Queeres Treiben in der Hauptstadt: Berliner CSD: Ein bisschen politisch

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Schrill, laut und sexy wollte der Christopher Street Day in Berlin auch in diesem Jahr wieder sein. Aber nicht nur: Der 34. CSD unter dem Motto „Wissen schafft Akzeptanz“ wollte vor allem politisch sein. Davon ist am Samstagmittag erst einmal nicht viel zu merken. In Kreuzberg, wo die Route der CSD-Parade startet, sind die ersten Sektflaschen schon leer, bevor die Wagen überhaupt losgefahren sind.

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Man tanzt, prostet sich zu und posiert für Fotos. Zwischen gigantischen Kopfbedeckungen, goldenen Engelsflügeln, ausladenden Kostümen und Männer, Frauen und Transen in quietschbunten Hotpants oder Latex-Outfits fallen die wenigen politischen Plakate kaum auf. Und nur, wer sich ganz nach vorne Richtung Startpunkt an der Gitschiner Straße, Ecke Prinzenstraße drängelt, kann die einleitenden Worte von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auch wirklich verstehen. Wowereit kritisiert die auch in Berlin und Deutschland noch immer weit verbreitete Diskriminierung von Homo-, Bi- und Transsexuellen.

„Ich hab’ jetzt schon einen sitzen“, sagt ein junger Mann in Retro-Hotpants und schenkt seinen Begleitern neuen Sekt in die mitgebrachten Plastikbecher nach. „Wir wollen heute nicht nur demonstrieren, sondern auch das tun, was wir besonders gut können: Feiern“, ruft Reinhard Thole, Vorstand des Berliner CSD e. V. Er durchschneidet die bunte Blumenkette und der Zug mit seinen 46 Wagen und 20 Fußgängergruppen setzt sich in Bewegung.

Anders als in den vergangenen Jahren führt die Route nicht durch die City West. Von Kreuzberg aus geht es zum Berliner Abgeordnetenhaus, von dort zum Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen und dann durchs Regierungsviertel in Mitte bis zum Brandenburger Tor.

So wollen die Veranstalter dem lustigen Image ihrer Parade, die zuletzt zum Synonym für eine ausschweifende Party geworden war, wieder den Anschein eines ernsthaften Demonstrationszuges geben. Der Höhepunkt der neuen politischen Ausrichtung soll dann die Protestaktion „Checkpoint Wladimir“ an der russischen Botschaft sein.

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Kurz bevor der erste Wagen gegen 15 Uhr das Botschaftsgebäude in der Glinkastraße passiert, stoppt der Zug. „Wir wollen zeigen, dass wir uns von Russland nicht verbieten lassen, als Homosexuelle auf die Straße zu gehen“, gibt der Geschäftsführer des Berliner CSD e. V., Robert Kastl, bekannt. Seit dem Frühjahr gilt in vielen Regionen Russlands das „Anti-Homosexuellen-Propaganda-Gesetz“: Wer sich etwa in St. Peterburg in der Öffentlichkeit positiv über Homo- oder Transsexualität äußert, wer Händchen hält oder eine Regenbogen-Fahne schwenkt, muss mit Strafen von bis zu 500.000 Rubel rechnen (etwa 12.800 Euro). Etliche Homosexuelle sind seither verhaftet worden. „Es kann nicht sein, dass so etwas in einem Land, das gar nicht so weit weg ist von hier, passiert“, sagt Robert Kastl.

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Er steht auf einer kleinen Bühne am Straßenrand, neben ihm russische Aktivisten in bunten Kostümen. Aus kleinen Konfettikanonen fliegen mit einem lauten Knall bunte Papierschnipsel in die Luft. „Sie sagen, dass Regenbogenfarben gay machen“, ruft einer aus Sibirien. „Wir lachen über sie.“ Auf dem Grünstreifen Unter den Linden hängt ein großes Plakat.

Es zeigt die Politiker Dmitrij Medwedew und Wladimir Putin als Liebespaar. Aber nicht jeder, der am Sonnabend Accessoires in den Farben der russischen Flagge dabei hat, bezieht sich damit auch auf die Diskriminierung russischer Homosexueller. „So weit haben wir heute nicht gedacht“, sagen zwei Berlinerinnen mit weiß-blau-roten Blumenketten. Schließlich sei ja auch noch Fußball-EM.

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Die Protestaktion ist nach zehn Minuten vorbei, kaum einer der 700.000 Menschen, die nach Veranstalterangaben beim CSD sind, dürfte etwas davon mitbekommen haben. Wie in den vergangenen Jahren ist auch der CSD in diesem Jahr vor allem schrill, laut und sexy. Eine neue Route und ein Flashmob machen eben aus einer Feierparade noch keine politische Demo.