Potsdam - Am heutigen Dienstag sollen im Prozess gegen Silvio S. in Potsdam der Ermittlungsführer der Polizei und die Beamten als Zeugen gehört werden, die den mutmaßlichen Mörder des sechsjährigen Elias aus Potsdam und des vierjährigen Flüchtlingsjungen Mohamed in der Nacht nach seiner Festnahme vernommen haben.

Das ist notwendig, weil der angeklagte 33-jährige Silvio S. vor Gericht schweigt. In seiner Vernehmung soll der Wachmann den sexuellen Missbrauch und Mord an Mohamed weitestgehend gestanden haben. Bei Elias gab der Mann offenbar nur den Hinweis, wo er die Leiche des Jungen verscharrt hatte. Die Leiche des Sechsjährigen war daraufhin im Garten des Mannes in Luckenwalde entdeckt worden.  Im Saal bei den Beweisen befindet sich heute neben den Gegenständen, die schon am gestrigen Montag gezeigt worden sind, auch eine lebensgroße Puppe.

Der heutige Prozesstag im Newsticker:

15.15 Uhr: Heiner P. von der Vermisstenstelle der Polizei ist der Beamte, der die Videoaufzeichnung vom Lageso angeschaut hatte. Um 14.40 Uhr habe er einen deutsch aussehenden Mann mit einem fremdländisch aussehenden Kind entdeckt, der das Gelände verließ. Er stellte dann fest, dass dieser Mann das Gelände um 13.39 Uhr betreten hatte.

Mit dem Video ging Heiner P. zunächst zur Familienhelferin von Mohameds Familie. Sie erkannte den Jungen mit 99prozentiger Sicherheit. Da aber 100 Prozent notwendig seien, sei er noch zu Mohameds Mutter gegangen. Er habe das Video zunächst der neun Jahre alten Schwester von Mohamed vorgespielt, da Mohameds Mutter aus dem Raum gerannt sei, erzählt Heiner P. Das Mädchen habe ihren Bruder erkannt, später auch die Mutter. Die Frau habe immer nur „Mohamed, Mohamed, Mohamed“ gerufen. "In diesem Moment war mir klar, dass das kein Fall mehr für die Vermisstenstelle war sondern für die Mordkommission.“

Heiner P. hat auch den Anruf der Mutter von Silvio S. entgegengenommen. Er kann sich noch gut daran erinnern. "Darauf habe ich drei Wochen gewartet", erklärt Heiner P. vor Gericht. Er habe gleich bemerkt, dass die Frau am Telefon sehr bedrückt war. Sie habe erklärt, ihr Sohn habe es getan, er habe es ihr beim Frühstück gesagt. Und auch, dass der Junge nicht mehr leben würde. Die Mutter habe sich Sorgen gemacht, dass sich ihr Sohn etwas antun würde. Heiner P. erinnert sich noch, dass sich die Mutter an seinem „Ok“ gestört habe, dass er ab und zu gesagt habe. Es sei eben nicht ok, was ihr Sohn getan habe, habe die Mutter am Telefon gesagt.

Heiner P. erzählt, er sei anschließend mit den Worten "Wir haben ihn, wir haben ihn" zu den Kollegen der bei der Mordkommission gerannt.

+++

14.30 Uhr: Der Beamte Andre Brandt hat den PC von Silvio S. ausgewertet. Er fand Fotos von zwei unbekannten Jungen, Screenshots von Gewaltpornos und Videos. Offenbar auch Dutzende Fotos, auf denen Silvio S. mit der Puppe zu sehen ist, an der er seine sexuellen Phantasien ausgelebt hat. Um 14.33 Uhr, die Prozessbeteiligten schauen sich die Fotos am Richtertisch an, nimmt Staatsanwalt Peter Petersen die Puppe im Tigerkostüm in die Hände und entkleidet sie. Silvio S. sackt zusammen. Der Vorsitzende Richter fragt den Angeklagten, ob es ihm nicht gut gehe. "Alles gut", murmelt Silvio S.

