Berlin - Der Mann auf der Anklagebank ist einer der ersten Flüchtlinge aus Afghanistan, der sich als mutmaßlicher Kämpfer der Taliban vor einem deutschen Gericht verantworten muss. Und Wajid S. hat sich, wenn man so will, selbst in diese Situation gebracht. Er hatte bei seiner Einreise in Deutschland erklärt, bei den Taliban gewesen zu sein, dort gekämpft zu haben, verletzt worden und schließlich aus Afghanistan geflohen zu sein. Die Generalbundesanwaltschaft wirft ihm Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und versuchten Mord vor.

Vor Gericht streitet Wajid S. die Vorwürfe ab. Der 29-Jährige lässt durch seinen Verteidiger, dem Karlsruher Strafrechtler Daniel Sprafke, eine Erklärung verlesen. Darin heißt es, dass er, Wajid S., nie damit gerechnet habe, „dass ich angeklagt werde“. Er habe gelogen. Die Geschichte über die Taliban sollte nur seine Chancen erhöhen, als Flüchtling anerkannt zu werden.

Schüsse auf Polizisten vorgeworfen

Die Generalbundesanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, zwischen 2007 und 2009 nach dem Tod des Vaters von einem Onkel, einem örtlichen Talibanführer, für die Terrororganisation angeworben worden zu sein. Zunächst soll Wajid S. für die Versorgung der Kämpfer verantwortlich, später selbst an Kämpfen beteiligt gewesen sein. In der Anklage steht, dass er auch mit einer Kalaschnikow bewaffnet bei Angriffen auf Polizeisperren dabei gewesen sei und in Tötungsabsicht auf Polizisten geschossen habe. Durch einen Streifschuss soll der Angeklagte verletzt worden sein, sich dann von den Taliban abgewandt und im September 2015 die Flucht aus seiner Heimat nach Deutschland ergriffen haben.

Die Anklage beruht offenbar überwiegend auf den Angaben, die Wajid S. beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie im Ermittlungsverfahren gemacht hatte. Dort hatte er stets zugegeben, bei den Taliban mitgemacht zu haben. Nun erklärt der Angeklagte, dass er sich die Geschichte auf seiner Reise nach Europa ausgedacht habe. Er habe von seinem Schlepper erfahren, dass er sich eine gute Story zurechtlegen müsse, um als Flüchtling anerkannt zu werden. Zudem sei ihm geraten worden, sein Alter mit 18 oder 19 Jahren anzugeben.

Verletzung beim Reinigen eines Gewehres

Wajid S. sagt, dass sein Vater nicht vor Jahren an einem Herzinfarkt gestorben sei. Er erfreue sich noch immer bester Gesundheit. Den Onkel, so der Angeklagte, gebe es tatsächlich. Doch lebe dieser in Kabul. Wajid S. gibt an, dass er seinen Anwalt gebeten habe, mit seiner Familie in Afghanistan Kontakt aufzunehmen, um zu beweisen, dass er gelogen habe. Weder sein Vater noch sein Onkel seien je Taliban gewesen – auch nicht im Geiste.

Wajid S. lässt auch erklären, dass er wirklich einen Streifschuss am Oberarm erlitten hat. Geschehen sei dies aber nicht beim Gefecht, sondern als sein Vater ein altes russisches Repetiergewehr gereinigt und sich dabei ein Schuss gelöst habe. Er sei Moslem. Aber er habe sich zu keiner Zeit radikalisiert und noch nie auf Menschen geschossen. Er habe nur sein Glück finden wollen. Es sei der Traum eines jeden jungen Afghanen, in Europa Geld zu verdienen. Wie seine drei Cousins, die nach seinen Worten in England ein Restaurant betreiben.

Festnahme in Sachsen-Anhalt

Die Ermittler hatten Wajid S. vergangenen Oktober in Sachsen-Anhalt festgenommen. Dort und in Brandenburg gibt es an den Oberlandesgerichtes keine Staatsschutz-Strafkammern. Deswegen wird in einem Staatsvertrag geregelt, dass das Berliner Kammergericht diese Fälle übernimmt.

Mittlerweile sind in Berlin neben dem Taliban-Verfahren neun andere Staatsschutzsachen anhängig, so dass Anfang des Jahres ein neuer Strafsenat gebildet werden musste. Und die Zahl der Fälle wird offenbar rasant steigen: Der Spiegel berichtet in seiner neuesten Ausgabe, dass sich mehrere Tausend Asylbewerber aus Afghanistan als Taliban bekannt haben. Warum, ist unklar. Vielleicht erhoffen sie sich dadurch bessere Bleibechancen. Vielleicht sind einige auch gefährlich. Mittlerweile ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen mehr als 70 afghanische Flüchtlinge.