Im Februar 2015 rief eine Frau die Polizei. Sie wollte, dass ihr Lebensgefährte Mamadou G. ein Reinigungs-Ritual an ihrer fünfjährigen Tochter Kyra* beende. Die Kleine sollte dafür bestraft werden, dass sie gehörnte Dschinn in Menschengestalt herbeigerufen hätte. Der Lebensgefährte soll zu diesem Zweck die Kreuzberger Wohnung bis auf einen Stuhl ausgeräumt haben. Die eintreffenden Beamten brachten das Mädchen zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst.

Mutter will nichts gemerkt haben

„Kyra hatte so viele Läsionen. Es wäre nicht praktikabel gewesen, alle aufzuschreiben“, sagte der Leiter der Einrichtung. Besonders erschreckend war der Eindruck, dass ein völlig traumatisiertes Mädchen vor ihm saß. Mindestens zwei Monate lang muss es mit heißem Wasser, mit Gegenständen wie Hammer, Stock und Gürtel sowie einer Schnur von ihrem Stiefvater im Rahmen von sogenannten apokalyptischen Juju-Ritualen gequält worden sein, heißt es in der Anklage im Prozess um schweren Missbrauch von Schutzbefohlenen, Verletzung der Fürsorgepflicht und gefährlicher Körperverletzung. Die Mutter, die am Dienstag dem Prozesstermin im Amtsgericht Tiergarten unentschuldigt fernblieb, will nichts davon bemerkt haben.

Dementsprechend schwer fiel es Amtsrichter Hans-Jürgen Miller, den 37-Jährigen zu zwei Jahren Haft zu verurteilen und die Strafe zur fünfjährigen Bewährung auszusetzen. Er tat dies nur vor dem Hintergrund, dass er, die Staatsanwältin, der Verteidiger und die Schöffen vor Beginn des Prozesses besprochen hatten: Eine milde Strafe gibt es nur für ein Geständnis.

Die Staatsanwältin verlas eine Liste mit 19 der dokumentierten Verletzungen. Anschließend sollte sich der Angeklagte dazu bekennen. Sein Verteidiger verkündete, dass sein Mandant das ihm Vorgehaltene „umfassend und vorbehaltlos“ einräume. Ob er sich diesen Worten anschließen wolle, erkundigte sich nun der Richter bei Mamadou G. Der schüttelte mit dem Kopf und sagte kaum hörbar: „Ich habe nichts gemacht.“ Zweimal beschwor der Verteidiger seinen Mandanten, sich doch im eigenen Interesse an das Vereinbarte zu halten, bis dieser bereit war, auf die Frage des Richters mit dem Kopf zu nicken.

Bereits wegen Drogenhandels verurteilt

Es war schwer auszuhalten, wie in diesem Prozess am Rande des Legalen nach einem Kompromiss gesucht wurde, der am Ende vor allem Kyra und ihrem im Oktober 2014 geborenen Halbbruder nützt.

Bereits 2013 wurde der Gambier, der vor 14 Jahren nach Deutschland kam, wegen Drogenhandels zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Weil er die im Urteil vereinbarten Geldzahlungen nicht überwies, wurde die Bewährung widerrufen. Seit April 2017 sitzt er in Haft. Noch in diesem Monat soll der Mann, dessen Stieftochter Kyra und dessen knapp dreijähriger leiblicher Sohn in eine Pflegefamilie gegeben wurden, nach Gambia abgeschoben werden.

*Name verändert