Berlin - Es ging in der Bekämpfung der Pandemie noch nie um die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Sie wurden benutzt, vergessen, hintenangestellt. So geht das seit anderthalb Jahren. Immerhin gibt es inzwischen in der Politik den Konsens, dass man Schul- und Kita-Schließungen unbedingt vermeiden soll. Wie es gelingen kann, die Kinder und Jugendlichen möglichst zu schützen, ohne den Schulbetrieb lahmzulegen, darüber herrscht Konzept- und Ratlosigkeit, bei allen Parteien übrigens.

Die Berliner Amtsärzte wollen nun einen neuen Weg gehen – und zwar alle zwölf zusammen. Weg von der Quarantäne einer ganzen Lerngruppe, hin zur Isolation nur des infizierten Schülers. Weg von Massentestungen, hin zu Testungen auf Symptome. Die Entscheidung schlug am Wochenende ein, sorgte für Widerspruch bei der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci und Verunsicherung in einer nervösen Elternschaft. Kontakte, Quarantäne, Chaos.

Man kann viel an der Stellungnahme kritisieren, die mangelnde Absprache, den kalten, technischen Ton, die Unsensibilität gegenüber den Ängsten der Eltern, die bei jedem neuen Vorschlag „Durchseuchung“ fürchten. Und trotzdem muss man den Amtsärzten dankbar sein. 

Sie erzwingen mit ihrem drastischen Papier eine breitere Debatte über ein Thema, das durch den Senat waberte. Da die meisten der Kinder und Jugendlichen ungeimpft sind, sich auch nicht impfen lassen können, sind sie eher gefährdet, sich im Herbst zu infizieren. Wie wägt man das Risiko zwischen einem wahrscheinlich milden Krankheitsverlauf und psychischen Schäden durch Unterrichtsausfall und Isolation ab? Wie geht man mit den berechtigten oder vielleicht auch übertriebenen Ängsten der Eltern um? Ist eine Quarantäne von 14 Tagen notwendig? Die Amtsärzte haben sich positioniert, immerhin. Jetzt muss der Senat folgen und einen Ausweg finden. Und zwar bitte vor den Herbstferien.