Knapp 2000 Kinder und Jugendliche kommen pro Jahr in die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité. Für schwere kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankungen stehen außerdem 25 stationäre und 15 tagesklinische Behandlungsplätze zur Verfügung. Direktorin Ulrike Lehmkuhl hält den Bedarf für noch viel größer. Sie fordert die Stadt auf, mehr Geld in Sozialarbeit zu investieren, damit gar nicht erst so viele Kinder krank werden. Wir treffen sie in ihrem Büro auf dem Virchow-Campus.

Frau Professor Lehmkuhl, wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen?

Ich fand schon immer, Kindern muss man helfen. Erst wollte ich Jugendrichterin werden, aber nach einem Praktikum wusste ich, Jura ist nichts für mich, und ich entschied mich für Medizin.

Wie krank macht Berlin Kinder und Jugendliche?

Das kann ich nicht beantworten. Aber wir sind das ganze Jahr über einschließlich Heiligabend zu 100 Prozent belegt und müssen streng darauf achten, möglichst die 100-Prozent-Marke nicht zu überschreiten. Gelegentlich brauchen wir aber ein Zusatzbett.

Mit welchen Problemen kommen Kinder und Jugendliche in Ihre Klinik?

Wir haben Patienten mit schweren Angststörungen, mit Essstörungen, Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen und Hyperaktivitätssyndrom, depressive Kinder. Es kommen auch Jugendliche, die nachts nur noch am Computer sitzen, die Tage verschlafen, gar nicht mehr in die Schule gehen und, obwohl sie normal begabt sind, nur noch in virtuellen Welten leben, alleine in ihrem Zimmer essen und zu der Familie überhaupt keinen Kontakt mehr halten.

Im Zeitalter von Facebook und Twitter nimmt die Zahl dieser Jugendlichen vermutlich zu...

Jugendliche mit sozialen Phobien gab es schon immer, aber an den Computer zu flüchten, ist ein relativ neues Phänomen.

Und was machen Sie mit denen?

Wir machen Behandlungsangebote teilstationär oder stationär und versuchen mit den Patienten und ihren Eltern eine normale Alltagsstruktur zu erarbeiten und zu leben.

Kommen die meisten Ihrer Patienten aus Berlin?

Der größere Teil. Etliche kommen aus Wedding, weil es nicht weit ist bis zum Campus Virchow-Klinikum. Generell haben wir aber von Köpenick bis Reinickendorf aus allen Bezirken Patienten. Und auch aus allen Schichten.

Wer schickt eigentlich die Kinder und Jugendlichen zu Ihnen, macht das Schulamt Druck?

Auch. Die Schule sagt den Eltern, sie müssen das Kind untersuchen lassen, es ist nicht beschulbar, oder der Kindergarten sagt, das Kind ist nicht gruppenfähig. Aber es weisen auch Fachkollegen in die Klinik ein und Kollegen aus der Kinderklinik der Charité. Es handelt sich dann zum Beispiel um Patienten mit unklaren Schmerzzuständen. Wenn die Kollegen dort nichts Organisches finden, werden wir eingeschaltet und suchen, ob eine psychische Ursache vorliegt. Andere Kinder haben eine Organtransplantation vor oder hinter sich und müssen strenge Regeln beachten. Wenn die Jugendlichen sich da gar nicht beraten lassen, kommen wir dazu.

Aber was noch viel häufiger vorkommt, sind Kinder, die viel zu übergewichtig sind und Stoffwechselprobleme haben, bis hin zu einem Diabetes mellitus. Sie müssen beim Essen aufpassen und tun es einfach nicht.

Von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen hört man ständig. Die einen essen zu viel, andere sind magersüchtig. Ist das mehr geworden?

Solche Kinder gab es schon immer. Aber die Wahrnehmung dieser Problematiken hat sich verändert, und deswegen werden auch häufiger Kinder in Kliniken geschickt. Die essgestörten Patienten werden allerdings immer jünger. Als ich studiert habe, war das noch ein Krankheitsbild bei erwachsenen Patientinnen. Jetzt haben wir Sieben-, Achtjährige auf der Kinderstation.

Dicke Kinder fühlen sich ja auch oft zu dick, magere zu dünn, sie sind selbst unglücklich mit ihrer Situation. Warum essen sie dennoch zu viel oder zu wenig?

Da stecken zum Teil erhebliche Konflikte in den Familien dahinter. Manche setzen ihre Krankheit ganz gezielt ein, um die Eltern unter Druck zu setzen und sie zu zwingen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Das ist auch eine Form der Zuwendung. Wenn es immer schlechte Werte gibt, müssen sich die Eltern mit einem beschäftigen. Hier saßen schon Jugendliche und sagten, dann streiten sich meine Eltern wenigstens nicht. Oder reden überhaupt mal miteinander, nämlich über meine Krankheit. Das machen diese Kinder natürlich nicht bewusst. Sie merken nur irgendwann, dass sie damit in festgefahrenen Familiensystemen etwas verändern können.

Dann sind es die Probleme der Eltern, die bei den Kindern deutlich werden ...

So einfach ist es nicht. Im Leben muss man Dinge bewältigen: Die Familie zieht um, jemand erkrankt ernstlich, es gibt Belastungen. Je nach dem, was man für Anlagen und Lebenserfahrungen hat, wird man damit fertig, oder man schafft es nicht. Es entwickeln nicht alle Menschen Essstörungen oder ADHS. Es hängt mit der genetischen Disposition zusammen, ob man eine Zwangsstörung bekommt, eine Essstörung, dissoziative Störungen, ob man überhaupt psychisch erkrankt.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, welchen Einfluss Armut auf Kinder hat.