Hochverehrte „Gesellschaft für deutsche Sprache“! Wenn Sie das nächste Mal das Wort des Jahres wählen, dann möchte ich Ihnen hiermit „Seiteneinsteiger“ ans Herz legen. Seien Sie versichert: Kein Wort tauchte im vergangenen Jahr so häufig in der „Tagesschau“ auf, ich habe gezählt und – was wohl noch wichtiger ist, habe mich auf Partys umgehört. Zumindest in Berlin, aber dort wird ja entschieden, worüber geredet wird in diesem Lande.

Zur Definition: Seiteneinsteiger sind die Gelben Engel des Bildungswesens. Sie ersetzen in der Bildungsmaschinerie, wofür es keine Originalteile mehr gibt. In Berlin, und schlimmer noch im ländlichen Brandenburg, fiel so viel Schulunterricht aus, dass die Bildungsministerien – um die auch hier in dieser Zeitung heraufbeschworene Bildungskatastrophe abzuwenden – kurzerhand den Seiteneinsteiger erfanden. Oder die Seiteneinsteigerin, und somit in gewisser Weise auch: mich. Berlinerin, 49 und seit Jahren in dieser freiberuflichen, schlecht bezahlten Autoren-Existenz verfangen – und von einer immer wieder aufflammenden Sehnsucht nach Sicherheit und Sinn geplagt.

Wegen der trug ich mich im Spätfrühling letzten Jahres in die Datenbank des Schulamtes Frankfurt/Oder ein, beseelt zudem von dem Gedanken, nicht nur die Bildungskatastrophe, sondern auch das Sterben des ländlichen Raumes aufzuhalten. Dass dies doch – anders, als viele Hauptstädter bei dem Wort „Brandenburg“ denken mögen – eine durchaus freudvolle Mission war, bewies die „Lehrer-werden-in-Brandenburg“-Website, die Bewerber mit äußerst instagramablen Landschaftsbildern in die Seiteneinsteiger-Datenbank lockt. So kam es, dass ich, als sich wieder einmal Rainald Grebes Brandenburg-Hymne in meine Spotify-Playlist mogelte, („In Berlin kann man so viel erleben, in Brandenburg soll es wieder Wölfe geben!“) nicht lächelte. Ich dachte: Ach, du Hauptstadt-Poet, mach dich nur lustig! Mich wird dieses Land bald von Kneipennächten, Reizüberflutung und der Berliner Schnauze erlösen!

Und man wurde ja auch nicht irgendwo hingeschickt – Brandenburg ließ einem die freie Wahl: Oder oder Spree? Kleinstadt oder Dorf? Berliner Speckgürtel oder polnische Grenze? Im Gegensatz zu Kollegen, die sich in Berlin beworben hatten und in Stadtteilen an Schulen gelandet waren, die in der Vergangenheit eine hohe Lehrerfluktuation gehabt hatten, wohl, weil das Lehrersein dort für erfahrenen Lehrer so aufreibend war: Grundschulen im Wedding, Sekundarschulen in Reinickendorf und Lichtenberg.

Ich wollte: in Brandenburg ans Wasser, und so fuhr ich mit dem Kanu das halbe Land ab, auf der Suche nach dem, was man sich als Berlinerin eben so erträumt: ein Städtchen am See, mit Altbausubstanz, Bahnhof und hübschen kleinen Einzelhandelsgeschäften. Im Juni hatte ich dieses Städtchen gefunden, dazu in der Schulamtsdatenbank eine Oberschule in demselbigen, die noch Stellen zu besetzen hatte.

„Mut, so in die Pampa zu gehen"

Im Westen war „Oberschule“ ein anderes Wort für Gymnasium. Ich hatte einfach nicht an die Begriffsaufwertungsbemühungen gedacht, die ja auch schon die Hauptschule in eine Sekundarschule verwandelt hatten, und dann wollte ich mir meine Naivität nicht eingestehen. Außerdem hatte ich, als ich meinen Irrtum bemerkte, meine Daten schon abgeschickt und schon ein bisschen Gefallen an der Schule gefunden, die nicht nur schön anzusehen war, sondern auch, wenn man die Lokalzeitung durchblätterte, ziemlich engagiert schien.

