Der Angeklagte Paul K. ließ sich zu Beginn des Prozesses nicht vorführen.
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BerlinSie nannten sich Müller, Richter, Lehmann, Raschke oder Stahl. Sie riefen aus vermeintlichen Polizeidienststellen bei betagten Frauen und Männern an und gaben sich als Polizeibeamte aus, die wegen eines angeblich bevorstehenden Einbruchs die Wertsachen der alten Herrschaften sichern müssten.

Die alten Leute glaubten den Anrufern, denn auf ihrem Telefondisplay war die 110 erschienen - die Notrufnummer der Polizei. Ohne misstrauisch zu werden, übergaben sie Geld, Schmuck und sogar Goldbarren an die mutmaßlichen Betrüger. Oder sie legten die Wertsachen an telefonisch vereinbarten Orten ab - ohne sie jemals wiederzusehen.

Seit Dienstag muss sich ein mutmaßliches Mitglied der Bande vor dem Landgericht verantworten - wegen „banden- und gewerbsmäßigen Betrugs und Amtsanmaßung“. Paul K. soll zwischen April und Oktober vergangenen Jahres in den meisten der 15 angeklagten Fällen als Abholer fungiert und dabei vorgetäuscht haben, Polizist zu sein.

Insgesamt sollen die Kriminellen etwa 800.000 Euro erbeutet haben. Wie aus der Anklage hervorgeht, kamen die meisten Betrogenen aus Berlin, lediglich ein Opfer stammt aus Frankfurt am Main. Sie sind 69 bis 96 Jahre alt. Die mutmaßlichen  Betrüger sollen bei ihren Taten äußerst geschickt und professionell vorgegangen sein, sagt Gerichtssprecherin Lisa Jani.

Um die Senioren hinters Licht führen zu können, hätten die mutmaßlichen Täter mithilfe eines Callcenters in der Türkei das sogenannte Call ID Spoofing genutzt. Mit dieser Methode können Kriminelle Telefonanschlüsse so manipulieren, dass eine beliebige Telefonnummer angezeigt wird. In diesem Fall die Notrufnummer der Polizei.

So sollen die mutmaßlichen Mittäter des Angeklagten am 12. und 13. September vergangenen Jahres als angebliche Polizeibeamte Stahl und Lehmann bei einer 78 Jahre alten Frau angerufen haben, die zur Tatzeit auf die Wohnung einer Bekannten in Kreuzberg aufpassen sollte. Die Anrufer erklärten, dass es Hinweise darauf gebe, dass in die Wohnung der Bekannten eingebrochen werden solle. Sie brachten die Seniorin dazu, zwei Briefumschläge mit jeweils 50.000 Euro, zwei Holzkisten mit Schmuck und eine Vielzahl an Uhren bereitzulegen. Der angeklagte Paul K. soll die Beute im Wert von 350.000 Euro abgeholt haben.

Dieselbe Frau soll wenig später noch einmal von einem „Einsatzleiter der Polizei“ telefonisch kontaktiert worden sein. Dieser Mann erklärte der alten Dame, auch ihr Vermögen sei gefährdet. Sie übergab dem angeblichen Polizeibeamten Paul K. 19.000 Euro.

Geld vom Balkon im 25. Stock geworfen

In einem weiteren Fall meldete sich ein vermeintlicher Polizist von der „Dienststelle am Platz der Luftbrücke“ bei einer 88-jährigen Frau in Mitte. Er erzählte der Rentnerin, dass zwei Personen festgenommen worden seien, die Einbrüche bei älteren Menschen begangen hätten. Der Anrufer soll der Frau zudem mitgeteilt haben, dass man bei einem der Einbrecher eine Liste gefunden hätte, auf der der Name und die Anschrift der alten Dame gestanden habe.

Die Seniorin teilte gutgläubig mit, dass sie Geld und Goldmünzen in der Wohnung aufbewahre. Laut Anklage sei sie daraufhin aufgefordert worden, 33.000 Euro und die Münzen in eine Plastiktüte zu stecken und sie von ihrem Balkon im 25. Stockwerk in die Tiefe zu werfen. Die Frau kam der Aufforderung nach.

Auch die Legende der Täter, in der Bank, bei der die Frauen und Männer ihr Konto hatten, würde ein betrügerischer Angestellter sitzen, der dabei sei, das Guthaben oder das Schließfach zu plündern, verfing mehrfach bei den Opfern. Sie holten daraufhin Goldbarren und Geld von ihrer Bank und übergaben die Wertsachen der „Polizei“.

So auch am 21. Oktober vergangenen Jahres. An jenem Tag hatte sich ein „Polizeibeamter“ telefonisch bei einer 82-jährigen Frau aus Zehlendorf gemeldet. Er soll die Frau darum gebeten haben mitzuhelfen, einen Betrüger zu überführen. Dieser angebliche Betrüger soll, so die Aussage des Anrufers, Zugriff auf das Konto der Frau haben. Die Frau hob daraufhin wie  empfohlen 10.000 Euro ab und ließ sich aus dem Safe der Bank ihren Schmuck im Wert von 5000 Euro aushändigen. Dann hinterließ sie im Safe weisungsgemäß einen weißen Briefumschlag. Der Täter würde darauf seine Fingerabdrücke hinterlassen, wurde der Senioren erklärt. Das schien ihr alles plausibel.

Die Frau sollte Geld und Schmuck in eine Tasche packen und an einem Zaun in der Nachbarstraße deponieren. Zu dieser Zeit wurde Paul K. bereits observiert, sein Handy überwacht. Als der Angeklagte die Tasche zu seinem Wagen tragen wollte, nahmen ihn Polizisten fest.

Paul K. hat vor seiner Festnahme von Arbeitslosengeld gelebt. Er schweigt zu den Vorwürfen. Am nächsten Verhandlungstag sollen die ersten Senioren gehört werden, die um ihr Geld gebracht wurden.