+++

13.18 Uhr: Silvio S. ist in der Vernehmung auch gefragt worden, seit wann er wisse, dass er auf kleine Jungen stehe. Die Antwort: "Was hat denn das mit kleinen Jungs zu tun?" Zudem kann sich der Kriminalist noch erinnern, dass Silvio S. in der Vernehmung sehr gefühlskalt gewesen sei. "Es gab in der Vernehmung von seiner Seite kein Wort des Bedauerns", sagt Willi J. Silvio S. fängt an, sich Notizen zu machen.

+++

12.42 Uhr: Willi J. ist der zweite Kriminalist, der mit in der Vernehmung von Silvio S. am Tag der Festnahme gesessen hatte. Der 31-Jährige erzählt, dass er vor der Vernehmung von Silvio S. mit dessen Anwalt gesprochen habe. Dieser habe darum gebeten, seinen Mandanten begutachten zu lassen. Weil sein Mandant augenscheinlich schuldunfähig sein und einen verwirrten Eindruck machen.

Diesen Eindruck habe er nicht gehabt, sagt der Kriminalist, der Silvio S. bei der Vernehmung beobachten sollte. Der Beamte erinnert sich, dass Silvio S. zusammenhängende und konkrete Antworten gegeben habe. Er habe keineswegs einen verwirrten Eindruck gemacht.

Als die Sprache auf das Lageso gekommen sei, habe Silvio S. feuchte Augen bekommen. Er grinste, und es habe ein Augenlid gezuckt, als es in der Vernehmung um den sexuellen Missbrauch Mohameds gegangen sei.

+++

12.20 Uhr: Die Rolle der Anwälte von Silvio S. kommt zur Sprache. Sie und ihr Mandant haben es laut Tatjana F. abgelehnt, das Vernehmungsprotokoll am Abend nach der Festnahme von Silvio S. zu lesen und zu unterschreiben. Die Anwälte hätten sich auf die Müdigkeit ihres Mandanten berufen und eine Unterschrift für den nächsten Tag in Aussicht gestellt. Da aber hätten die Anwälte das Vernehmungsprotokoll ausgehändigt haben wollen, um es mit ihrem Mandanten zu korrigieren. "Wir sollten bei der Vernehmung etwas falsch verstanden haben", sagt die Kriminalistin. Dabei kannten die Anwälte das Protokoll gar nicht. Es sei unüblich, ein Vernehmungsprotokoll auszuhändigen und ohne Polizei "zu korrigieren", so Tatjana F. Man habe den Anwälten eine weiterführende Vernehmung angeboten, in denen die falschverstandenen Sachverhalte hätten richtig gestellt werden können. Auch das hätten die Anwälte abgelehnt.

11.59 Uhr: Nach Angaben des Beschuldigten wussten seine Eltern bereits vor Eintreffen der Polizei von Mohameds Tod. Er hatte es ihnen gestanden. Umso unverständlicher ist die Bemerkung des Vaters von Silvio S., er wisse gar nicht, warum so viele Polizisten im Haus seien.

+++

11.43 Uhr: Silvio S. schweigt immer noch. Er hat sich auch dem psychiatrischen Gutachter gegenüber nicht geöffnet.  Er soll keine Angaben zu diesen Taten gemacht haben. In dem Fall der beiden getöten Kinder wurden 1500 DNA-Spuren untersucht. Es gibt jedoch auch noch einige offene Spuren - blonde Haare etwa, die weder Elias noch Mohamed zugeordnet werden konnten.

Laut Staatsanwaltschaft wurden diese offenen Spuren an die Kollegen in Sachsen-Anhalt geschickt. Dort wird noch immer nach der verschwundenen fünfjährigen Inga gesucht. Auch offene Fälle will die Staatsanwaltschaft nun abklären und prüfen, ob Silvio S. etwas damit zu tun hat. So wurde ein Bewegungsprofil von dem Angeklagten erstellt.

