Prozess um spektakulären Goldraub in Tiergarten: Die Suche nach dem dritten Mann

Es gibt Verbrechen, bei deren Aufklärung die Justiz scheitert – auch wenn die Polizei einen schnellen Ermittlungserfolg feierte und Mittäter bereits verurteilt wurden. Ein solches Verbrechen könnte der spektakuläre Goldraub vom Oktober 2016 in der Budapester Straße in Tiergarten sein. An ihm waren drei Täter beteiligt, sie raubten Goldbarren und Silbermünzen – laut Staatsanwaltschaft im Wert von 1.064.954,64 Euro. Zwei Männer wurden gefasst und rechtskräftig verurteilt: ein Fitnesstrainer, der bei dem Coup als alter Mann verkleidet war, und ein Profiboxer, der das Fluchtauto fuhr. Der dritte Mann fehlt noch, ebenso das Gold.

Dabei schien alles klar zu sein: Die Staatsanwaltschaft klagte im Juli vergangenen Jahres einen dritten Tatverdächtigen an. Deswegen sitzt Serkan C. nun vor Gericht. Ihm wirft die Anklage vor, der dritte Mann zu sein. Doch der Haftbefehl gegen ihn ist längst aufgehoben – der dringende Tatverdacht war nicht mehr gegeben. Doch die Staatsanwaltschaft hält an ihrer Theorie fest.

An diesem Dienstag ist der vierte Verhandlungstag gegen Serkan C. Ein Tag, an dem es wieder etwas unwahrscheinlicher scheint, dass da der Richtige auf der Anklagebank sitzt. So berichtet ein Zeuge, dass der 34-jährige Angeklagte am Tattag – einem Sonnabend – in einem Supermarkt gearbeitet habe – wie zu jener Zeit an jedem Wochenende.

Mit Perücke und Hornbrille

Der dritte Mann, das ist jener Täter, der am 22. Oktober gegen 13.30 Uhr gemeinsam mit einem als alter Mann verkleideten Mittäter an der Tür des Goldkontors klingelte. Der Komplize trug eine Perücke, eine Hornbrille und einen – vermutlich unechten – Schnauzer. Martin K. öffnete beiden Herren. Was dann geschah, erzählt der Goldhändler nun zum wiederholten Mal vor Gericht.

Der Jüngere der beiden Männer habe einen Hartschalenrollkoffer dabei gehabt – nichts ungewöhnliches in der Branche, sagt der Händler. Mancher Kunde kaufe acht Kilogramm Silber und benötige ein sicheres Gepäckstück. Der alte Mann mit Krückstock und Mütze sei in den Laden getippelt und gestürzt. In dem Moment prügelte der zweite Täter auf Martin K. ein und zerrte ihn zur Treppe, die zum Keller führt.

Das Problem ist, dass es damals nur eine Überwachungskamera für den Laden im Erdgeschoss gab. Sie filmte zwar das anfänglich Geschehen – allerdings gegen das Licht. Der Film endet an der Treppe. Ab dieser Zeit gibt es kein Bild mehr, weil es im Keller des Goldkontors, wo die Tresore stehen, damals noch keine Überwachungskamera gab. So stützen sich die Ermittlungen auf die Aussagen des 62-jährigen Goldhändlers. Dieser sagt, er sei im Keller mit einem Zimmermannshammer und einer Schusswaffe bedroht, geschlagen und so gezwungen worden, die Safes zu öffnen.

Die Beute: laut Anklage 30 Kilogramm Gold. Der Goldhändler sagt, er habe einen Tresor nach dem anderen geöffnet. Der Rollkoffer der Täter sei bis zum Rand mit Edelmetall gefüllt gewesen. „Ich habe den Wert damals auf zwei Millionen Euro geschätzt“, erklärt er.

Die beiden bereits verurteilten Täter haben im Prozess gegen Serkan C. ausgesagt, dass sie nicht soviel Gold erbeutet hätten. Beide beschuldigten sich gegenseitig mit der Beute verschwunden zu sein und vom jeweils anderen nur 800 Gramm Gold und ein bisschen Geld erhalten zu haben. Beide sagten, der andere habe den dritten Mann angeheuert.

Dass Serkan C. überhaupt auf der Anklagebank sitzt, liegt an dem Fitnesstrainer, dem „alten Mann“. Dieser habe ihn einst beschuldigt, um einen Strafnachlass zu bekommen, wie er nun gestand. Er gab mittlerweile auch zu, dass Serkan C. nicht der Mittäter gewesen sei.

Unterdessen gibt es Indizien, die gegen Serkan C. sprechen. Er lebt von Arbeitslosengeld ohne aufwendigen Lebensstil. Jedoch fiel einer Ermittlerin auf, dass er einen Monat nach dem Goldraub seiner Freundin ein Auto für 42.000 Euro gekauft habe – offenbar bar bezahlt.

Sitzt also doch der Richtige auf der Anklagebank? Oder wer kommt sonst als ominöser Mittäter in Betracht. Es gibt einen Mann, der schon einmal ins Visier der Fahnder geriet. Er sollte am Dienstag eigentlich als Zeuge im Prozess gegen Serkan C. aussagen. Doch die Ladung erhielt er angeblich nicht. Seine Mutter, bei der er lebte, teilte dem Gericht mit, ihr Sohn habe seine Koffer gepackt. Er sei verschwunden und habe den Kontakt abgebrochen.

Der Prozess wird fortgesetzt.