Am Tatort: Die Spezialisten der Kripo untersuchen das Haus der Familie.
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PotsdamSo stellt man sich einen Retter vor: Sebastian L. ist ein großer, kräftiger Mann. Seit vielen Jahren arbeitet der 34-Jährige als Rettungsassistent. Doch das, was ihn in der Nacht zum 10. April vergangenen Jahres in einer Doppelhaushälfte in der Stadt Brandenburg/Havel erwartete, das hatte er noch nie zuvor erlebt. So erzählt er es am Montag vor dem Landgericht Potsdam.

Im Schlafzimmer des Hauses hätten er und die anderen Einsatzkräfte „regelrecht im Blut gestanden“. Zwei Menschen lagen in dem Doppelbett. Die Frau sei zunächst nicht mehr ansprechbar gewesen. „Ich war mir sicher, wir sind zu spät“, sagt der Zeuge. Der Mann neben der Schwerstverletzten habe weit weniger schwere Blessuren aufgewiesen. Offenbar hatte er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Das Opfer ist erstmals dabei

Die Frau, von der der Rettungsassistent spricht, hat an diesem Verhandlungstag zum ersten Mal neben ihrer Rechtsanwältin Platz genommen. Henriette W. hat überlebt und ist nun Nebenklägerin. Die 33-Jährige sitzt dem Mann gegenüber, der sie damals mit zahlreichen Messerstichen töten und sich dann selbst umbringen wollte: Marco F. – ihr einstiger Lebensgefährte und Vater ihrer beiden Kinder.

Er hat die Tat im Prozess nicht abgestritten. Er behauptet aber, sich an die Messerstiche nicht erinnern zu können. Der Grund für den nächtlichen Angriff auf seine Lebensgefährtin: Henriette W. hatte ihm am Abend zuvor eröffnet, sich von ihm trennen zu wollen. Wegen seiner gewalttätigen Ausbrüche.

In der Doppelhaushälfte in Brandenburg/Havel wollte Marco F. seine Lebenspartnerin im Schlaf töten.
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Dass der gelernte Industriemechaniker, der bis zu der Tat ein aktiver Wasserballer war, nicht wegen vollendeten, sondern nur wegen versuchten Mordes auf der Anklagebank sitzt, hat er seiner neun Jahre alten Tochter zu verdanken. Das Mädchen wurde in der Tatnacht kurz nach 2 Uhr durch Schreie geweckt, es rannte ins Schlafzimmer, sah den Vater, der immer wieder auf die Mutter einstach. Es flehte ihn an, aufzuhören. Als das Bitten des weinenden Kindes nichts half, griff es zum Telefon und wählte den Notruf.

Die Frau erlitt mindestens 50 Verletzungen

Marco F. hatte seiner schlafenden Frau zunächst mehrfach in den Rücken gestochen, bis die Klinge in der Brustwirbelsäule abbrach. Auch ein zweites Messer ging bei der Tat zu Bruch. Mit einer weiteren Tatwaffe, einem Brotmesser, schnitt er der Frau die Handgelenke bis zu den Knochen und den Nacken bis zur Wirbelsäule auf. Dann verlangte er von der schon lebensgefährlich verletzten Henriette W., sie solle auch bei ihm die Pulsadern aufzuschneiden. Schließlich setzte er das Messer bei sich selbst an.

„Es gab kein Körperteil der Frau, das nicht durch Stiche oder Schnitte verletzt war“, sagt auch Matthias B., Oberarzt der Intensivstation im Klinikum Brandenburg/Havel, der in jener Nacht als Notarzt gerufen wurde. Auch er spricht von einem für einen erfahrenen Notarzt noch nie gesehenen Blutbad.

Henriette W. habe in akuter Lebensgefahr geschwebt. Der 48-jährige Mediziner erzählt, dass man der Frau viele Blutkonserven geben musste. Er sprach von „mehr als zehn Liter Volumen“. Die Lunge sei wegen der Stiche zum Teil zusammengefallen. Matthias B. schätzt, dass die Frau 50 Stich- und Schnittverletzungen erlitten hatte. „Es können auch mehr gewesen sein.“

Die Verletzungen haben Langzeitfolgen

In einer mehrstündigen Operation retteten er und seine Kollegen der Frau das Leben. „Ohne die gute körperliche Kondition und ohne das beherzte Handeln der Polizisten, die zuerst am Tatort eintrafen, hätte die Frau das nicht überlebt“, ist sich der Oberarzt sicher. Der Mediziner spricht auch von einem „Riesenglück“, dass bei Henriette W. weder Halsschlagader noch Luftröhre durchtrennt worden seien.

Henriette W. war nach ihrem Abitur zu Marco F. gezogen – aus Liebe. Aus der Beziehung gingen die neunjährige Tochter und der 2018 geborene Sohn hervor. Henriette W. sagt, dass Marco F. gewalttätig geworden sei. Schon einmal habe man sich auch deswegen für ein halbes Jahr getrennt, sei dann aber wieder zusammengezogen und habe schließlich die Doppelhaushälfte gekauft. Henriette W. sagte in ihrer Zeugenaussage, vor anderen habe ihr einstiger Partner den perfekten Schwiegersohn und Familienvater gespielt.

Sie ist derzeit noch immer in Therapie und auch in ärztlicher Behandlung. Schon jetzt ist klar, dass Henriette W. durch die schweren Verletzungen wohl zumindest mit starken Beeinträchtigungen an den Händen leben muss.