In Berlin wurde ich bewundert für meinen, „Mut, so in die Pampa zu gehen“. Für den Seiteneinstieg nicht, denn der schien in Berlin im vergangenen Jahr die Karriereoption schlechthin zu sein. Der Beruf für Berufswechsler, der gerade im überwiegend von miserabel bezahlten Freiberuflern bewohnten Friedrichshain-Kreuzberg plötzlich wie ein Hoffnungsschimmer im kollektiven Werktätigenbewusstsein aufgetaucht war.

Im Freundeskreis, auf Partys, an Bar-Tresen, sogar auf der Admiralsbrücke – sobald man sich als Seiteneinsteiger zu erkennen gab, sagte ein Chor von Stimmen: „Ich auch“. Gefolgt von dem Seufzer: „Oh Mann, wart ihr auch so überfordert?“ – der fast immer der Beginn eines stundenlanges, solidaritätsfördernden Gespräches war. Jeder bekannte, wie wenig Ahnung er doch von seinen Lehrfächern hatte, wie wenig er von Schulpädagogik wusste und wie viel Bammel er hatte, allein vor einer lauten Klasse zu stehen. Wie wenig Schlaf er bekommen hätte, wie wenig er vorbereitet gewesen wäre darauf, dass die altgedienten Lehrer gar keine Zeit hatten, um die ahnungslosen Neulinge in die Klassen und den Stoff einzuführen. Und wie alt er sich fühlte, als er sah, dass Unterrichtsplanung, Vertretungsstunden und Aufgabenzuteilung nicht per Gespräch oder zumindest über Mailwechsel vonstatten gingen, sondern über eine App namens WebUntis, entwickelt von einer österreichischen Softwarefirma, die vor allem aus Tabellen und Statistiken zu bestehen schien und in der nicht nur jeder Termin, sondern auch jede Schlampigkeit auf ewig registriert ist: Ob man vergessen hat, fehlende Schüler einzutragen, das Stunden-Thema oder die Hausaufgaben ... BigUntis is watching you. Kurz: wie verlockend-einfach dieser Seiteneinstieg auf den „Lehrer werden“-Websites doch erschien. Und wie komplex und nervenaufreibend doch die Realität war.

Dass dieser Beruf so anspruchsvoll war, so viel Erfahrung, Wissen, Nervenstärke, Flexibilität und Frustrationstoleranz erforderte, dass man in ihn nicht so einfach, wie es das Wort nahe legte, von der Seite einsteigen konnte wie in einen langsam anfahrenden Zug – das hatte ich – wie die meisten anderen Diskutanten – nicht geahnt. Obwohl ich etliche Lehrer in der Familie hatte.

Lehrer - eine privilegierte Kaste von Nörglern?

Dies schien an dem Bild zu liegen, das auch in den Medien vor der Entdeckung des Lehrermangels gerne verbreitet oder zumindest nicht entkräftet worden war: sass Lehrer doch nicht einmal 30 Stunden unterrichten müssten, endlos Ferien hätten und sich viele auch noch vorzeitig pensionieren ließen. Dass es sich Lehrer im Zeitalter der Zeitverträge im öffentlichen Dienst bequem machen könnten, wo sie regelmäßig ohne besondere Anstrengung befördert würden – und dennoch jammerten. Eine privilegierte Kaste von Nörglern also.

Diese Wahrnehmung des Lehrerberufs veränderte sich nun – wobei das Prinzip der Verknappung deutlich wird: Das, was nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist, genießt plötzlich Wertschätzung. Und die war auch den Seiteneinsteigern zu verdanken, die nun landauf landab interviewt wurden, sogar in den Tagesthemen, und von den Folgen des Unterrichtsausfalls, den vielen Aufgaben, die der Lehrerberuf außer dem Vor-der-Klasse-Stehen umfasst, der erdrückenden Bürokratie, den ständig neuen Verordnungen, Lehrplänen, dem Druck auch durch die Eltern und dem Aberkennungsmangel berichteten – und staunten, wie die Kollegen das alles dennoch bewältigt hätten.

Das alles trug wiederum zur Attraktivität der Seiteneinsteigerprogramme bei. Wer wollte nicht in einem Beruf tätig sei, der so nützlich war, so unentbehrlich? Das Gefühl des Gebrauchtwerdens – war es nicht das, wonach jeder sich am Arbeitsplatz sehnte? Insbesondere im Zeitalter der Arbeitsteilung, nicht nur als Industriearbeiter, sondern auch auf dem zeitgenössischen Akademiker-Arbeitsmarkt mit seinen Zeitverträgen und dem Zwang zur permanenten Selbstoptimierung?