Allein das LKA Berlin soll für Laborkosten im Fall der getöteten Kinder 480.000 Euro ausgegeben haben.

+++

11.12 Uhr: Der Richter fragt bei Tatjana F. noch einmal intensiv nach. Auf die Frage, was Silvio S. gefühlt habe, als er Mohamed strangulierte, sagte er laut Vernehmung: "Es musste halt sein. weil er herumgequiekt hatte und ich ihn nicht ruhig bekommen hätte. Und ich musste ja an diesem Abend zum Dienst."

Auf die Frage, was für einen anderen Menschen Silvio S. getötet habe, antwortet er: "Das ist so schwer." Er gab dann an, dass er den Menschen am 8. 7. 2015 in Potsdam getötet habe. Es sei ein Kind gewesen. Er hieß Elias. Er habe seinen Namen genannt. Dann beschrieb er, wo man die Leiche von Elias finden konnte.

Gibt es noch weitere Personen, für deren Verschwinden oder Tod sie verantwortlich sein? Antwort Silvio S.: "Nein".

+++

10.59 Uhr: Silvio S. hat die Brille abgesetzt, er hält den Kopf tief gebeugt als die Kriminalistin die von ihm geschilderten, furchtbaren Details des Missbrauchs an Mohamed wiedergibt. Er wischt sich ständig Tränen aus den Augen.

+++

10.54 Uhr: Tatjana F. sagt auf Nachfrage des Richters, dass Silvio S. das Kind gewürgt habe aus Angst, sein Vater, der wieder im Haus war, könnte aufmerksam werden. Das habe der Angeklagte sehr ruhig und sachlich in der Vernehmung geschildert. Ebenso wie die Schilderung des Todes des Jungen. Er habe das Kind töten müssen, weil er zum Dienst musste und anders nicht ruhig zu bekommen war. Silvio S. hat sich nach eigenen Worten gegen 16 Uhr für seinen Dienst als Wachmann fertig gemacht.  Er hat dabei überlegt, was er mit der Leiche des Kindes tun soll. Silvio S. gab an, er habe die gelbe Plastikbadewanne vom Dachboden geholt, die Leiche hineingetan und die Wanne in eine Kammer gestellt, die er mit einem Vorhängeschloss verriegelte. Auf dem Weg zur Arbeit hielt Silvio S. an zwei Supermärkten, er kaufte drei Tüten Katzenstreu und drei Pakete Mehl. Am Morgen nach dem Dienst habe er das Katzenstreu über die Leiche gekippt, sagt die Vernehmerin des mutmaßlichen Mörders.

Mohameds Leiche hat nach Angaben von Silvio S. bis zum 28. Oktober in der Kammer seiner Wohnung gelegen. Am Morgen dieses Tages hatten ihn seine Eltern angesprochen, ob er der Mann sei, der Mohamed entführt habe. Sie hatten in einer Zeitung ein Fahndungsfoto von dem Entführer des Jungen gesehen. "An diesem Morgen konnte sich Herr S. noch rausreden", erinnert sich die Ermittlerin an die Worte des. In der Nacht darauf habe er sich offenbar entschlossen, sich zu stellen. Er habe die Leiche von Mohamed in den Kofferraum seines Wagens getragen. Als ihn seine Mutter am nächsten Morgen erneut auf das Foto in der Zeitung ansprach, gestand er die Entführung des Jungen. Die Mutter des Wachmanns rief die Polizei.

Tatjana F. erzählt, dass sie bei der Vernehmung durch den Anwalt von Silvio S. bereits wussten, dass er noch einen weiteren Menschen getötet hatte. "Ich habe ihn gefragt, ob es ein Erwachsener oder Kind war", sagt die Kriminalistin. "Ein Kind", hatte Silvio S. geantwortet. Wie sicher er sei, wollte Tatjana F. von dem Beschuldigten wissen. Da habe der Mann den Namen Elias genannt. Auf einer Skizze hatte er noch beschrieben, wo er die Leiche des sechsjährigen Jungen vergraben hatte. Dann sei die Vernehmung durch den Anwalt von Silvio S. beendet worden.

