Prozess: Schlampige Ermittlungen im Maskenmann-Fall?

Die Aussage eines vermeintlich kritischen Kriminalisten war lange erwartet worden. Wurde den Ermittlern im Fall des sogenannten Maskenmannes verboten, kritische Fragen zu stellen? Wurden diese Fahnder gemobbt? Lutz B. findet an diesem Montagnachmittag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) nur eine Antwort: Ja. Er habe Zweifel nicht äußern, Widersprüche in den Aussagen eines Entführungsopfers nicht ansprechen dürfen. Ihm sei vom Chef der Mordkommission der Mund verboten worden.

Brutale Überfälle

Es ist der 37. Verhandlungstag in dem seit Mai dieses Jahres laufenden Verfahren, in dem sich der angeklagte Mario K. für die brutalen Überfälle im Jahr 2011 auf eine wohlhabende Berliner Unternehmerfamilie in Bad Saarow und die Entführung des Berliner Investmentbankers Stefan T. im Oktober 2012 verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem versuchten Mord und erpresserischen Menschenraub vor. Bisher gibt es keine Beweise für die Schuld von Mario K., nur Indizien.

Der 57-jährige Zeuge Lutz B. ist Kriminaloberkommissar, er hat im August 2013 als Mitarbeiter der Sonderkommission „Imker“ Selbstanzeige gestellt und damit auch seine Vorgesetzten schwer belastet. Er warf in der Anzeige dem Leiter der Mordkommission unter anderem Strafvereitelung im Amt, Rechtsbeugung und Amtsmissbrauch vor. Lutz B. erzählt, dass er Zweifel gehegt habe an den Aussagen des Entführungsopfers Stefan T., der im Oktober 2012 an einem Kajak hängend von dem Entführer durch einen See zu einer Insel verschleppt und dort mit Paketband verklebt zurückgelassen worden sein soll.

Ihn habe etwa gewundert, dass Stefan T. mit verbundenen Augen und gefesselten Händen seine Brille in eine Astgabel gelegt haben will. Dass er bei seiner Flucht im Dämmerlicht durch das morastige Gebiet keine Verletzungen davongetragen habe. Dass er später nicht von einem Rechtsmediziner begutachtet worden sei. Dass er schon einen Tag nach seiner Selbstbefreiung mit seiner Familie kurzfristig ins Ausland in Urlaub habe fahren dürfen. Lutz B. gibt an, immer wieder auf Missstände hingewiesen zu haben. Er habe letztlich bei einer Aussprache mit seinem Chef einen Nervenzusammenbruch erlitten und sei vier Monate krank gewesen.

Nicht immer gefesselt

Der Anwalt von Stefan T. hält dem Zeugen vor, dass er keine Widersprüche sehe. Er habe Anzeige erstattet, obwohl der Inhalt der Akten mit den Aussagen von Stefan T. übereingestimmt hätte. Die Angabe seines Mandanten zu der Brille enthielte keinen Widerspruch. Stefan T. sei auf der Insel nicht immer gefesselt, die Augen nicht immer verbunden gewesen. Zudem verweist er auf die Aussage eines Kollegen von Lutz B. Der Kriminalist Hillmer F. hatte am Vormittag erklärt, er habe keinerlei Widersprüche in den Angaben des Entführten gesehen. Zudem gab er an, großen Respekt vor Stefan T. zu haben, ein anderer hätte die Tortur nicht überlebt.

Hillmer F. sagte, die Entführung sei ein einmaliger Fall in Brandenburg gewesen. Trotzdem habe ihn nicht irritiert, dass Stefan T. nach dessen Selbstbefreiung in den Urlaub fahren durfte. „Das ist für mich nicht ungewöhnlich“, sagte der 57-Jährige. Überrascht habe ihn nur, dass er schon bald vom Leiter der Mordkommission vom Fall abberufen worden sei. Kritik an den Ermittlungen oder Zweifel an den abenteuerlich anmutenden Aussagen des Opfers habe er nicht geäußert.

Hillmer F. bestätigte, vor dem Prozessbeginn einen Brief vom damaligen Polizeipräsidenten Arne Feuring erhalten zu haben, in dem ihm dienstrechtliche Konsequenzen angedroht worden seien, sollte er mit seiner Aussage gegen Dienstanweisungen verstoßen. „So etwas habe ich in all meinen Dienstjahren noch nicht bekommen“, musste er zugeben. Einen ähnlichen Brief hatte auch eine Kriminalistin der Soko „Imker“ erhalten, die sich über die einseitige Ermittlung gegen Mario K. beschwert hatte. Die Frau hat sich mittlerweile versetzen lassen.

An diesem Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt, dann wird der in die Kritik geratene Leiter der Mordkommission als Zeuge erwartet.