Es war mitten am Tag, mitten in Berlin. Der 9. Juli 2013 war ein schöner Sommertag. Bei 28 Grad zog es die Menschen ins Freie. Auch Lima S. Der 46-jährige Mann saß am Nachmittag auf einer Parkbank in der Nähe des Neptunbrunnens am Alexanderplatz. Keine hundert Meter von der Stelle entfernt, an der Jonny K. wenige Monate zuvor zu Tode getreten worden war. Im Herzen der Stadt, in der Nähe des Regierungssitzes - dem Roten Rathaus.

Lima S. ist im afrikanischen Guinea Bissau geboren, er ist dunkelhäutig. Am 9. Juli hätte den Mann mit portugiesischem Pass beinahe dasselbe Schicksal ereilt wie Jonny K., dem 20-jährigen Berliner mit thailändischen Wurzeln. Lima S. wäre von zwei äußerst brutalen Angreifern zu Tode getreten worden, wenn nicht Zeugen couragiert eingegriffen hätten. Die Tat sorgte erneut für Entsetzen. Die Medien berichteten tagelang über den Fall. Innensenator Frank Henkel (CDU) und Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt sprachen von einer „unerträglichen Tat“, sie würdigten aber auch den Mut der Retter.

Hakenkreuz ins Gesicht geschmiert

Ab Freitag stehen die beiden mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Berlin. Ihnen wird versuchter Mord aus niederen Beweggründen vorgeworfen. Vor der Tat sollen die Angeklagten ihr Opfer rassistisch beleidigt haben. Zudem sollen sie Wochen zuvor einem anderen Mann Rotwein über den Kopf gegossen und ihm ein Hakenkreuz ins Gesicht geschmiert haben.

Die beiden Angeklagten sind Polen. Der 23-jährige Tomasz K. soll gelernter Dachdecker sein, der 34-jährige Artur L. Monteur für optische Geräte. Beide sind ohne festen Wohnsitz, sie lebten zur Tatzeit auf dem Alexanderplatz. Am Tattag kamen die offenbar betrunkenen Männer kurz nach 16 Uhr zufällig an der Parkbank vorbei, von der aus Lima S. das Treiben am Neptunbrunnen verfolgte.

Tomasz K. soll den Mann auf polnisch als Nigger und blöden Neger beschimpft haben. Lima S. verstand die Beleidigung trotzdem. Er kann russisch, die beleidigenden Worte ähneln sich in den Sprachen. Trotzdem blieb er ruhig und antwortete auf russisch. Er soll dabei keine abfälligen Worte verwendet haben. Tomasz K. machte das offenbar wütend. Er soll Lima S. daraufhin grundlos mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Die Anklage geht davon aus, dass der Pole eine Abneigung gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe hat.

Angeklagte schweigen zu den Vorwürfen

Laut Anklage nahm Tomasz K. sein Opfer in den Schwitzkasten und schleuderte ihn kraftvoll zu Boden. Lima S. schlug mit dem Gesicht auf dem Straßenpflaster auf. Dann traten die Angeklagten auf Kopf und Oberkörper des am Boden liegenden Mannes ein. Das Opfer konnte sich nach Ansicht der Ermittler nicht mehr wehren. Die Angeklagten handelten demnach aus purer Lust an Gewalt. Sie sollen den Tod ihres Opfers billigend in Kauf genommen haben. Bis heute schweigen Tomasz K. und Artur L. zu den Vorwürfen.

Lima S. war bewusstlos, als er ins Krankenhaus kam. Die Liste seiner Verletzungen war lang. Er erlitt eine lebensbedrohliche Hirnblutung, ein Schädeltrauma, einen Bruch der rechten Augenhöhle, einen Nasenbeinbruch, zahlreiche Prellungen. Lima S. wird in dem Verfahren als Nebenkläger auftreten. „Es ist gut, dass damals Menschen eingeschritten sind und schlimmeres verhindert habe“, sagt die Rechtsanwältin Katharina Gamm, die Lima S. im Prozess vertritt. Ihr Mandant leide bis heute unter den Folgen der Tat.

Rechtsanwalt Mirko Röder verteidigt den Angeklagten Artur L. Röder sagt auf Anfrage: „Man muss sich schon fragen, was im Herzen dieser Stadt immer wieder passiert.“