Neuruppin - “Erna drehte den Gashahn in der Küche selbst auf, ließ die Türen von der Küche und dem Kinderzimmer offen und wartete seelenruhig im Wohnzimmer, bis Mario langsam und qualvoll starb.” Diesen Satz schrieb Carmen W. vor zehn Jahren an ihre jüngere Schwester.

Carmen W. ist die Tochter jener Frau, die sich derzeit vor dem Landgericht in Neuruppin wegen Mordes verantworten muss. Erna F., 74, soll vor mehr als 41 Jahren ihren achtjährigen Sohn Mario im uckermärkischen Schwedt mit Kohlenmonoxid vergiftet haben.

"Keine liebevolle Mutter"

Carmen W. war damals zwölf Jahre alt. Die heute 54-Jährige tritt in dem Mordverfahren als Zeugin auf. Am Dienstag sitzt sie nach Jahren wieder ihrer Mutter gegenüber. Sie sagt “Frau F.” zu ihr, anstatt “meine Mutter”. Frau F. sei keine liebevolle Mutter gewesen, sie habe ihre eigene Lebensvorstellungen gehabt, alles habe sich um sie selbst gedreht. Ihre drei Kinder hätten nur gestört. Sie sagt auch, dass sie damals nicht dabeigewesen sei. Was sie in dem Brief geschrieben habe, sei ihre logische Schlussfolgerung der Geschehnisse von damals.

Die Zeugin erzählt, wie sie, der achtjährige Mario und die vier Jahre alte Schwester Martina damals stets um 19 Uhr im Bett sein mussten. “Frau F. hatte abends ihre Männerbesuche”, sagt Carmen W.

Sie beschreibt ihre Mutter als selbstverliebte Frau, die immer etwas besseres habe sein wollen. Die sich von ihrem Ehemann, einem Schlosser, deshalb auch getrennt habe. Die Sekretärin im PCK Schwedt hatte nach den Worten der Tochter immer genug Geld, um sich regelmäßig im Exquisit die tollsten Klamotten zu kaufen. Für die Kinder sei da nicht viel übrig geblieben. Abends standen kalte Platten und Sekt im Kühlschrank für die Herren bereit.

Bei Widerworten drohten Prügel

Die Zeugin berichtet, dass man Frau F. nicht widersprechen durfte, sonst habe es Prügel gesetzt. Mario habe als verhaltensauffällig gegolten. “Das fand ich nicht, er brauchte nur jemanden, der sich um ihn kümmert”, sagt Carmen W.

An die Nacht zum 5. November 1974, in der Mario starb, erinnert sie sich noch gut. Erstmals hätten die Mädchen im Schlafzimmer der Mutter schlafen dürfen, was sonst strikt verboten gewesen sei. Auch das geöffnete Fenster sei nicht normal gewesen. Während Mario allein im Kinderzimmer habe schlafen müssen.

Angeklagte spricht von Unfall

Trauer habe es nach dem Tod des Kindes nicht gegeben. “Ich bin zu 99 Prozent davon überzeugt, dass sie es getan hat”, sagt Carmen W. und nickt zu ihrer Mutter.

Die Staatsanwaltschaft wirft Erna F. vor, in der Nacht zum 5. November 1974 ihren schlafenden Sohn in die Küche getragen und mit Gas vergiftet zu haben. Dann soll sie das bewusstlose Kind zum Sterben ins Bett gelegt haben. Anschließend lüftete sie die Wohnung, morgens rief sie den Notarzt. Bei der Obduktion des Kindes wurde ein Kohlenmoonoxidgehalt im Blut von 73 Prozent festgestellt - eine absolut tödliche Menge. Erna F. hatte von einem Unfall gesprochen.

Hielt jemand die Hand über Erna F.?

Die Ermittlungen wurden schnell eingestellt, erst 2009 wieder aufgenommen. Damals ging bei der Staatsanwaltschaft eine anonyme Anzeige gegen Erna F. ein. Carmen W. bestreitet, die Verfasserin zu sein.

Unklar ist bis heute, warum die Polizei 1974 die Ermittlungen so schnell eingestellt hat. Hat damals jemand die Hand über die Frau gehalten?

Am Dienstag berichtet die Tochter der Angeklagten, nach der Tat sei das Gerücht durchgesickert, ihre Mutter habe ein Verhältnis mit einem Staatsanwalt gehabt. Die ermittelnden Staatsanwälte von einst sind längst tot.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.