Er lebt. Auch in Neukölln, ja wirklich. Wir mussten zwar sehr genau in die Ecken sehen, mein Kumpel und ich, aber dann haben wir ihn gefunden, exakt so wie es im Song von The Exploited heißt: Punks not dead. Wir waren im Boddin-Kiez unterwegs, aus dem wir vor drei Jahrzehnten weggezogen sind. Wir starteten unweit unserer alten Mietskaserne in einer Kneipe, aus der keine Gentrifizierung der Welt den Punk herauskriegt, diesen nikotingelben Strolch. Nicht aus den Gardinen, nicht aus der Atemluft.

Zugegeben, die Einstiegsfrage meines Kumpels war alles andere als Punk: „Was habt ihr denn für ein Bier vom Fass?“ Die Antwort im Tonfall dafür vielsagend: „Kindl?“ Von welchem Planeten kommt ihr beiden Kasper denn?

Das haben wir uns im weiteren Verlauf des Abends dann auch selbst mehrmals gefragt. Beim zweiten Stopp etwa in einem Laden weiter die Straße hinauf, dessen Name nichts zur Sache tut, aber in dem vermutlich was mit Laptop vorkommt oder social networking oder Hipsterbart oder so.

Den seltenen Blicken über den Bildschirmrand hinweg schien immerhin nicht verborgen zu bleiben, dass wir Teile unserer Garderobe erstmals seit 30 Jahren wieder angelegt hatten, wobei sich dem Augenaufschlag zufolge hier und da der Verdacht regte, dass dies am Ausgang der JVA Tegel passiert sein könnte. Dabei hatte ich meine Lederjacke extra mit Sattelseife von Spuren der Vergangenheit befreit.

Herzchen-Button am weißen Kittel

Wenigstens wurden wir am Tresen nach Ablauf von fünf Minuten bedient, was in den folgenden zwei Läden nicht der Fall war und in einem spontanen Boykott unsererseits endete. Eine kurze Andacht vor dem Praxis-Schild unseres ehemaligen Hausarztes führte uns vor Augen, dass Alter erfreulicherweise relativ ist. Hochgerechnet müsste Doc Bleibtreu achtzig sein, doch sein Name ist Programm. Sicher trägt er noch den seinerzeit sehr beliebten Herzchen-Button am weißen Kittel.

Punks not dead eben. Deshalb auch die späte Pizza. Wie Sid Vicious, Urvater des Punks, in dem Streifen Sid und Nancy, nur ein bisschen anders. Nämlich in der Trattoria unseres Vertrauens, das diese nach wie vor rechtfertigt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis macht Romina und Albano Power mehr als wett. Ein paar Takte schneller gedacht, ginge Felicità ja auch als Pogo-Stück durch.

Dann allerdings unser Lieblingsschuppen von damals. Als krönender Höhepunkt geplant, wurde er zum finalen Tiefschlag. Wahrscheinlich wäscht hier neuerdings die Cosa Nostra ihr Geld. Kein Gast, kein Punk, nicht mal in den Ecken. Und als wir in der Totenstille mit der Bedienung ins Plaudern kamen und erfuhren, dass sie vier Jahre alt war, als wir das letzte Mal hier herauswankten, war er fällig, der letzte Toast: Punks not dead, sometimes. Es wurde ja auch langsam Zeit.

Am nächsten Morgen ging mal wieder um sechs Uhr der Wecker. Die Kleine muss um acht in der Schule sein. Punks not Dad. Aber das wussten wir ja von Anfang an.