Darna-Mitbegründer Sharif Altwal im Schöneberger Coworking Space.
Foto: Volkmar Otto

Berlin-SchönebergDie Motzstraße in Schöneberg ist in der LGBTQ-Community über die Grenzen Berlins bekannt. Dort findet jeden Sommer das lesbisch-schwule Motzstraßenfest statt, etliche Lokale und Geschäfte unterstützen die Szene. Mittendrin hat vor einigen Wochen ein Coworking Space eröffnet.

Davon gibt es in Berlin einige, aber bei „Darna“ geht es um einen sicheren Arbeitsplatz für die queere Community. Das sagen zumindest die Gründer. Darna heißt auf Altarabisch so viel wie „Unser Zuhause“. So versteht der 28-jährige Sharif Altwal auch den Platz, den er zusammen mit seinem Freund Alexander Prill für die Mitglieder geschaffen hat.

Auf den ersten Blick ist das Vorhaben der beiden gelungen. Wer die 150-Quadratmeter große Altbauwohnung betritt, bekommt Hausschuhe mit dem Logo der Firma überreicht. Im Coworking Space herrscht eher Wohnzimmer- als Bürofeeling: Die Möbel sind aufeinander abgestimmt. Indirektes Lich und viele Pflanzen sorgen für heimelige Atmosphäre. An den Wänden hängen Bilder, die die Künstlerin Hala Twal aus Jordanien, dem Heimatland von Sharif Altwal, angefertigt hat. Ein Kontrast zur glänzenden, perfekten Einrichtung: Auf den Bildern geht es um Diskriminierung, Unterdrückung und den Wunsch, sich selbst ausleben zu dürfen.

Im Prinzip läuft es bei Darna wie in vielen anderen Bürogemeinschaften. Die Mitglieder können während der Öffnungszeiten einen festen Schreibtisch oder flexiblen Arbeitsplatz buchen; es gibt die Option, sich tageweise einzumieten. Altwal und Prill wollen Raum für Austausch schaffen. Sie selbst arbeiten nahezu täglich in dem Büro. „Es gibt hier zwar etliche Cafés und Bars, aber keinen geschützten Platz, wo man zum Beispiel über sein Coming-Out sprechen oder Veranstaltungen planen kann“, sagt Altwal, der sich selbst als Aktivist seit Jahren für die LGBTQ-Szene engagiert.

„Ich bin selbst schwul und fühle mich hier sehr willkommen.“

Dass ein Ort für solche Gespräche wichtig sein kann, zeigt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG). Dafür wurden rund 4000 Studierende und Berufsanfänger weltweit zum Thema LGBT am Arbeitsplatz befragt. Rund 31 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geben an, dass sie an ihrem Arbeitsplatz nicht offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen. Fast die Hälfte gibt sogar an, zu lügen, wenn er oder sie nach einem Partner oder einer Partnerin gefragt werde.

Einer, der Darna nutzt, ist Stefan Hasse. Der 33-Jährige hat für seine Seniorenbetreuungsfirma einen Arbeitsplatz im Stadtteil gesucht. „Ich bin selbst schwul und fühle mich hier sehr willkommen. Außerdem habe ich für Beratungsgespräche einen geschützten Raum, was ich sehr wichtig finde“, sagt er.

Altwal ist der Überzeugung, in anderen Coworking Spaces ginge es häufig unpersönlich zu, was dazu führe, dass viele Mitglieder sich aus Scheu an ihr Umfeld anpassten. Bei Darna könne man auch als Dragqueen auflaufen. „Jeder, wie er mag“, sagt der 28-Jährige.

Er selbst habe sein ganzes Leben mit Diskriminierung gekämpft. Aufgewachsen ist Altwal in Jordanien, als Sohn eines jordanischen Vaters und einer russischen Mutter, als Christen eine Minderheit. „In Jordanien gibt es offiziell keine Homosexuellen. Ich war schon immer anders, durfte es aber nie offen zeigen“, sagt er. Er habe unter Übergewicht und Depressionen gelitten. Als er zum Studieren nach Russland ging, wurde es nicht besser. Auch dort werden Homosexuelle diskriminiert.

In einer Studie der „Proud at Work“-Stiftung von 2017 gibt fast ein Dreiviertel der rund 2900 befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Rund acht Prozent geben dort an, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung keinen Job bekommen zu haben. Erst als Altwal 2014 nach München und wenig später nach Berlin zog, habe er eine tolerantere Gesellschaft kennengelernt. Doch auch in seinen vorherigen Firmen, in denen er Internettechnologien vertrieb und Studenten im Ausland rekrutierte, gab es immer wieder Beleidigungen und Mobbingversuche. „Morgens wurde ich lautstark als ‚gay guy‘ begrüßt. Ich bin nach außen stark geblieben, aber abends habe ich oft geweint“, sagt er.

Seine Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen einer Studie des Marktforschungsinstituts YouGov: Die häufigsten Formen von Diskriminierung seien Witze oder sexualisierende Kommentare (46 Prozent), physische Gewalt oder Mobbing (28 Prozent) und eine Veränderung des Teamzusammenhaltes oder Ausgrenzung (28 Prozent). Bei Darna unterschreibt man mit dem Vertrag automatisch auch eine Antidiskriminierungsvereinbarung.

Langfristig keine Lösung

Aber ist das zeitgemäß – ein gesondertes Büro für queere Menschen? Christian Cordes ist Vorstandsmitglied im Bundesverband Coworking Deutschland. Er findet das neue Angebot in Berlin grundsätzlich gut. Aber er sagt auch, dass eigentlich in allen Coworking Spaces die Werte Offenheit, Transparenz und Diversität gelebt werden sollten. Er hält es „grundsätzlich für kritisch“ wenn bestimmte Personengruppen ausgeschlossen werden“, sagt er.

Unabhängig von der Arbeit in Coworking Spaces wird Diversität auch in Unternehmen zunehmend wichtig: Um queere Menschen zu integrieren und nicht auszuschließen, bieten immer mehr Unternehmen in Deutschland sogenannte LGBT-Netzwerke an. Queere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen dort eine Anlaufstelle für ihre Interessen haben.

Andreas Hartwig sieht aus diesem Grund ein Angebot wie Darna zwiespältig. Er arbeitet in Berlin als Diversity-Trainer und berät Unternehmen und Organisationen. Ja, auch 2019 gebe es noch Vorurteile gegenüber queeren Menschen in Unternehmen, davor seien auch Großstädte wie Berlin oder Hamburg nicht gefeit – obwohl die Vielfalt dort deutlich größer sei, sagt er. Aber langfristig lösten Angebote wie Darna die Probleme nicht. „Natürlich benötigen Menschen der Queer-Community geschützte Räume, in denen sie beispielsweise über Mobbing oder Diskriminierung sprechen können. Das versuchen wir Firmen in unseren Schulungen auch immer wieder zu vermitteln. Arbeitsplätze für spezielle Personengruppen zementieren jedoch die Unterschiede und führen zu einer sichtbaren Trennung.“

Eine solche Abgrenzung wollen die Gründer nicht. „Unser Space ist für alle offen“, sagt Altwal. Bislang kommt das Angebot gut an. Aktuell seien sämtliche 30 Plätze vergeben, allerdings verteilen sich die Freiberufler und Selbstständigen auf unterschiedliche Zeiten und Tage, weshalb es noch Kapazitäten gebe.