Prozess Jonny K.: Prozess um Tod von Jonny K. muss neu aufgerollt werden

Berlin - Nach der tödlichen Prügelattacke gegen Jonny K. muss der Prozess gegen sechs Angeklagte neu aufgerollt werden. Wegen Befangenheit eines Schöffen platzte das Verfahren am Landgericht Berlin am Montag. Die Entscheidung, den Prozess auszusetzen, sei in Übereinstimmung mit allen Prozessbeteiligten gefallen, sagte der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck. Für die Verhandlung war kein Ersatzschöffe nominiert.
Das Verfahren gegen die jungen Männer wegen Körperverletzung mit Todesfolge oder gefährlicher Körperverletzung soll laut Gericht bereits an diesem Donnerstag neu starten. Indes sollten am Montag drei Angeklagte auf Antrag der Verteidigung frei kommen. Sie werden laut Gerichtsbeschluss von der weiteren Untersuchungshaft verschont.

Der brutale Angriff nahe dem Alexanderplatz im Oktober 2012 hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Der 20-jährige Jonny K. war so heftig geschlagen und getreten worden, dass er stürzte. Wenig später starb er an Hirnblutungen. Der Angriff hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst.

Die jungen Männer hatten im bisherigen Prozess zwar Tritte und Schläge eingeräumt, eine Verantwortung für den Tod von Jonny K. bestritten sie aber. Jetzt sitzen noch Onur U. (19) sowie ein 24 Jahre alter Angeklagter in U-Haft. Sie gelten als Hauptverdächtige. Sie hatten sich erst nach Monaten auf der Flucht in der Türkei den deutschen Behörden gestellt.

"Die Presse ist nicht schuld"

Der Schöffe war am Montag in einer Berliner Zeitung mit kritischen Äußerungen über die Verteidiger der Angeklagten zitiert worden. Unklar blieb aber, ob der ehrenamtliche Richter das Interview tatsächlich gegeben hatte. Das Gericht kam mit dem Neustart einem zweiten Befangenheitsantrag der Verteidigung zuvor.

In der Vorwoche hatte der Schöffe zudem in dem Prozess zu einem Zeugen gesagt, der sich auf Erinnerungslücken berufen hatte: „Sind Sie zu feige oder wollen Sie uns verarschen?“. Die Verteidigung hatte gleich danach beantragt, den Schöffen auszuschließen, weil er parteiisch sei. Darüber sollte ursprünglich bis zu diesem Donnerstag entschieden werden.

Laut Richter Schweckendieck hatte der Schöffe ihm gegenüber versichert, nicht mit dem Zeitungs-Journalisten über den Prozess gesprochen zu haben. Der Vorsitzende Richter betonte aber: „Die Presse ist nicht schuld. Der Ausgangspunkt war die Richterbank.“ Anwalt Roland Weber sagte, der tatsächliche Hergang sei unklar. Ein faires Verfahren sei aber nicht mehr möglich gewesen.

Zurückhaltung erwünscht

Weber vertritt die Schwester von Jonny K. als Nebenklägerin. Tina K. kündigte an, auch im zweiten Anlauf jeden Tag zu dem Prozess zu kommen. Sie zeigte sich gefasst, dass drei Angeklagte gegen Auflagen auf freien Fuß kommen. „Ob sie im Gefängnis sind oder nicht - das ändert nichts.“ Sie glaube an die Richter, sagte sie am Rande. „Es ist noch nichts entschieden.“ Die junge Frau engagiert sich nach dem Tod ihres Bruders öffentlich gegen Gewalt.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte der Zeitung „B.Z.“ (Dienstag), es sei keine Zeit zu verlieren. „Ich hoffe, dass die Täter zügig ihrer gerechten Strafe zugeführt werden können.“

Ein Sprecher des Landgerichts sagte, zwar sei es Schöffen nicht gänzlich untersagt, sich öffentlich zu äußern. Erwünscht sei aber äußerste Zurückhaltung. Darüber würden sie auch vor Amtsantritt belehrt.

In dem neuen Verfahren werden die bisherigen drei Berufsrichter sowie zwei Schöffen sitzen. Ob auch der zweite neu benannt wird, stand noch nicht fest. Die Anklage muss neu verlesen werden, die Beweisaufnahme wieder von Null gestartet werden.
Richter Schweckendieck hatte zuvor von einer „extrem ärgerlichen“ Entwicklung gesprochen. Das Verfahren sei sachlich gelaufen. Bei dieser Prozess-Größenordnung werden laut Gerichtssprecher meist noch keine Ergänzungsschöffen benannt. Die Verteidigung lobte die Entscheidung des Gerichts als „hervorragend“. (Cornelia Herold und Jutta Schütz, dpa)