Cottbus - Als der Wachmann dem Angeklagten Stephan P. im Gerichtssaal die Handschellen abnimmt, grinst der und wirft seiner Mitangeklagten eine Kusshand zu. Monika R. ist seine Verlobte.

Die beiden müssen sich seit Dienstag vor dem Landgericht Cottbus wegen eines ungeheuerlichen Vorwurfs verantworten. Der 52-jährigen Frau und dem 47-jährigen Mann werden Entziehung einer Minderjährigen, schwerer sexueller Missbrauch des Kindes und Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauch vorgeworfen.

Das Kind, um das es in diesem Fall geht, war zum Zeitpunkt der Taten 12 bzw. 13 Jahre alt. Dieses Kind ist die Tochter der Angeklagten Monika R.

Mehr als 90 Anklagepunkte

Es ist ein Fall, der deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Im Oktober vergangenen Jahres kehrte die damals zwölfjährige Jennifer (Name von der Redaktion geändert) nicht mehr in jene Kindereinrichtung in Cottbus zurück, in der sie seit längerem lebte, weil ihre Mutter völlig überfordert war. Die Polizei fahndete nach dem Mädchen – und die Mutter und deren Verlobter wandten sich tränenreich an die Presse. Sie präsentierten einen Brief, den sie angeblich von Jennifer erhalten hatten und in dem die Schülerin behauptete, dass sie es in dem Heim nicht mehr aushalte. Sie werde bis zu ihrem 18. Lebensjahr dorthin nicht mehr zurückkehren.

Monate später wurde die vermisste Jennifer gefunden – in der Wohnung ihrer Mutter, wo sie die ganze Zeit versteckt worden sein soll. Wo sie laut Anklage mehrfach in der Woche sexuell missbraucht wurde.

Die Anklage, die die Staatsanwältin Martina Eberhart verliest, klingt unglaublich. Hinter jedem Satz scheint die Frage zu stehen, wie eine Mutter so etwas ihrer Tochter hat antun können. Mehr als 90 Taten zählt die Anklageschrift auf. Monika R. selbst soll ihrem Kind gezeigt haben, wie man ihren Verlobten mit der Hand befriedigt. 48-mal soll Stephan P. den Beischlaf an dem Mädchen vollzogen haben, mehrfach ließ er sich von Jennifer befriedigen, immer wieder schliefen die Mutter und ihr Verlobter vor den Augen des Kindes miteinander.

Stephan P. soll sogar die Absicht gehabt haben, die Schülerin zu schwängern. Er habe ein Kind von dem Kind seiner Verlobten gewollt, sagt die Staatsanwältin. „Die Angeklagten haben Jennifer damit der Gefahr ausgesetzt, sie erheblich in ihrer körperlichen und seelischen Entwicklung zu schädigen.“

Mädchen blieb trotz Kontrolle durch Behörden unentdeckt

Laut Anklage lebt das Mädchen seit mehr als zehn Jahren in Kinderheimen, zuletzt war es im Käthe-Kollwitz-Haus in Cottbus untergebracht. Am 5. Oktober, einen Monat vor ihrem 13. Geburtstag, kehrte Jennifer von einem Arztbesuch nicht mehr in das Heim zurück. Sie ging auch nicht zur Schule. Sie ging zu ihrer Mutter, die in Groß Schacksdorf-Simmerdorf lebte.

Stephan P. hatte im selben Block eine Wohnung. In diesen Wohnungen soll sich das Mädchen über Wochen versteckt gehalten haben. Sie habe die Räume nicht verlassen und auch zu keinem anderen Kontakt aufnehmen dürfen, sagt Staatsanwältin Eberhart.

Es ist nicht so, dass die Behörden nach dem Verschwinden des Mädchens keinen Verdacht gegen die Mutter hegten. Dreimal kamen sie zur Kontrolle in die Wohnung von Monika R. Jedes Mal versteckte sich das Kind im Bettkasten der Schlafcouch. Jedes Mal erklärten die Mutter und ihr Verlobter unisono, sie wüssten nicht, wo Jennifer stecke.

Zur Tarnung, so sagt es die Staatsanwältin, habe Stephan P. dem Mädchen die Haare kurz geschnitten und rot gefärbt. Bis Nachbarn aufmerksam wurden und die Polizei alarmierten. Ein Ermittler erkannte am 17. März dieses Jahres das Mädchen an einem Fenster – Spezialkräfte der Polizei stürmten daraufhin die Wohnung der Mutter. Sie fanden Jennifer. Das Kind trug zu dem Zeitpunkt nur einen Slip und ein T-Shirt.

Mehrfach vorbestraft

Monika R. und Stephan P. wurden festgenommen, gegen beide wurden Haftbefehle erlassen. Doch Jennifers Mutter kam nach etwa einem Monat unter Auflagen wieder frei. Unter anderem durfte die Küchenhilfe keinen Kontakt zu ihrer Tochter aufnehmen. Stephan P., der inzwischen einen ungepflegten Vollbart trägt, sitzt hingegen seit der Festnahme in Untersuchungshaft. Er ist mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft.

Schon zu Beginn des Prozesses verlangt er, dass Angaben zu seiner Person zu unterlassen seien. Er habe ein Recht darauf, behauptet der Mann. Er wolle damit seine Verlobte und seinen Bruder schützen, sagt er in einer kruden Erklärung. Ein Wort der Reue hat darin keinen Platz.

Jennifer soll nun vor Gericht vernommen werden

„Die Mutter hat kein Unrechtsbewusstsein“, sagt Martina Eberhart. So ist wohl auch die Aussage in einem Video der Bild-Zeitung zu verstehen. Darin erklärte die Mutter, sie wisse gar nicht, was so schlimm an den Taten sei. Ihre Tochter habe das schließlich auch gewollt. Und sie, die Mutter, sei immer dabei gewesen.

„Es ist richtig, dass das Mädchen freiwillig bei den Angeklagten war. Dass es sich auch selbst versteckt hat“, sagt die Staatsanwältin. „Aber es war ein Kind.“ Die Staatsanwältin glaube nicht, dass Jennifer die Tragweite des Tuns ihrer Mutter und deren Verlobten realisieren könne.

Das Mädchen, das nun 14 Jahre alt ist, soll am kommenden Montag vor Gericht vernommen werden. Ihre Anwältin Claudia Napieralski hat den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt – und auch die beiden Angeklagten sollen während der Aussage des Kindes nicht dabei sein.

Jennifer ist Nebenklägerin, zumindest gegen Stephan P. Über ihre Anwältin lässt sie erklären, dass sie nicht gegen ihre Mutter aussagen wolle. „Sie will ihre Mutter derzeit aber auch nicht mehr sehen“, sagt Claudia Napieralski. Dem Mädchen gehe es gut, wenn es nicht an das Verfahren denke müsse. „Sie ist eigentlich ein fröhliches Kind. Sie geht auch wieder zur Schule.“