Es war ein spektakulärer Einbruch, zu dem es eine gehörige Portion Dreistigkeit braucht: Ausgerechnet ins Berliner Hauptzollamt ist eine Bande im Januar 2020 eingebrochen. Sie stahl 8,6 Tonnen beschlagnahmten unverzollten Shisha-Tabaks und 5,2 Millionen beschlagnahmte Zigaretten.

Zur Lachnummer wollten die Zöllner sich nicht machen lassen. In einer ebenfalls spektakulären Aktion holten sie sich den Tabak zurück. Spezialkräfte des Zolls fassten die meisten der Kriminellen. Sie kamen vor Gericht.

Am Dienstag wurde gegen ein weiteres Mitglied der Bande vor dem Berliner Landgericht der Prozess eröffnet. Der 33-jährige Stanislav I. wird des Einbruchdiebstahls und der Steuerhehlerei bezichtigt.

Ein schmaler Mann mit Vollbart saß hinter der Glasscheibe. Rumänisch-moldauische Staatsbürgerschaft, verheiratet, ohne erlernten Beruf. Einen festen Wohnsitz in Deutschland habe er nicht, ließ er über eine Dolmetscherin vor Gericht ausrichten.

Die Gruppierung ging nach Erkenntnissen der Ermittler arbeitsteilig vor: Zwischen dem 24. und dem 26. Januar 2020 kletterten die Täter nachts auf das Dach der Lagerhalle des Zolls in der Gehrenseestraße in Hohenschönhausen. Durch eine Dachluke seilte sich einer aus 15 Metern Höhe ab und öffnete von innen die Rolltore für die Komplizen. Mit einem gemieteten Lkw fuhren sie in die Halle und beluden diesen mit dem Tabak. Die zwei Hubwagen, die in der Halle standen, nahmen sie mit.

Verdeckter Ermittler kaufte den Tabak zum Schein an

Bei der Gelegenheit ließ die Bande unter anderem 101 Liter beschlagnahmte alkoholische Getränke mitgehen, 1800 Stück gefälschte Markentextilien, 20 Luftmatratzen, vier Porsche-Räder, ein Maserati-Spiegelglas, zwei Scheinwerfer von einem Porsche Cayenne und eine Kaffeemaschine.

Das Gelächter über den Zoll und seine unzureichend gesicherte Asservatenstelle war danach groß. Der Zoll entschloss sich, das Gebäude besser zu sichern.

Doch im Juni desselben Jahres holte sich der Staat die Beute zurück – zumindest einen großen Teil davon. Das Zollfahndungsamt München und die Staatsanwaltschaft Landshut hatten eine erste Spur zu den Tätern. Sie ermittelten zunächst in einer anderen Sache wegen Hehlerei. Denn sie hatten erfahren, dass auf dem Schwarzmarkt 8,5 Tonnen unversteuerten Wasserpfeifentabaks weit unter dem Marktwert, für 230.000 Euro, angeboten wurden. Bei ihrem Deal gerieten sie allerdings an den Falschen.

Eine Sonderkommission des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg und das Berliner Landeskriminalamt hatten einen verdeckten Ermittler auf die Hehler angesetzt. Im April kaufte der Polizist zum Schein den Tabak an – und der Zoll stellte die Ware sicher.

Versuchter Mord, Körperverletzung, Raub

Von einer Festnahme der Verkäufer sahen die Fahnder zunächst ab, weil sie die Hintermänner fassen wollten. Im Juni des Jahres griffen dann Spezialkräfte der Zentralen Unterstützungsgruppe Zoll (ZUZ) zu. Mit Unterstützung der Länderpolizeien gab es eine Großrazzia in Berlin, Bayern, Niedersachsen und Hessen. Neun Beschuldigte wurden verhaftet. Noch auf der Flucht ist der Chef der Bande. Er hat sich offenbar nach Moldau abgesetzt.

Den Männern im Alter zwischen 22 und 53 Jahren aus Moldau, Rumänien und Weißrussland werden schwerer Bandendiebstahl und gewerbsmäßige Steuerhehlerei vorgeworfen. Sie sind nach Erkenntnissen der Zollfahnder tief in die organisierte Kriminalität verwickelt und wegen zahlreicher Delikte vorbestraft, darunter wegen schwerer Körperverletzung, versuchten Mordes, Raubes und Waffenbesitzes.

Inzwischen hat das Berliner Landgericht in einem Prozess sieben Mitglieder der Bande zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und zuletzt im April einen 39-Jährigen zu dreieinhalb Jahren Haft. Einige Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Nach einigen Bandenmitgliedern wird noch gefahndet.

Verstecke in zwei Containern und einem Lkw-Anhänger

Der 33-jährige Stanislav I., der sich nun vor Gericht verantworten muss, wurde am 16. Dezember vergangenen Jahres verhaftet, auf einer Raststätte an der A3 Richtung Frankfurt. Bei einer allgemeinen Verkehrskontrolle war den Polizisten aufgefallen, dass gegen ihn ein Haftbefehl des Amtsgerichts Tiergarten erlassen war.

Laut Anklage war er für die Sortierung und Umverpackung des Diebesgutes verantwortlich. Die Bande hatte den Tabak in zwei gemieteten Containern auf einem Industriegelände an der Gärtnerstraße in Alt-Hohenschönhausen versteckt sowie in einem Lkw-Anhänger an der Gärtnerstraße im selben Ortsteil.

Für den Prozess gegen Stanislav I. sind bis August 19 Verhandlungstage angesetzt. Am Donnerstag werden die ersten Zeugen gehört: ein Polizeihauptmeister und eine DNA-Gutachterin der Uni Leipzig.

Die 5,2 Millionen gestohlenen Zigaretten hingegen sind wohl inzwischen aufgeraucht. Sie blieben verschwunden.