Es tut sich was in der südlichen Friedrichstadt. In dem Viertel rund um den ehemaligen Blumengroßmarkt zwischen Lindenstraße und Friedrichstraße wächst ein Kreativquartier. Vor ein paar Tagen eröffnete mit dem Gewerbehaus Frizz23 der letzte von drei Neubauten auf dem Gelände, eine Woche zuvor bezog die Tageszeitung „taz“ nebenan ihr neues Domizil. Nur wenige hundert Meter weiter, im alten Gebäude der Zeitung an der Rudi-Dutschke-Straße, konkretisieren sich die Pläne für ein queeres Kulturhaus.

Florian Schmidt, grüner Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, nennt das Areal um die alte Markthalle einen „Vorreiter der neuen Liegenschaftspolitik“. Berlin hatte 2012 drei große Baufelder erstmals nicht an die Investoren mit dem größten Geldbeutel verkauft, sondern sie an solche mit den besten Konzepten vergeben.

Baugruppe für Gewerbe

Eines davon kommt von der stadtweit ersten Baugruppe für eine Gewerbeimmobilie. Ihr gerade in Betrieb gegangenes Projekt Frizz23 beherbergt insgesamt 46 Ateliers für Künstler, Studios für Schriftsteller, Musiker und Werbemacher. Viele Einzelne, die in Berlin aktuell nur schwer Räume für ihre Kunst finden, haben sich zusammen ein Haus gebaut.

Nebenan bietet Jinok Kim frische Teigtaschen und selbstgegossenes Geschirr an. Im Sommer hat die Koreanerin im zweiten Neubau des Viertels das Nanum eröffnet: halb Restaurant, halb Keramikgalerie. Das Gebäude trägt den Namen IBeB, was für Integratives Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt steht. Auch hier war eine Baugruppe am Werk, deren Mitglieder meist auch selbst in die 87 Einheiten gezogen sind. Doch auch eine Werkstatt für Designfahrräder, Fotografen, Maler und Designer arbeiten im Haus.

„Ich hoffe, dass irgendwann noch mehr Anwohner vom Mehringplatz zum Mittagstisch zu uns kommen“, sagt Jinok Kim. Bisher habe sie kaum Kunden aus den als Problemkiez verrufenen Sozialbaublocks im Süden des Neubauviertels kennengelernt. Während im nördlichen Teil der Friedrichstraße die Boutiquen glitzern, prägen hier Billigshops, Nagelstudios und Imbisse das Bild. Und hört man Jinok Kim zu, vermischen sich diese Welten bisher kaum.

Showrooms, Sprachkurse oder soziale Initiativen

Auch Baustadtrat Schmidt ist das Miteinander ein Anliegen. „Hier darf kein Viertel nur für eine wohlhabende Kreativklientel wachsen“, sagt er. Schmidt lobt das Metropolenhaus, den dritten Neubau, für sein offenes Erdgeschoss. Für 6 Euro pro Quadratmeter können Läden temporäre Showrooms einrichten, Sprachkurse stattfinden oder soziale Initiativen ihr Quartier aufschlagen.

Hoffnung setzt Schmidt auch in ein ambitioniertes Projekt, das im alten Gebäude der Tageszeitung an der Rudi-Dutschke-Straße entstehen soll: das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus. Ein Kulturzentrum, spezialisiert auf Fragen der Geschlechteridentität, benannt nach der feministischen Schriftstellerin Johanna Elberskirchen (1864-1943) und dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935). Über sechs Etagen sind dort Archive, Forschungseinrichtungen, Ausstellungsflächen, Kunst- und Kulturangebote, Seminarräume sowie ein Kino und ein Café angedacht. Acht Institutionen aus dem queeren Spektrum, etwa die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zur Erforschung der Sexualwissenschaft oder die Beratungseinrichtung Kombi, wollen einziehen und das Haus mitplanen.

Internationaler Leuchtturm

Das Zentrum soll ein internationaler Leuchtturm für die Szene werden – und dennoch alle Berliner ansprechen. „Wir sind unideologisch“, sagt Jan Feddersen, der Vorsitzende des Vereins Freund*innen des Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses. Auch die CDU könne gern Veranstaltungen im Gebäude abhalten. Die Tageszeitung trete nur als Vermieter auf, werde aber inhaltlich nichts mit dem Kulturhaus zu tun haben.

Der Senat hat sich schon im Koalitionsvertrag für das Projekt ausgesprochen und stellt Fördergeld in Aussicht. „Gerade wird eine Machbarkeitsstudie ausgewertet, dann geht das Thema noch einmal ins Abgeordnetenhaus“, sagt Anja Scholtyssek, Sprecherin der Kulturverwaltung. Im Jahr 2022 könnte das Zentrum eröffnen. Bis dahin ziehen nun als Zwischennutzer die Coworker aus dem Kreuzberger Betahaus ein.