Der Ort, an dem  Susanne F. gefunden wurde, liegt nur 40 Meter von einer Bundespolizeidirektion entfernt, ganz in der Nähe vom Bahnhof Zoo. An dem Ort steht ein Foto, das die 60-Jährige zeigt, vier Rosen liegen davor, zwei Grablichter und ein Topf mit Stiefmütterchen flankieren die Stelle. Foto und  Blumen hat Klaus Rasch dort abgelegt. Er will die Erinnerung an seine Frau wach halten. „40 gemeinsame und glückliche Jahre – mal eben so ausgelöscht“, hat er unter das Foto geschrieben.

An diesem Mittwoch sitzt  Rasch im Schwurgerichtssaal 500 des Kriminalgerichts Moabit dem Mann gegenüber, der seine Susa, wie er sie genannt hat, getötet haben soll. Immer wieder versucht der 67-Jährige, dem angeklagten Ilyas A. in die Augen zu schauen. Vergebens.

Der Tschetschene,  angeblich 18 Jahre alt, sieht den Mann mit dem grauen Schnauzbart nicht einmal an. Später wird Rasch sagen, wenn die Behörden nicht versagt hätten, könnte seine Frau vielleicht noch leben. Er findet, dass Ilyas A. schon lange vor der mutmaßlichen Tat hätte abgeschoben werden müssen.

Heimtückisch und aus Habgier

Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann  vor, Susanne F. am Abend des 5. September vorigen Jahres auf dem Weg durch den Tiergarten heimtückisch und aus Habgier getötet zu haben. Die Kastellanin des Schlosses Glienicke hatte sich an jenem Abend im nahen Schleusenkrug mit drei einstigen Kommilitoninnen getroffen.

Die Frauen trafen sich, wie so oft, in der Gaststätte am Landwehrkanal. Gegen 22.15 Uhr verabschiedeten sie sich, nur Susanne F. wollte den Fußweg durch den Tiergarten zum Hardenbergplatz nehmen, wo ihr Bus fuhr. Die anderen Frauen gingen zur Straße des 17. Juni.

Nur wenige Meter, bevor Susanne F. ihr Ziel erreichte, soll  sie der damals obdachlose Angeklagte  angegriffen haben. Er habe sie töten wollen, um an  Wertgegenstände zu gelangen, sagt der Staatsanwalt. Laut Anklage erwürgte Ilyas A. sie, schleifte sie in ein Gebüsch und nahm aus ihrer Handtasche das Handy und mindestens zwei Euro. Obwohl die Polizei den Weg absuchte, wurde die Leiche erst drei Tage später entdeckt.

Der Angeklagte schweigt

Ilyas A. schweigt an diesem ersten Prozesstag zu den Vorwürfen. Dennoch wird eine Aussage von ihm bekannt. Ralf Vogl, Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer, verliest eine Erklärung, die der Angeklagte bei einem Haftprüfungstermin Anfang des Monats abgegeben habe. Demnach will Ilyas A. die Leiche  gefunden, sie durchsucht und ihr Handy sowie Kleingeld genommen haben. So seien   seine DNA auf den linken Handrücken der Toten gelangt.

Ilyas A. machte auch Angaben zu einem möglichen Alibi. So will er in der Tatnacht bis morgens 5 Uhr in einem Internetcafé in Moabit verbracht und sehr viel getrunken haben. Auf dem Weg zu seinem versteckten Schlafsack am Schleusenweg fand er dann angeblich die tote Kunsthistorikerin. Nachermittlungen der Polizei bestätigten das Alibi offenbar nicht.

Olga P. ist eine der drei Freundinnen, mit der sich Susanne F. getroffen hatte. Die 68-Jährige beschreibt ihre Freundin vor Gericht als nette, auch lustige Frau.  Normalerweise hätten sie sich immer zu sechst im Schleusenkrug getroffen, diesmal waren sie nur vier. An jenem  Abend tranken sie an einem der letzten freien Tische im Biergarten jeweils ein Bier und  aßen dazu Laugenbrezeln. 