Am nächsten Morgen fanden die Fahnder die Leiche des im Juli in Potsdam entführten Elias. Sie lag dort, wo es Silvio S. beschrieben hatte: verscharrt in seinem Garten in Luckenwalde.

10.30 Uhr: Die erste Zeugin ist die Kriminalistin Tatjana F. Die 45-Jährige hat Sivlio S. nach seiner Festnahme vernommen. Silvio S. habe sich ausführlich zu Mohamed geäußert. Er habe aus den Medien erfahren, welche Zustände am Landesamt für Gesundheit und Soziales erfahren und sei am 1. Oktober zum Lageso gefahren. Dort sei ihm Mohamed zufällig über den Weg gelaufen. Er habe ihm ein Kuscheltier gegeben, Mohamed sei ihm hinterhergelaufen. Er habe ihm an einer Wasserausgabestelle auf dem Gelände noch Wasser geholt, dann seien sie zum Auto gelaufen.

Silvio S., so erzählt es die Kriminalistin, sei mit dem Kind stundenlang im Auto herumgefahren. Erst gegen 21 Uhr sei er mit dem Jungen in Kaltenborn eingetroffen. Zu dieser Zeit schlief der Vater von Silvio S. schon, die Mutter saß vor dem Fernseher. Mohamed sei noch allein die Treppen zu seiner Wohnung hinaufgelaufen. Beide hätten dann im Wohnzimmer auf der Couch gesessen und ferngesehen. Mohamed sei dann eingeschlafen. Silvio S. gab an, er habe den Jungen dann sein Bett getragen, er selbst habe weiter vor dem Fernseher gesessen. Er sei dann ins Bett gegangen und habe mit Mohamed gekuschelt. Er habe den Jungen in den Arm genommen und sei dann selbst eingeschlafen.

Morgens habe er den Jungen am ganzen Körper gestreichelt, Mohamed habe sich nicht gewehrt. Dann seien beide gegen 7.30 Uhr nach unten gegangen, die Eltern von Silvio S. seien nicht im Haus gewesen. Silvio S. habe Mohamed Frühstück gemacht: Brötchen mit Schinken und Käse. Dann seien beide wieder hoch gegangen. Silvio S. habe den Jungen am ganzen Körper gestreichelt und von Mohamed gewollt, dass er dies auch bei ihm mache. Dann habe er Mohamed mit dem Handy gefilmt, mit dem Kind Pornos geschaut und den Jungen immer wieder zu animieren versucht, die Szenen aus dem Film nachzuspielen. Doch Mohamed habe sich geweigert, er habe im Schlafzimmer zu quengeln begonnen und nach seiner Mutter gerufen. "Herr S. hat dann erklärt, dass der den Jungen mit beiden Händen gewürgt habe. Bis Mohamed ruhig war, bis er dachte, das Kind wäre tot", sagt die Kriminalistin.

Silvio S. sei nach eigenen Worten wieder ins Wohnzimmer gegangen und habe weiter ferngesehen. Ein paar Minuten später soll Mohamed wieder zu sich gekommen sein. Daraufhin soll S. dem Jungen einen Lappen mit Chloroform auf das Gesicht gedrückt haben, bis das Kind bewusstlos war. Er habe den Junge gefesselt, ihm den Mund zugeklebt. Dann holte Silvio S. seinen Gürtel und erdrosselte das Kind.

+++

9.30 Uhr: Die kindergroße Puppe, die heute im Saal zu sehen ist, hat ein Tigerkostüm an und eine schwarze Perücke auf. Sie trägt die Spur-Nummer 3. Mit der Puppe soll Silvio S. den Missbrauch geübt haben.