Berlin - Nfamara J. wartet im Stern, so wird die zentrale Halle der Justizvollzugsanstalt in Moabit genannt, ein Rundbau, über den sich eine grüne Kuppel wölbt, und von dem strahlenförmig die fünf Trakte des Gefängnisses abgehen. Ein Justizbeamter hat den Schwarzafrikaner aus der Zelle im Block A 1 in den Stern gebracht. Nfamara J. trägt einen graublauen Pullover, eine braune, viel zu weite Jogginghose und grüne Badelatschen an den nackten Füßen. Ein schüchternes Lächeln huscht bei der Begrüßung über sein Gesicht. Sein Anwalt Burkhart Person hatte gesagt, Nfamara J. würde sich über Zigaretten freuen. Sein Mandant könne es sich nicht leisten, im Gefängnis Zigaretten zu kaufen. Er habe sonst niemanden, der ihn besuche. Und niemanden, der Geld auf das Gefangenenkonto einzahle.

Traurig über die Tat

Nfamara J. stopft die drei Schachteln Zigaretten, die ein Besucher für einen Untersuchungshäftling am Automaten kaufen darf, in die Taschen seiner Hose. „Danke“, sagt er leise. Es ist eines der wenigen deutschen Wörter, die er mittlerweile gelernt hat. Nfamara J. spricht Mandinka, eine westafrikanische Sprache, die in seiner Heimat Gambia gebräuchlich ist. Und er kann ein bisschen Spanisch. Denn er hat fast zehn Jahre in Spanien gelebt. Nun jedoch sitzt er in Berlin in Untersuchungshaft. Nfamara J. hat einen Menschen getötet. Am 25. April dieses Jahres hat er in der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg den Marokkaner Anwar R. erstochen.

Der Besucherraum des Gefängnisses liegt in der dritten Etage, im Gruppen- und Beratungszentrum. In dem Zimmer, das doppelt so groß ist wie die sechs Quadratmeter messenden Zellen der Häftlinge, gibt es einen Tisch mit drei Stühlen. An der Wand steht eine Tafel. Durch die zwei kleinen Fenster fällt das letzte Tageslicht. Die Eisentür bleibt angelehnt, auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein Justizbeamter. Auf Monitoren kann er beobachten, was auf dem Flur vor der Tür geschieht.

Nfamara J. setzt sich zögernd auf einen der drei Stühle. Er legt die Arme auf den Tisch und schaut erwartungsvoll. Es gehe ihm gut, antwortet der 41 Jahre alte Mann auf die erste Frage. Aber er sei auch traurig. Darüber, was er getan habe. Ein Dolmetscher übersetzt die leise gesprochenen Worte.

Nfamara J. ist nun schon seit mehr als sechs Monaten in Moabit inhaftiert. Seine Familie, die ihn besuchen dürfte, lebt 6000 Kilometer entfernt. Nur vier Mal hat er in der Zeit seiner Haft mit seiner Frau und den beiden Söhnen, vierzehn und zehn Jahre alt, und mit der Schwester in Gambia telefonieren können. Die Gespräche nach Hause sind teuer. Sein Anwalt ist der Einzige, der ihn regelmäßig besucht. Zweimal in der Woche wird Nfamara?J. zum benachbarten Kriminalgericht geführt, zum Prozess, der ihm seit Mitte Oktober gemacht wird, und in dem vermutlich am kommenden Freitag das Urteil fällt.

Kein typischer Flüchtling

Der Staatsanwalt plädierte am Montag auf Totschlag, sieben Jahre soll Nfamara J. ins Gefängnis. Die Verteidigung forderte Freispruch. Im Streit soll der Gambier den Marokkaner Anwar R. erstochen haben. Auf dem Gelände der Gerhart-Hauptmann-Schule, die viele Monate mit Duldung des zuständigen Bezirksamtes von Friedrichshain-Kreuzberg von Flüchtlingen besetzt war, und in der noch immer vierzig Menschen leben. Ginge es nach dem Bezirk, so würde die Schule so bald wie möglich geräumt werden. Das Verwaltungsgericht hatte dies jedoch am Freitag in einem Eilbeschluss untersagt.

Auch Nfamara J. lebte in der Schule. Obwohl er eigentlich nicht der typische Flüchtling war. Er besaß Papiere, eine Aufenthaltsgenehmigung für den Schengenraum und sogar etwas Geld, das er gespart hat. Er hätte nicht in Deutschland bleiben müssen, nicht in Berlin, nicht in Kreuzberg, nicht in dieser Schule. Nfamara J. hätte sich ein Zimmer nehmen und sich eine Arbeit suchen können, sagt sein Anwalt Burkhart Person. Dazu hätte er das Recht gehabt. Hätte, hätte, hätte. Es gab Möglichkeiten. Doch nun ist ein Mensch tot. Der Anwalt sagt: „Mein Mandant war zur falschen Zeit am falschen Ort.“