Prozess gegen Pädophilen-Netzwerk in Berlin: Missbraucht für ein Taschengeld

Der erste Angeklagte verlässt als freier Mann den Gerichtssaal: Im  Prozess gegen zwei mutmaßliche Mitglieder  eines   pädophilen Netzwerkes, die Jungen im Alter von sechs bis 13 Jahren sexuell missbraucht und an andere Freier vermittelt haben sollen, ist am Dienstag das Verfahren gegen den Angeklagten Harald W.  auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt worden. Hintergrund: Der 53-jährige einstige Polizeibeamte war geständig und bereits  2009 wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Er hat die Strafe voll verbüßt, und die ihm aktuell vorgeworfenen Taten stehen im zeitlichen Zusammenhang mit der vorherigen Verurteilung.

Das Verfahren gegen den Hauptangeklagten Jens B., der auf freiem Fuß ist und der  das Gericht  am Dienstag mit einer Sturmmaske über dem Gesicht betrat, um unerkannt zu bleiben,  geht dagegen weiter. Allerdings darf er wegen der langen Verfahrensdauer mit einem Strafabschlag rechnen. Das Verfahren hatte  fünfeinhalb Jahre bei der Staatsanwaltschaft gelegen.

Dem 51-jährigen Jens B. werden im Zeitraum zwischen Juli 2002 und Ende 2009 insgesamt 379 Taten vorgeworfen. Harald W. soll in diesem Zeitraum laut Anklage 47 Mal Kinder missbraucht haben. Die Männer sollen sich gezielt Jungen aus armen Familien gesucht und ihnen 20 bis 80 Euro für Sex gezahlt  oder Geschenke gemacht haben. Laut Staatsanwaltschaft  sollen sich die Angeklagten mehrfach an 13 Kindern vergangen haben.

Der einstige Beamte Harald W. hatte in seinem Geständnis, kurz bevor das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde,  den Missbrauch von zwei Jungen zugegeben. Er hatte auch erklärt, mit seiner Verurteilung Anfang 2009 alles verloren zu haben: die Wohnung, all seine  Habe und seinen Beamtenstatus. Zudem habe er achteinhalb Jahre straffrei gelebt und werde seitdem  wegen seiner pädophilen Veranlagung in der Charité therapiert.  Harald W. durfte den Platz neben seinem mutmaßlichen Komplizen als freier Mann verlassen.

Eigentlich hätten noch drei weitere Männer, 80 und 78 Jahre alt, auf der Anklagebank sitzen müssen, doch sie sind verhandlungsunfähig. Die Verfahren gegen sie wurden abgetrennt.  Ein fünfter Beschuldigter ist mit 84 Jahren bereits verstorben. Es ist unklar, ob wirklich alle  Tatverdächtigen ermittelt werden  konnten, die zu diesem Kreis von Pädophilen gehörten. Zumindest könnte man daran Zweifel haben.  Jedenfalls nach der Aussage des ersten   Zeugen.  Der junge Mann, der  am Mittag den Zeugenstand im Saal 500 betritt, ist heute 21 Jahre alt. Er schaut Jens B. nicht an. Er kennt ihn, hat ihn im Jahr 2007 das erste Mal gesehen. Damals war er zwölf Jahre alt.

 Ein Bekannter hatte ihn mit Jens B. bekanntgemacht. Ob er sich nicht etwas Geld dazu verdienen möchte, hatte der ihn gefragt. Ein festes Taschengeld bekam der Junge damals nicht. Er willigte nach eigenen Worten ein. Es sei nie etwas gegen seinen Willen geschehen, beteuert der junge Mann heute. Es habe auch keine Bedrohung gegeben. Er habe damals schließlich mit insgesamt acht Männern verkehrt. Er nennt im Gericht zumindest einige Namen. Alle seien sie pädophil veranlagt gewesen, sagt  der Zeuge. Man sei  in Wohnungen, Hotels oder in den Wald gefahren. 

2005 war der junge Mann mit seinem Eltern und dem älteren Bruder von Russland nach Deutschland übergesiedelt. Die Familie lebte zunächst in einer Aufnahmeeinrichtung in Marienfelde, dann zog sie in eine Wohnung in der Ruschestraße in Lichtenberg. Die Mutter arbeitete als Putzfrau, der Vater als Lagerarbeiter.  Der Junge schwänzte schon bald die Schule, trieb sich mit Freunden herum, rauchte Joints.   Er sagt, dass ihn Jens B. im Jahr 2007  beim ersten Mal mit seinem grünen Kleintransporter abgeholt habe. Jens B. habe sich auch nach seinem Alter erkundigt.  Sie seien dann zu einem Parkplatz gefahren.  Bei späteren Treffen  fuhr Jens B. ihn und auch  andere Kinder   mit dem Wagen zu seinem Haus im Brandenburgischen.  Sie   hätten sich im Auto  ducken müssen, um  nicht von Nachbarn gesehen zu werden. Auch das Haus  mussten sie aus diesem Grund über den Keller betreten. Manchmal tranken sie auch Sekt und Bier.

Anwältin kündigt Teilgeständnis an

Was die Motivation gewesen sei, mit dem Angeklagten mitzugehen?, will die Vorsitzende Richterin wissen. „Geld“, antwortet der junge Mann ohne zu zögern.

Der Zeuge erzählt auch, dass er  nach der achten Klasse ohne Abschluss von der Schule gegangen sei.  Er hat nach eigenen Worten in mehreren Heimen gelebt, auch schon einmal im Gefängnis gesessen. Seit Juli vergangenen Jahres ist er wieder auf freien Fuß, lebt mal bei den Eltern, mal bei seiner Freundin, mit der er ein gemeinsames Kind hat. Er arbeitet jetzt bei einer Zeitarbeitsfirma.

Der junge Mann ist nicht das einzige mutmaßliche Opfer, dass in dem Prozess als Zeuge gehört werden soll. Jens B. schaut den jungen Mann nur selten an. Er hat den Blick die meiste Zeit auf den Tisch vor sich gerichtet. Seine Verteidigerin hatte es in einem Gespräch mit der Kammer und der Staatsanwaltschaft abgelehnt, eine Entschädigungszahlung von mehr als 4000 Euro zu akzeptieren. Ihr Mandant sei derzeit arbeitsunfähig, hatte sie wohl begründet. Die Anwältin kündigte aber am Dienstag an, dass ihr Mandant ein Teilgeständnis ablegen werde. Vielleicht am nächsten Verhandlungstag.