Berlin - Christian Martini ist den Tränen nahe an diesem Montagvormittag. Eine Farce sei dieser Prozess. Pillepalle, was man dem gerade verurteilten Angeklagten vorgeworfen habe – dem Mann, der mutmaßlich für den Tod seiner Tochter verantwortlich ist. Christian Martini ist der Vater der 21-jährigen Fabien Martini, die auf den Tag genau 18 Monaten zuvor in der Grunerstraße am Alexanderplatz von einem Streifenwagen erfasst und getötet worden war. Am Steuer saß der Hauptkommissar Peter G., der verdächtigt wird, den Einsatzwagen betrunken gefahren zu haben.

Doch nicht wegen der tödlichen Crashfahrt im Januar 2018 musste sich der 51-jährige Polizist am Montag vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Sondern wegen des illegalen Besitzes von zwei Schlagringen, die die Ermittler bei einer Hausdurchsuchung im April dieses Jahres in einer Wäschetruhe im Gästezimmer der Wohnung von G. gefunden haben. Wegen dieses Verstoßes gegen das Waffengesetz wurde er am Montag zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 85 Euro verurteilt. 

Der Angeklagte ist seit 31 Jahren Polizist

Auf der Anklagebank saß ein Mann, der seit 31 Jahren Polizist ist. Ein Beamter, der wegen seiner Ohrringe und des Zopfes nicht unbedingt der Norm entspreche, wie es sein Anwalt Hendrik Hendriks formulierte. Es sei aber nicht ungewöhnlich, dass unter Berliner Polizisten markante Persönlichkeiten seien. So könne die Polizei besser auf Zielgruppen zugehen. 

Hendriks hat in dem Prozess die Einstellung des Verfahrens wegen illegalen Waffenbesitzes angeregt, weil die Schlagringe lediglich als Requisiten für vor Jahren gefertigte Fotos benutzt worden seien. Er hat auch gesagt, dass alle im Saal wüssten, dass eigentlich eine andere Sache im Raum stehe – der Tod von Fabien Martini. 

Nach dem Urteil erklärt Hendriks, er könne noch nicht sagen, ob er gegen die verhängte Geldstrafe Rechtsmittel einlegen werde. Er sagt aber, sein Mandant werde sich seiner Verantwortung stellen – auch im noch laufenden Verfahren wegen des Todes des jungen Frau. In diesem Verfahren wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs durch Trunkenheit warten die Eltern und der 18-jährige Bruder von Fabien Martini seit eineinhalb Jahren auf eine Anklage gegen G.
Die junge Frau wollte am 29. Januar 2018 mit ihrem Renault Clio auf dem Mittelstreifen der Grunerstraße ein- oder ausparken, als sich der Streifenwagen mit Blaulicht aus dem Alex-Tunnel kommend mit hoher Geschwindigkeit in den Kleinwagen bohrte. Fabien Martini starb noch an der Unfallstelle. 

Als die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen Peter G. fast abgeschlossen waren, bekamen die Anwälte von Fabiens Eltern einen anonymen Hinweis, wonach der Polizist bei der Einsatzfahrt betrunken gewesen sein soll. Anfang des Jahres beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft in der Charité G.s Patientenakte. Aus den Unterlagen ging hervor, dass eine Blutprobe etwa eine Stunde nach dem tödlichen Unfall einen Alkoholwert von 1,1 Promille ergeben haben soll. Die Staatsanwaltschaft weitete ihre Ermittlungen aus. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik sicherte der Familie auf Twitter zu, „mit vollem Nachdruck und rückhaltlos alles zur Aufklärung Erforderliche beitragen“ zu wollen. Seit dem 13. Februar dieses Jahres ist Peter G. vom Dienst freigestellt. 

Christian Martini hat den Polizisten an diesem Montag im Prozess das erste Mal gesehen, er saß unter den Zuschauern. Er habe sehen wollen, wie Peter G. auf ihn – Fabiens Vater – reagiere. „Aber es kam nichts, gar nichts“, sagt der Gerüstbauer, der zweimal pro Tag am Grab seiner Tochter steht. Peter G. habe nicht ein einziges Mal Reue gezeigt. Als Vater der getöteten Fabien empfinde er für den Polizisten nur ein Gefühl: Hass, puren Hass. 

Benjamin Jendro, der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, kann die Gefühle des Vaters verstehen. Noch sei aber nicht bewiesen, dass Peter G. bei dem Unfall betrunken am Steuer gesessen habe. Auch würden Polizisten ihren Kollegen nicht decken. Solche Strukturen gebe es nicht bei der Berliner Polizei. Jendro geht davon aus, dass eine mögliche Alkoholisierung des Beamten im Prozess keine Rolle spielen werde. Es gebe keine zweite Blutprobe, damit sei das Ergebnis nicht gerichtsfest. „Der Tod der jungen Frau lässt den Beamten aber nicht kalt“, versichert Jendro.