Im Staatsdienst der beruflichen Unsicherheit zu entkommen, dem Hangeln von Zeitvertrag zu Zeitvertrag in Stiftungen, Akademien, der Universität – was könnte man sich Verlockenderes vorstellen, wenn man sich als Freiberufler in den Medien verdingt oder als Wissenschaftler von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt? Nicht mehr in den sozialen Medien seine eigenen Texte oder Forschungsergebnisse anpreisen zu müssen wie die Rehkeule zu Weihnachten in der Aldi-Beilage? Nicht mehr seine Existenz in dem Gefühl zu bestreiten, fortwährend um jedes noch so niedrige Honorar, um irgendeine Form von Anerkennung seiner beruflichen Fähigkeiten kämpfen zu müssen?

Das war es, was die meisten Seiteneinsteiger so am Lehrerberuf angezogen hatte: die Hoffnung auf eine Nische im System der Effizienz und Gewinnmaximierung, auf eine sinnstiftende Tätigkeit mit Urlaubsanspruch. Auch mich. Nicht ganz blauäugig, die Realität hatte ich schon bei einem kurzen Abstecher nach Baden-Württemberg kennengelernt, wo man schon seit längerem ohne Lehramtsabschluss als Vertretungslehrer arbeiten konnte. Ich hatte mich als Deutschlehrerin für eine sogenannte Vabo-Klasse beworben, eine Klasse mit älteren Flüchtlingen, die erst eine Sprachprüfung ablegen mussten, bevor sie in eine reguläre Schulklasse wechseln durften.

Nie habe ich mich so gewollt gefühlt

Auch im Süden wurde über den Lehrermangel geklagt, vor allem Schulen auf dem Land suchten mit solcher Verzweiflung nach Lehrern, dass mich das Schulamt, nachdem ich mich in die Bewerberkartei eingetragen hatte, mit Stellenangeboten geradezu bombardierte. Sie riefen mich sogar an, um mir Jobs an den schönsten Flecken im Schwarzwald in längeren Gesprächen schmackhaft zu machen. Noch nie habe ich mich so gewollt gefühlt.

An der Berufsschule im Kaiserstuhl, die ich schließlich auswählte, weil sie von Bewerbern weder ein Fachstudium noch pädagogische Erfahrung forderte, war ich ohne Konkurrenz. Die Lehrer dort empfingen mich so freundlich, dass ich mich jeden Morgen auf die Pause im Lehrerzimmer freute. Doch für eine Einführung, wem ich was wie vermitteln sollte, war an dieser Schule ebenso wenig Zeit wie später an der Oberschule in Brandenburg. Deswegen hatte ich auch vor den Stunden davor gehörigen Bammel, allein mit der Klasse, von der ich erst nach und nach herausfand, dass einige gar nicht richtig lesen konnten und daher oft dazwischenredeten.

Aber in Baden-Württemberg hatte zumindest das Fach, das ich unterrichten sollte, von vornherein festgestanden: Deutsch als Fremdsprache, so dass ich mir dafür zumindest im Voraus ein paar Unterrichtsideen aus dem Internet herunterladen konnte. Deswegen wollte ich mich, als der Vertretungsvertrag an dieser Schule auslief, auch an einer anderen im Ländle bewerben. Das zuständige Schulamt, äußerst engagiert, rief mich an, um mir einen Job in Fahrradnähe anzubieten, Wochen, bevor er öffentlich ausgeschrieben wurde.

Aber dann entdeckte ich im Internet, dass man in Brandenburg und Berlin auch ohne Lehramtsstudium unbefristete Arbeitsverträge bekommen könne. Und nicht nur das: Man brauche nicht einmal ein sogenanntes „schulfachrelavantes Studienfach“, also Deutsch, Mathe, Biologie. Ich hatte das nicht, ich war studierte Juristin, aber das zuständige Schulamt erklärte mir am Telefon, dass es „Recht“ in Brandenburg inzwischen auch als Schulfach gebe. Glücklich über die Perspektive, ein „richtiger“ Lehrer werden zu können, bewarb ich mich in der von mir auserkorenen Kleinstadt in dieser Region, die zu DDR-Zeiten das „brandenburgische Sibirien“ genannt wurde.

