Samir O. bricht in Tränen aus, als er an diesem Dienstag seine Personalien vor Gericht angeben muss. Er erklärt, dass er zehn Jahre und sieben Monate lang einen Autohandel betrieben habe. Und Familienvater sei. Am Freitag kam sein viertes Kind, eine Tochter, zur Welt. Sie hätten das Mädchen Emina genannt. In Erinnerung an seine Schwester, erklärt der 29-jährige Angeklagte. Emina O. starb bei Gewalttätigkeiten nach einer Hochzeitsfeier durch einen Schuss, den Samir O. aus einer halbautomatischen Waffe abgegeben hatte.

Auf der Anklagebank sitzen noch vier Verwandte von Samir O. Der älteste Angeklagte ist der Vater, er ist 49 Jahre alt, die jüngste Beschuldigte ist gerade einmal 16 Jahre alt. Die Jugendliche geht noch zur Schule. Auch der Ehemann der getöteten Emina O. ist unter den Angeklagten. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. Samir O. muss sich zudem wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

130 Mal mit Hammer, Beil und Fäusten auf Hamid A. eingeschlagen

Es begann offenbar auf einer großen Roma-Hochzeit in Spandau. Dort sollen sich am 26. Oktober vergangenen Jahres Mitglieder verfeindeter Familien getroffen haben. Hamid H. soll dabei die Toten der Familie O. beleidigt und die Familie somit angeblich in ihrer Ehre verletzt haben.

Der 39-jährige Hamid H. verließ die Hochzeit, er ging in der Prinzenstraße noch in eine Bar. Was dann geschah, ist nach den Worten des Staatsanwalts Martin Glage durch Videoaufzeichnungen dokumentiert. Die nun angeklagten Angehörigen der Familie O. seien in die Bar gestürmt. Mit einem Hammer, einem Beil, einem Hockeyschläger, einer Eisenstange und Fäusten hätten die Angreifer Hamid H. attackiert. Insgesamt etwa 130 Mal schlugen die mutmaßlichen Täter auf ihr Opfer ein, um es für die Beleidigungen abzustrafen, heißt es in der Anklage. Allein die 16-jährige Angeklagte soll 39 Mal auf Hamid H. eingeprügelt haben. Die Angeklagten hätten bei der Gewalttat den Tod des Mannes zumindest billigend in Kauf genommen.

Eigene Schwester bei Prügelattacke erschossen

Samir O. soll auf den Geschädigten vierzehnmal mit der Faust und der flachen Hand eingedroschen und zum Schluss noch mit einem Stuhl auf ihn eingeschlagen haben. Dabei soll der 29-Jährige eine halbautomatische Waffe in der Hand gehalten haben. Bei einem der Schläge betätigte er offenbar den Abzug. Der Schuss traf seine Schwester, die gerade die Bar betreten hatte, tödlich.

Auch die Frau von Samir O. sollte ursprünglich mit auf der Anklagebank sitzen. Sie soll nach der Tat die Waffe, aus der der tödliche Schuss gefallen war, an sich genommen haben, um sie verschwinden zu lassen. Die Frau hat am Freitag Samir O. zum vierten Mal zum Vater gemacht. Das Verfahren gegen sie wegen versuchter Strafvereitelung wurde daher abgetrennt.

Wie durch ein Wunder überlebte das Prügel-Opfer

Fast alle Angeklagten, die im Ermittlungsverfahren geschwiegen haben, wollen sich im Prozess zu den Vorwürfen äußern. Am Freitag schon soll Samir O. aussagen. Und das Opfer? Es überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen. Es hieß am Rande des Verfahrens, dass es ein Wunder sei, dass Hamid H. den Angriff überlebt habe. Er soll noch immer schwer gezeichnet sein. In dem Prozess ist er Nebenkläger, wird aber derzeit im Gerichtssaal von einem Anwalt vertreten.

Der 39-Jährige wird in dem Verfahren als Zeuge gehört. Dann, so heißt es, sollen die Angeklagten, die am Donnerstag neben ihren Anwälten sitzen durften, aus Sicherheitsgründen wieder in den Boxen aus Panzerglas verschwinden.