Berlin - Ende September hatte Julia R. noch mal einen Schub. Der Impuls war zurück, nach dem Aufstehen sofort wieder ins Bett zu müssen. Nicht zur Arbeit, nicht an den Frühstückstisch, nicht raus in die Morgensonne, nirgendwohin. Ein dumpfer, schmerzender Druck breitet sich aus, beginnt in der Stirn und erfasst den ganzen Körper. Julia R. sucht dann Schutz unter der Decke, im abgedunkelten Zimmer.

Liegt einfach still da, ohne Buch, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne alles. Ein Glück nur, dass der Hund runter muss. Der winzige Dobby wohnt erst seit Kurzem bei Julia, wurde aber sofort innig geliebt. Der Therapeut hat seiner Patientin zu einem Hund geraten, um ihre Tagesstruktur zu erhalten. Und wer weiß, ob sie ohne Dobby nicht schon wieder ganz in ihr angstbesetztes inneres Ich geflüchtet wäre.

Geschätzt, zuverlässig und loyal

Über meinen Besuch freut sie sich eigentlich, aber sie zittert sichtbar, als sie am Küchentisch ihrer kleinen Wohnung den Aktenordner mit den Schreiben der Ämter aufschlägt. Er enthält nur schreckliche Nachrichten. Dabei gab es im Sommer schon einen Lichtblick, ein Gespräch über die Rückkehr zur Arbeit nach dem Hamburger Modell, anfangs für ein paar Stunden. Dazu kam es nicht. Als Julia R. mit der Arbeitsagentur zu tun bekommt, wirft sie das völlig aus der Bahn.

Julia R. ist Buchhalterin. Bis zur Wende war sie Angestellte eines Ministeriums, danach wechselte sie in ein Transportunternehmen, in dem sie bis zuletzt arbeitete. Dort wird sie als leise und freundliche Kollegin geschätzt, zuverlässig, loyal, von unerhörter Hilfsbereitschaft. Wenn zusätzliche Arbeit anfiel, sprang eine immer zuerst ein – Julia.

Höchstens 78 Wochen Anspruch auf Krankengeld

Als sie ihr Arzt vor zwei Jahren für arbeitsunfähig erklärte, wusste niemand etwas von ihrer Krankheit, am wenigsten sie selbst. Sie konnte eines Tages einfach nicht mehr aufstehen. Da waren ihre einst gehegten Pflanzen zu Hause schon verdorrt, unter den Möbeln lauerten Staubmäuse, die Gitarre stand verlassen in der Ecke. Die ärztliche Diagnose lautete: schwere Depression.

Julia R., 53, verbrachte seitdem 16 Wochen im Krankenhaus, lange Zeiten in der Tagesklinik, ungezählte Stunden beim Therapeuten. Der Tod eines engen Freundes war wohl ein Auslöser für die Depression vor zwei Jahren, ihre Mutter und  ihr Bruder erkrankten schwer, Belastungen durch den Stellenabbau in der Firma kamen dazu, vielleicht auch eine genetische Veranlagung. Die Krankheit hält sich hartnäckig.  Zu lange. Höchstens 78 Wochen währt der Anspruch auf Krankengeld. Und danach?