Leider erfuhr ich erst während der Vertragsunterzeichnung, dass erst „rechtlich abgeklärt“ werden müsse, ob Jura als „schulrelevantes Studienfach“ gelte, was für die Möglichkeit, eine Art Seiteneinsteiger-Referendariat zu absolvieren, entscheidend war – und ob ein Jura-Staatsexamen mit einem Diplom oder Master gleichgesetzt werden könne, was für die Besoldung entscheidend war.

Ein Vollzeitjob, eine Lebensaufgabe

Nach Vertragsunterzeichnung war klar, dass ich wie ein 23-jähriger Bachelorabsolvent ohne Berufserfahrung eingestuft wurde. Und dass ich, obwohl ich mich nur für eine halbe Stelle beworben hatte, nachmittags an Weiterbildungskursen in Brandenburg teilnehmen sollte. Selbstverständlich ist eine solche Weiterbildung, die ich in Baden-Württemberg nicht bekommen hätte, eine sinnvolle Idee, aber wenn ich vorher von diesen unbezahlten Zusatzstunden gewusst hätte, hätte ich überlegt, ob es wirklich sinnvoll war, nur eine halbe Stelle zu haben und sich erst nach und nach von seinem alten Job zu lösen. Dass Lehrer werden in jedem Fall ein Vollzeitjob ist. Mehr als das. Eine Lebensaufgabe.

Eine Lebensaufgabe, so selbstsicher vor der Klasse zu stehen, dass es einem nichts ausmacht, von mindestens zwei Schülern mit den Worten empfangen zu werden, dass sie schon darauf gewettet hätten, wie lange sie brauchen würden, bis sie mich vertrieben hätten. Das geschah am ersten Tag, als ich mit der elektronischen Tafel abmühte, die partout meinen konsonantenreichen Namen, den ich anschreiben wollte, korrigierte. Ich dachte an die Worte, die mir die Direktorin der Kaiserstühler Berufsschule mit auf den Weg gegeben hatte: Sie dürfen nichts persönlich nehmen, Frau Hilbk! Trotzdem vermochte ich es nicht, die beiden Schüler vom Papierkugelspucken und In-die-Klasse-Rufen abzuhalten.

Am zweiten Tag zeigte mir die App an, dass ich in einem anderen Raum als gedacht Unterricht hatte, die Schule bestand aus mehreren Gebäuden, die nicht logisch durchnummeriert waren. Auf den Fluren war niemand, der mir Auskunft geben konnte. So kam ich erst kurz nach dem Klingeln an. In diesem Raum gab es keine elektronische Tafel, auf die ich meine Unterrichtsvorbereitung zugeschnitten hatte. Ich improvisierte, der Lärmpegel hätte wahrscheinlich, wenn er von einem Kreuzberger Club stammen würde, die Nachbarn die Polizei rufen lassen.

„Wir sind hier nicht in Kreuzberg"

Dann hatte ich Aufsicht in der Cafeteria. In der Cafeteria war Handyverbot. Ich machte den Fehler, mich auf Diskussionen über das Warum einzulassen, worauf mich ein Kollege hinwies, und dass wir hier nicht in Kreuzberg seien. Schüler spürten, wenn jemand keine Autorität besäße.

Vielleicht, dachte ich, waren die Jahre im Kinderladen schuld. Vielleicht war ich zu wenig streng, zu wenig bestimmt. Vielleicht kam ich wirklich aus einer so anderen Welt. Darüber grübelte ich eine Weile, verunsichert, weil ich immer noch nicht mein zweites Unterrichtsfach kannte – ich hatte mir Politik gewünscht, als langjährige Politikjournalistin hätte ich dafür wenigstens ein wenig Fachkenntnis aufzuweisen, das Regierungssystem der Bundesrepublik beispielsweise, Gesetzgebungsverfahren, „Was ist eine Demokratie“ und so.

Stattdessen wurde ich einer Sonderpädagogin zugeteilt, was bei mir die Frage aufwarf, ob ich mir anschauen sollte, wie man Autisten im Unterricht begleitet. Vielleicht hätte ich das sogar gerne gemacht, aber dann fing die Sache mit den Symbolen an, die eines Abends im Tagesplan der App hinter meinem Namenskürzel auftauchten, ein farbiger Balken mit Buchstaben.

Ich saß in meinem Untermietzimmer und grübelte, denn die einzige Kollegin, deren Nummer ich bekommen hatte, antwortete knapp per Whatsapp mit dem Wort „Vertretung“. Und ich hatte tatsächlich geglaubt, dass das Web 4.0 das Leben leichter machen würde! Dass sich die Dinge mit ein paar Klicks auf dem Smartphone erklären ließen! Hieß das, das ich einen anderen Lehrer vertreten sollte? Wen? Welches Fach verbarg sich hinter dem Kürzel?

