Ich bin diplomierter Jazz-Kontrabassist und bin 2002 zum Studium nach Berlin an die Musikhochschule Hanns Eisler gekommen. Die Jazz-Szene in Berlin hat sich damals stark entwickelt und war ziemlich interessant für mich. Ich habe mich richtig reingekniet und von 2007-2011 als freischaffender Musiker in Berlin gelebt. In der Zeit habe ich mir verschiedene Träume erfüllt, wie zum Beispiel ein Auftritt in der Oper in Sydney. Ich musste auch mal längere Zeit auf Tour.

Als 2010 meine Tochter geboren wurde, war das nicht mehr sehr attraktiv für mich. Aus den Medien wusste ich, dass Erzieher gesucht werden. In diesem Beruf hatte ich Erfahrung: Kurz nach der Schule habe ich eineinhalb Jahre in meiner Heimat Dänemark als Helfer im Hort gearbeitet. Kinder begeistern mich. Mich fasziniert ihre Fantasie. Sie sind so neugierig und halten einen wach. Wenn man zu langsam denkt, sagen einem das die Kinder ganz ehrlich. Also habe ich den Quereinstieg als Kita-Erzieher gewagt. Das bedeutete erst ein Jahr Praktikum in einem Kinderladen, dann ein Jahr Theoriekurs, der mir von der Agentur für Arbeit bezahlt wurde. Ich bin qualifiziert, die staatliche Prüfung abzulegen. Wenn alles gut geht, bin ich im Januar 2014 anerkannter Erzieher.

Durch die Prüfungszulassung bin ich berechtigt, die Aufsichtspflicht in der Kita zu übernehmen. Ich arbeite Vollzeit in der humanistischen Kita Pillnitzer Weg in Spandau. Im Haus ist noch ein anderer Erzieher. Zwei Männer von 16 Leuten im Team, das ist schon eine sehr gute Quote. In meiner Gruppe sind 17 Kinder, davon drei Integrationskinder, im Alter von drei bis sechs Jahren. Das ist ein schönes Alter, die Kinder verstehen schon Humor, und fangen langsam an zu philosophieren.

In meinem Heimatland dürfen männliche Erzieher in bestimmten Kitas nicht wickeln oder allein beaufsichtigen. Ich verstehe die Problematik Generalverdacht Pädophilie ziemlich gut. Aber ich habe nichts zu verbergen, und das spüren die Leute schnell. Die Kita-Leitung und die Kolleginnen stehen hinter mir. Ich bin sehr offensiv herangegangen und hab den Eltern, deren Kinder in unserer Gruppe noch gewickelt werden erklärt, dass ich selbst zwei kleine Kinder habe und durchaus wickeln kann. Die Eltern reagieren sehr positiv auf mich.

Ich glaube nicht, dass ich den Kindern etwas typisch Männliches beibringen kann. Was sollte das überhaupt sein? Wir bringen in diesem Beruf alle unsere Charaktere und Fähigkeiten mit ein. Meine Kollegin hat früher auf höchstem Niveau Handball gespielt. Ich begeistere die Kinder für Musik. Manchmal bringe ich den Kontrabass mit, aber öfter noch singe ich mit den Kindern und spiele dazu Gitarre.

Neben der Kita arbeite ich immer noch als professioneller Musiker, aber in geringerem Umfang. Es ist unglaublich befreiend, belanglose Auftritte ausschlagen zu können. Ich weiß jetzt: Ich bin krankenversichert, rentenversichert, und die Miete hab ich in jedem Fall drin. Ein gutes Gefühl!

(Notiert von Ortrun Schütz.)