Wollte Magomed-Ali C. das Gesundbrunnen-Center in die Luft sprengen oder nicht? Am Donnerstag begann vor dem Berliner Kammergericht der Prozess gegen den 31-Jährigen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, in Berlin einen islamistisch motivierten Terroranschlag geplant zu haben.

Seit dem 22. August 2018 sitzt Magomed-Ali C. in der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Damals verhafteten ihn Polizisten in seiner Wohnung am Pölnitzweg in Buch. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, zusammen mit dem in Frankreich inhaftierten Islamisten Clement B. ab Sommer 2015 eine „schwere staatsgefährdende Gewalttat“ vorbereitet zu haben.

Netzwerk in der Fussilet-Moschee

Als mögliches Anschlagsziel sei das Gesundbrunnen-Center in Berlin in den Blick genommen worden, sagte Oberstaatsanwalt Malte Merz. Zu diesem Zweck soll Magomed-Ali C. 2016 eine größere Menge des hochexplosiven Sprengstoffs TATP in seiner Wohnung verwahrt haben.

Diesen Stoff hatten auch die Attentäter von Paris und Brüssel eingesetzt. Zu der Belgischen Terrorzelle des „Islamischen Staates“, die für die Anschläge verantwortlich ist, hatten er und Clement B. laut Anklage enge Verbindungen. Beide sollen das TATP hergestellt oder beschafft haben. „Sie waren fest entschlossen, mit Sprengstoff möglichst viele Menschen zu töten“, sagte Merz, der die Anklage verlies. „Die Tat hätte in Deutschland ein Klima der Angst und Verunsicherung geschaffen, wovon die beiden ausgingen.“

Eine Zeit lang soll auch der Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri dem mutmaßlichen Terrortrio angehört haben und in die Anschlagspläne eingeweiht gewesen sein. Doch Amri entschloss sich schließlich dazu, im Dezember 2016 selbst einen Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt zu verüben. Denn zwischenzeitlich hatte das Berliner Landeskriminalamt von den Terrorplänen erfahren.

Laut Anklage seien die Islamisten durch „präventivpolizeiliche Maßnahmen“ an der Wohnung in Buch gestört worden, worauf sie ihr Vorhaben abgebrochen hätten. Im Klartext heißt das: Polizisten hatten bei Magomed-Ali C. zwecks einer sogenannten Gefährderansprache geklingelt.

Clement B. verließ darauf fluchtartig Deutschland und verfolgte in Frankreich seine Anschlagspläne weiter. Dort wurde er dann auch verhaftet und sitzt seither hinter Gittern. Die Polizei fand bei ihm drei Kilogramm TATP.

In der Heimat radikalisiert

Der in der russischen Teilrepublik Dagestan geborene Magomed-Ali C. – ein kleiner schmaler Mann, von Beruf Schuhmacher, inzwischen geschieden und neu verlobt – hatte sich laut den Erkenntnissen der Ermittler bereits in seiner Heimat radikalisiert. 2011 kam er nach Deutschland. Er verkehrte in der inzwischen verbotenen Fussilet-Moschee in Moabit, wo es ein Netzwerk aus türkischen und kaukasischen IS-Anhängern gab. Magomed C. und Clement B., die auf der Suche nach Mittätern waren, stießen dort auch auf Amri.

In der Fussilet-Moschee nahm C. an radikalisierenden Seminaren des Vorbeters Ismet D. teil, der sich „Emir von Berlin“ nannte. 2014 oder 2015 wollte C. laut Anklage mit Hilfe von Ismet D. nach Syrien ausreisen, um sich dem IS anzuschließen. Davon erfuhr das Berliner LKA, und die Behörden verhängten ein Ausreiseverbot. Daraufhin habe sich C. entschieden, in Deutschland einen Anschlag zu verüben.

„Der Ali hat überhaupt keine Anschlagspläne“

Während der Anklageverlesung lauschte Magomed-Ali C., der hinter Panzerglas saß, regungslos der russischen Übersetzung der Simultandolmetscherin. Vor ihm saßen seine beiden Strafverteidiger. In den Vernehmungen der Polizei schwieg er, auch vor Gericht will er sich nicht einlassen. Dafür gab sein Anwalt Tarig Elobied eine Erklärung ab. Demnach beruht die Anklage auf dem Franzosen Clement B., dem Hauptbelastungszeugen.

Mit richterlicher Genehmigung waren in einem Besuchsraum der französischen Haftanstalt Gespräche zwischen B. und dessen Vater aufgezeichnet worden, auf die die Bundesanwaltschaft einen Teil ihrer Anklage stützt – aus der aber auch die Verteidigung ihre Argumente zieht. „B. hat ihm mehrmals gesagt, dass Magomed C. niemals Kenntnis von Anschlagsplänen hatte“, sagte Elobied. B. habe gesagt: ’Der Ali hat überhaupt keine Anschlagspläne. Er hat so ein Ding mit der Religion. Der baut doch gerade eine Familie auf.’ Nach seiner Festnahme in Frankreich habe B. zwar gesagt, er habe mit jemand anderem einen Anschlag verüben wollen. Er habe jedoch nicht Magomed C. gemeint, sondern nur sich und Amri.

Zum Schluss fügte der Verteidiger noch an: „Ich hoffe, dass dieser Staatsschutzsenat nicht nur den Schutz des Staates im Blick hat sondern auch den des Angeklagten.“ Zudem beklagte Elobied die baulichen Gegebenheiten des Hochsicherheitssaals 700, in dem die Verhandlung eröffnet wurde: dass die fünf Richter und die Anklage erhöht sitzen und auf den Angeklagten und die Verteidiger herabschauen.

Keine Sprengstoff-Spuren

Das Einzige, was in diesem Verfahren klar scheint, ist: Es wird ein Indizienprozess, wie Oberstaatsanwalt Malte Merz selbst einräumt. Der Verteidiger habe sich nur die Sätze von Clement B. herausgesucht, die ihm passten, sagte Merz nach dem Ende des Prozessauftaktes. „Man muss alle Äußerungen bewerten.“ Diese seien auch nicht das Einzige, was die Anklage habe. „Es gibt eine Fülle unterschiedlicher Indizien.“

Dass die Polizei in der Wohnung des Dagestaners, wo der Sprengstoff gelagert worden sein soll, keine Spuren von TATP fand, macht es für die Anklage nicht einfacher. Thema der Hauptverhandlung wird deshalb auch sein, ob sich Spuren von TATP nach einigen Jahren verflüchtigen.

Als Zeuge soll auch Clement B. geladen werden. Ob er dafür nach Berlin geholt wird oder ob die Vernehmung in Frankreich stattfindet, muss das Gericht noch festlegen. Für den Prozess sind 39 weitere Verhandlungstage vorgesehen. An diesem Freitag soll der erste Zeuge angehört werden, ein Berliner Polizist.