Der Berliner Senat wird ein queeres Jugendzentrum für homo-, bi-, trans- und intersexuelle junge Menschen einrichten. Zunächst klingt das nach einem deutschlandweiten Avantgarde-Vorstoß. Doch wer sich ein wenig umhört, stellt fest, dass es solche Einrichtungen in anderen deutschen Großstädten schon seit längerer Zeit gibt. Die Stadt Köln hat bereits vor fast zwei Jahrzehnten ein queeres Jugendzentrum eingerichtet, damals das erste in ganz Europa.

In Berlin hingegen scheint die queere Bewegung zu sehr auf die öffentlichkeitswirksame Außendarstellung bedacht. Da werden überall Regenbogenfahnen gehisst, der Christopher Street Day wird zügellos gefeiert, die Rechte von Homosexuellen werden eingefordert und Transgender-Toiletten sind in Planung. Zu wenig aber ist dabei von den Nöten junger Menschen die Rede, sich vor einem Coming-out fürchten, weil ihnen dann zu Hause der Rausschmiss droht.

Bestenfalls ein Mutmacher

Oder von Jugendlichen, die mit der wachsenden Gewissheit leben, im falschen Körper zu stecken. Jene Menschen im ohnehin kritischen jugendlichen Alter haben aber die Unterstützungsangebote in einem queeren Jugendzentrum oft bitter nötig. Die Selbstmordrate unter diese Jugendlichen ist vier- bis sechsmal so hoch. Das zeigt, wie abgrundtief die Verzweiflung sein kann.

Die Betreiber eines Jugendzentrums nahezu ausschließlich für homo- oder transsexuelle Jugendliche setzen sich dabei erst einmal dem Vorwurf aus, sich von der Gesellschaft abzukapseln – weil das Jugendzentrum nicht offen ist für alle. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass sich jene jungen Leute oft erst im Kontakt mit Jugendlichen in ähnlicher Lage Gewissheit verschaffen können über ihre sexuelle Identität und über das, was sie wirklich wollen.

Ein solches Jugendzentrum wirkt dann bestenfalls wie ein Mutmacher, gibt verunsicherten Jugendlichen Lebensmut. Deshalb ist es gut, dass sich der rot-rot-grüne Senat endlich dazu verpflichtet hat, mindestens ein solch queeres Jugendzentrum einzurichten. Die Lesben- und Schwulenbewegung in Berlin ist schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und in den Führungszirkeln der politischen Parteien. Jetzt geht es darum, diesen Einfluss nicht nur für bunte Fahnen und Transgender-Klos zu nutzen.