Der Angeklagte Gregor S.
Foto: Olaf Wagner

BerlinSilke van Sweringen nennt den Angeklagten den „Dahergelaufenen“. So hat sich Gregor S. selbst einmal bezeichnet. An diesem Mittwoch übernimmt die Staatsanwältin diesen Terminus, weil sie ihn für das Geschehene passend finde, wie sie sagt. Silke van Sweringen fordert an diesem Mittwoch für Gregor S. wegen Mordes und versuchten Mordes eine Gesamtfreiheitsstrafe von 14 Jahren. Zudem verlangt sie, den Angeklagten wegen dessen psychischer Erkrankung in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen.

Es ist der achte Verhandlungstag in diesem Prozess, in dem es um den gewaltsamen Tod von Fritz von Weizsäcker geht. Der Chefarzt der Schlosspark-Klinik war am 19. November vorigen Jahres von dem Angeklagten nach einem Vortrag niedergestochen worden. Vor den Augen von Dutzenden Zeugen. Gregor S. hatte dem Mediziner und Vater von vier Kindern ein Messer in den Hals gerammt. Der 59-jährige Arzt hatte keine Chance.

Es war ein heimtückischer Mord aus niedrigen Beweggründen, stellt Silke van Sweringen fest. Den Angriff auf den Polizisten Ferrid Brahmi, der sich vor Fritz von Weizsäcker gestellt hatte, nennt sie einen versuchten Mord. Gregor S. habe geglaubt, Fritz von Weizsäcker sei noch nicht tödlich getroffen. Er habe die Tat vollenden wollen und deswegen auch auf den zufällig anwesenden Brahmi eingestochen. Der Angeklagte habe für die Ausführung der Tat „buchstäblich über Leichen gehen“ wollen.

Gregor S. wollte sich rächen an der Familie des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, den der Angeklagte für das Leid von Hundertausenden Menschen im Vietnamkrieg verantwortlich machte. Der Mann aus dem rheinland-pfälzischen Andernach hatte nach eigenen Worten 1991 einen Spiegel-Artikel über das Entlaubungsmittel Agent Orange gelesen. Der Beitrag hieß „Der Tod aus Ingelheim“, dort saß eine Firma, die angeblich Säure für Agent Orange lieferte. Richard von Weizsäcker saß in den 1960er-Jahren im Vorstand der Firma.

„Der Tod kam nicht aus Ingelheim, er kam aus Andernach. Und er kam völlig überraschend aus dem Nichts“, sagt die Staatsanwältin. Deswegen müsse nun das Gericht über eine sinnlose Tat eines psychisch Gestörten befinden, der immer noch gefährlich sein. Und nicht über jemanden, der ein Zeichen habe setzen wollen.

Nach ihren Worten recherchierte Gregor S. nach dem Tod von Richard von Weizsäcker im Januar 2015 nach den Kindern des einstigen Bundespräsidenten. Er der Lagerist, der bei Amazon arbeitete, stieß auf einen Vortrag von Fritz von Weizsäcker zum Thema Fettleber. Er meldete sich an, er kaufte sich ein Messer und eine Fahrkarte nach Berlin. Er habe den Anschlag auf den Politiker Oskar Lafontaine vor Augen gehabt, der durch eine Messerattacke schwer verletzt worden sei. „Er wusste, dass so ein Stich in den Hals schnell tödlich enden kann.“

Fritz von Weizsäcker habe nicht einmal Zeit gehabt, die Arme zu heben, als ihn Gregor S. das Messer in den Hals gerammt habe. „Der Anschlag hat den Arzt kalt erwischt“, sagt Silke van Sweringen. Sie nannte den Angeklagten trotz seiner Störung intelligent und reflektiert. Er habe zuhause und im Job immer beanstandungslos funktioniert. Er sei von dem Leid in Vietnam, von dem er in dem Verfahren immer gesprochen habe, in keiner Weise betroffen gewesen, sei nie in das Land gefahren, habe lediglich als Sextourist Thailand besucht. Fritz von Weizsäcker habe wegen einer angeblichen Kollektivschuld der Familie für etwas büßen müssen, mit dem er nicht zu tun gehabt habe.

Die beiden Anwälte der Familie von Fritz von Weizsäcker, die im Prozess Nebenkläger ist, schließen sich in ihrem Plädoyer den Forderungen der Staatsanwältin an. Roland Weber, der die vier Kinder des ermordeten Arztes vertritt, sagt in seinem Schlussvortrag, er glaube nicht, dass der Angeklagte den einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker habe töten wollen. „Wenn er es vorgehabt hätte, hätte er es seit 1991 tun können“, sagt der Anwalt. Richard von Weizsäcker sei nach seiner Amtszeit als Bundespräsident ein sichtbarer Bürger und erschreckend normal gewesen. Fritz von Weizsäcker, der Sohn des Bundespräsidenten, sei das Zufallsopfer eines armen, kranken Menschen gewesen. „Der vier Menschen zu Halbwaisen machte und der Lebensgefährtin von Fritz von Weizsäcker den liebsten Menschen nahm.“

Die Verteidiger von Gregor S. erklären, ihr Mandant sei nicht gefährlich. Er habe seine „heilige Mission“ mit der Tat erfüllt. Bei den Verletzungen des Polizeibeamten handele es sich lediglich um eine gefährliche Körperverletzung.

Noch am Mittwochabend will das Gericht ein Urteil in dem spektakulären Verfahren sprechen.