Fritz von Weizsäcker.
Foto: dpa/Schlosspark-Klinik/Catharina Ackenhausen

BerlinSelten musste Michael Tsokos in seinen 25 Berufsjahren einen Menschen obduzieren, der durch einen „solchen, einzelnen Stich“ getötete wurde, der so unglaublich heftig war und dabei „relevante Strukturen“ zerstörte. „Vielleicht gab es davon in all den Jahren zwei oder drei Fälle“, sagt er.

Tsokos, Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Charité, ist an diesem Dienstag am Berliner Landgericht als Sachverständiger geladen. Der Tote, über den er spricht, ist Fritz von Weizsäcker, Chefarzt der Schlosspark-Klinik, der im November vergangenen Jahres bei einem Messerangriff tödlich verletzt wurde.

Auf der Anklagebank folgt Gregor S. mit großem Interesse den Ausführungen des Gerichtsmediziners. Der 57-Jährige muss sich wegen Mordes an Fritz von Weizsäcker und versuchten Mordes an einem Polizisten verantworten.

Tsokos erklärt, dass Fritz von Weizsäcker keine Chance gehabt habe. Der Mediziner sei durch einen einzelnen Stich in die linke Halsseite gestorben. Das Messer habe die Luftröhre durchbohrt, die Hauptschlagader und die Drosselvene an der rechten Seite des Halses verletzt.

An die verletzten Blutgefäße sei kein rankommen gewesen, so der Sachverständige. Letztlich sei der Arzt an einem massiven Blutverlust, einer Luftembolie des Herzens und an einer Blutaspiration gestorben. „Fritz von Weizsäcker  ist, wenn man so will, an seinem eigenen Blut ertrunken“, sagt Tsokos.

Der Rechtsmediziner erklärt auch, dass der Stich mit massiver Wucht geführt worden sein muss. Das Tatmesser, dessen Klinge noch nicht einmal zehn Zentimeter maß, hinterließ einen 14 Zentimeter langen Stichkanal. Der Abdruck des Schaftes war am Hals des getöteten 59-Jährigen zu sehen.

Motiv: Hass auf früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker

Es ist der fünfte Verhandlungstag, an dem Gregor S. vor einer Schwurgerichtskammer sitzt - zuständig für vollendete und versuchte Tötungsdelikte. Schon zu Beginn des Prozesses Mitte Mai gab der Angeklagte unumwunden zu, Fritz von Weizsäcker getötet zu haben.

Sein Motiv laut Anklage: ein jahrzehntelang genährter Hass auf den einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, den Vater des getöteten Arztes. Ihn macht Gregor S., der als Lagerist beim Internetversandhändler Amazon arbeitete, für das Leid der Menschen im Vietnamkrieg verantwortlich. Richard von Weizsäcker war in den 60er-Jahren im Vorstand eines Pharmaunternehmens, das das Entlaubungsmittel Agent Orange produziert haben soll.

Schon 2001 will Gregor S. nach eigener Aussage einen Anschlag auf Richard von Weizsäcker geplant haben. Damals fuhr er aus Andernach, seinem Wohnort, mit Essigsäure im Gepäck zu einem Tennisturnier im Grunewald, bei dem Richard von Weizsäcker eine Rede hielt. Gregor S. drehte nach eigenen Worten ab.

Nachdem Richard von Weizsäcker 2015 gestorben war, recherchierte Gregor S. nach Familienmitgliedern, denen er eine „Kollektivschuld“ andichtete. Jeder Weizsäcker sei ein legitimes Ziel gewesen - so äußerte sich Gregor S. nach der Tat bei seiner polizeilichen Vernehmung.

Zahlreiche Zeugen sahen die Tat - Frage der Schuldfähigkeit

Im Internet stieß er auf zwei der Kinder des Altbundespräsidenten: den Mediziner Fritz von Weizsäcker und die Juristin und Autorin Beatrice von Weizsäcker. Auf der Internetseite der Schlosspark-Klinik las er dann von einem öffentlichen Vortrag, den Fritz von Weizsäcker am 19. November vergangenen Jahres halten sollte.

Gregor S. meldete sich für die Veranstaltung an, er kaufte sich in Koblenz das Tatmesser, er buchte eine Fahrkarte nach Berlin. Er brachte vor den Augen zahlreicher Zeugen Fritz von Weizsäcker, Vater von vier Kindern, um. Mit einem einzigen Stich in den Hals.

An diesem Verhandlungstag kommt auch der Streit mit seinem Hausverwalter und dem Vermieter zur Sprache. Der Hausverwalter erzählt, Gregor S. habe in einer völlig verdreckten Wohnung gelebt. Mehrfach sei er aufgefordert worden, nach 18 Jahren die Zimmer zu renovieren. Er habe Gregor S. öfter abgemahnt, ihm empfohlen, sich eine Putzfrau zu suchen. „Er hat sich um nichts gekümmert. In meinen Augen war er nicht ganz normal.“ Der Hausmeister berichtet, Gregor S. habe kurz davor gestanden, aus der Wohnung zu fliegen. Der Wohnungseigentümer erzählt, Gregor S. habe wie ein Getriebener gewirkt.

Es geht in dem Verfahren vor allem um die Frage, ob Gregos S. schuldfähig ist. Die Anklage geht davon aus, dass er an einer psychischen Krankheit leidet. Er selbst sagt, er sei nicht verrückt. Bisher weigert er sich, sich von einem Psychiater begutachten zu lassen.