„Um 22 Uhr wollte Susanne gehen. Sie  wollte zum Bus“, erinnert sich Olga P. Diesen Weg sei sie immer mit den beiden Freundinnen gegangen, die diesmal fehlten. Gegen 22.15 Uhr verabschiedeten sich die Frauen. „Susanne hat sich noch umgedreht und gewinkt.“

Eine toughe Frau

Eine weitere  Freundin, Christine H., beschreibt Susanne F. als eine toughe Frau, die  bei einem Überfall sicher um ihre Handtasche gekämpft hätte. Sie habe ihr an jenem Abend noch zwei Opernkarten verkauft. Susanne, die nie viel Geld dabei hatte, gab 60 Euro und bekam zwei Euro zurück. „Ich kann nicht verstehen, dass auf diesem Weg niemand gesehen hat, was Susanne geschehen ist. Da sind doch ständig Menschen unterwegs“, sagt die 56-Jährige.

Klaus Rasch hatte am  nächsten Morgen   eine Vermisstenanzeige  erstattet. Beamte suchten den Weg mit Spürhunden ab, eine Spur fanden sie nicht. Erst am 8. September fand ein Spaziergänger die  Leiche  in einem Gebüsch. Die Obdachlosen, die im Tiergarten übernachteten, wurden befragt, auch das Personal des Schleusenkrugs und der Ehemann. Niemand konnte etwas zu der  Tat sagen.

Dem Angeklagten kamen die Fahnder der Mordkommission durch das  Handy  auf die Schliche. Ilyas A. hatte sich auf den Weg zu seiner  Familie nach Polen gemacht. Angeblich, weil er wegen der Toten  in Panik geraten war. Am 9. September wurde das Handy eingeschaltet und in Frankfurt (Oder) geortet.

Handydaten führten nach Polen

Die Mordermittler baten die polnischen Kollegen um Hilfe. Die Handydaten führten die Fahnder nach Pruszkow. Dort wurde Ilyas A. am 11. September mit dem Handy  aufgegriffen. Der junge Mann gab an, das Smartphone für 90 Euro auf einem Markt erworben zu haben. Ilyas A. wurde nach Berlin zurückgebracht.

Den Ermittlern erzählte er viel über seine drei Schwestern und drei Brüder. Die Familie kam nach Deutschland, als er 13 Jahre alt war. Im Januar 2014 wurde sie nach Polen abgeschoben. Der Angeklagte kehrte allein zurück, stellte einen Asylantrag und bekam eine Duldung. „Er dachte, er bekommt hier alles“, sagt eine Ermittlerin. Geld und Wohnung. Angesprochen auf den mutmaßlichen Mord habe er   dichtgemacht.

Mehrere Raubtaten

Vor drei Jahren wurde Ilyas A. erstmals straffällig. Er stahl Mobiltelefone und Fahrräder. Er raubte drei Senioren aus, das älteste Opfer war 98 Jahre alt. Dafür wurde er zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Doch danach nicht abgeschoben – angeblich, weil Russland keine Zusage machte, den Jugendlichen unterzubringen.

Als Ilyas A. 18 wurde, hätte er Deutschland verlassen müssen. Doch ein Anwalt soll gegen die Abschiebung einstweiligen Rechtsschutz beantragt haben. Einen Tag vor dem mutmaßlichen Mord  holte Ilyas A. beim Landesamt für Flüchtlingsangelegenheit mehr als 200 Euro Unterstützung ab.

Klaus Rasch hofft, im Prozess Antworten zu erhalten.  Er glaubt nicht, dass der Fundort auch der Tatort ist. Aber vor allem wolle er die Wahrheit über den Tod seiner Frau erfahren. Er sehe immer wie im Film diesen Weg vor sich, den sie gegangen sei. „Dann reißt der Film ab, und ich weiß nicht, wie er weitergeht.“ Er will es aber wissen.