 bis Februar 2012 Mitglied in einem Berliner Schützenverein und schoss dort laut Ermittler zweimal in der Woche mit seiner Lieblingswaffe: einer Ceska. Im März 2013 verdichteten sich die Indizien, Mario K. könne der Maskenmann sein. Von da an wurde der Mann rund um die Uhr observiert. Keine leichte Aufgabe: Mario K. hatte keine familiären Bindungen, er hatte seine Marzahner Wohnung und sein Konto gekündigt. Der durchtrainierte Mann wollte offenbar keine Spuren hinterlassen. Er lebte in ständig wechselnden Verstecken im Wald und legte am Tag bis zu 130 Kilometer mit dem Fahrrad zurück. Er bezahlte seine Einkäufe in bar und ging nie zweimal im gleichen Supermarkt einkaufen. Mario K. wollte offenbar ein Phantom bleiben.