Berlin - Vergangenen Sommer war André H. nachts viel unterwegs. Bevorzugt zwischen Mitternacht und ein Uhr tourte der damals 27-Jährige durch die Stadt; mal zu Fuß, mal mit dem Rad, mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln. H. hatte immer ein paar Brocken Grillanzünder und ein Feuerzeug dabei. Die Folgen waren verheerend. Wo H. auftauchte, brannten kurze Zeit später Luxusautos. 102 Fälle sind es, die der Staatsanwalt am Freitag auflistete, jeweils mit Ort, Datum, Uhrzeit und Nummernschild.

Gut 20 Minuten sind dafür nötig. André H. sitzt dabei neben seinem Verteidiger und hört zu. Er ist nicht der Typ eines gewalttätigen Kriminellen, aber wie soll auch ein Mann aussehen, der reihenweise Autos ansteckt?

Spätes Bedauern

H. ist mittelgroß, er ist in einem dunklen Pullover und einer hellen Cordhose erschienen, hat eine Halbglatze und wirkt eher introvertiert. Lange Erklärungen sind jedenfalls nicht sein Ding. Die Richterin muss sich ziemlich mühen, um dem jungen Mann überhaupt ein paar zusammenhängende Sätze abzuringen. Dafür gibt H.’s Verteidiger eine offizielle Erklärung ab. Sein Mandant bedauere sein Tun. Er wisse, dass er „die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt hat“, lässt H. mitteilen und entschuldigt sich bei den Feuerwehrleuten, die in den vergangenen Sommertagen durch H.’s Wirken tatsächlich allerhand zu tun hatten.

Vom 7. Juni bis zum 29. August 2011 war der heute 28-Jährige als Zündler unterwegs. Also, statistisch gerechnet, hat er in dieser Zeit täglich einen Pkw angezündet. Aber das wirkliche Leben ist natürlich anders. Wenn H. besonders schlecht drauf war, brannten schon mal vier, fünf Wagen pro Nacht, dazwischen gab es Pausen.

„Frust“, lautet die Antwort des Täters auf die Frage, warum so viele Autos brennen mussten. Auch hier ist H. wortkarg, die Richterin greift immer wieder auf die Vernehmungsprotokolle zurück, die der Angeklagte bestätigt. Es war eine Mischung aus Ärger, Angst und Wut über seine schon lange währende Arbeitslosigkeit. H.’s Mutter war plötzlich an Krebs erkrankt, Schulden drückten, eine angestrebte Beziehung zu einer Frau kam nicht in die gewünschte Bahn. H. musste sich abreagieren. Im Fernsehen hatte er Wochen zuvor eine Sendung gesehen, wie Autobrandstifter vorgehen: Ein Stück Grillanzünder entflammen, auf den Vorderreifen legen und dann weg. So machte es H. auch. Am 7. Juni verließ er kurz nach Mitternacht die Wohnung, die Familie schlief schon.

E drohen 15 Jahre Haft

Er legte in der Nachbarstraße „seinen“ Grillanzünder auf einen Autoreifen und kehrte sofort nach Hause zurück. Am Badfenster sah er die Rauchwolken aufsteigen, dann heulten die Sirenen der anrückenden Feuerwehrwagen. Erst zwei Tage später besichtigte er das ausgebrannte Wrack. Das ist das einzige Mal, dass der 28-Jährige das machte.

Im Publikum saß am Freitag auch Jochen Fringel. Dessen Mercedes der A-Klasse hatte H. abgefackelt. „Das war ein Totalschaden“, sagte der 70-Jährige in der Verhandlungspause. „Das ist doch ein Pyromane.“ Dagegen spricht allerdings, dass H. seinen Bränden – bis auf die erste Ausnahme – nie beigewohnt hat. Das machen Pyromanen aber gerne.

Am 29. August riss die Brandserie plötzlich und unvermittelt wieder ab. „Ich habe einen Job gefunden, das war ein Glücksfall“, sagte der Angeklagte. Sein Frust war offensichtlich weg. Knapp zwei Monate später wurde H. von der Polizei festgenommen, nachdem Videoaufzeichnungen aus U-Bahnhöfen ausgewertet worden waren, die ihn zeigten. H. gestand sofort.

Seine Taten sind schwerwiegend. Nicht nur, weil mehr als 100 Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen wurden. In vier Fällen werden dem gelernten Maler und Lackierer versuchte beziehungsweise vollzogene schwere Brandstiftung vorgeworfen. Denn in einem Fall griffen die Flammen vom Auto auf den Dachboden eines Einfamilienhauses über. Ein anderes Mal musste sogar ein Seniorenheim geräumt werden, nachdem H. vor dem Gebäude gezündelt hatte. Ihm droht jetzt eine Haftstrafe bis zu 15 Jahren.