Zum Glück hatte die Schulbuchfirma Westermann, die sich auf ahnungslose Seiteneinsteiger vorbereitet haben musste, eine downloadbaren Abkürzungsführer ins Netz gestellt, dank dem ich erkannte, dass ich am nächsten Tag für das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik eingeteilt war. Nachdem ich gegoogelt hatte, was das war, beschloss ich, heimlich Widerstand zu leisten und der Klasse im Werkraum in die Literatur Eva Strittmatters einzuführen, die immerhin aus der Gegend war. Gedichte rezitieren ... ich hätte darüber nachdenken sollen, dass es sich um eine achte Klasse handelte, bei der die Schamschwelle ziemlich niedrig war, insbesondere bei den Jungen.

Zwei Mädchen riefen: „Demokratie ist scheiße"

Eine Woche später teilte die App mich tatsächlich für eine Vertretungsstunde in meinem Wunschfach „Politische Bildung“ ein. Ich wusste nicht, was die Klasse bisher durchgenommen hatte, ich wusste nicht, was ihnen vermittelt werden sollte – außer dem, was ich im Internet im „Rahmenlehrplan Brandenburg für das Fach PB, Sek. 1“ fand, nachts früh um eins. Am Morgen hatte ich mich für „Die Merkmale einer Demokratie“ entschieden. Mit meinen Fragen, was einen Rechtsstaat ausmache und was die vierte Gewalt, konnte ich nicht ernsthaft durchdringen. Zwei Mädchen riefen, dass „Demokratie scheiße“ sei. Mir schwante, dass ich später aus pädagogischen Gründen noch gezwungen sein würde, über die AfD zu diskutieren. Ganz ehrlich: Ich war unsicher, was ich sagen sollte und konnte. Ich wusste doch kaum etwas über den Hintergrund der Schüler Die Stadt insgesamt, in der abends junge Männer mit Adlersymbolen auf dem Kühler cruisten, war mir noch fremd.

In der Pause stellte ich mich zu dem Grüppchen rauchender Lehrer, die sich hinter dem Schulzaun gegenseitig Feuer gaben, den Kopf voller Fragen. Dem Tempo, wie schnell sie plötzlich aufrauchten, entnahm ich, dass ich störte. Ich hatte, wie die meisten Seiteneinsteiger, mit denen ich gesprochen hatte, keine Ahnung von Unterrichtsgestaltung, keine Ahnung von meinen Lehrfächern, von denen das eine schließlich durch „Projektunterricht“ abgelöst wurde, bei dem Lehrer den Schülern etwas Praktischeres beibringen sollen. Jeder der Projektlehrer sollte sich etwas ausdenken, was er anbieten könnte, die Schüler sollten sich dann bei den entsprechenden Kollegen eintragen; schließlich, so hieß es, müssten Schüler auch einmal das Gefühl haben, wählen zu können.

Natürlich hatte ich mir die Frage gestellt, ob ich mich für das Lehrersein überhaupt eignete. Außer der kurzen Erfahrung mit der Deutschlerner-Klasse in Baden-Württemberg hatte ich bisher vor allem Studenten unterrichtet – was ich vor der Bewerbung immer als „langjährige pädagogische Erfahrung“ verbucht hatte. Jetzt weiß ich, wie wenig diese Erfahrung im Schuldienst zählt. Denn an der Uni hatte ich es mit Menschen zu tun, die sich freiwillig und manchmal sogar aus echtem Interesse dafür entschieden hatten, das zu lernen, was ich vermitteln wollte. Die neuen Kollegen erklärten mir, dass es an der Schule nun meine Aufgabe sei, dieses Interesse zu wecken. Was sie nicht sagten: wie. Persönlich fragen konnte ich selten jemanden, die Kollegen, wenngleich nett und sympathisch bescheiden, schienen selbst überlastet, es herrschte ja Personalmangel.

Laut Gesetz soll ein Seiteneinsteiger einen Mentor zur Seite gestellt bekommen, der ihn mit in seinen Unterricht nehmen und mehrere Stunden pro Woche coachen soll, und eine mehrwöchige pädagogische Einführung vor Schulbeginn hätte mir auch zugestanden. Die ersten fünf Jahre müsse man Gras fressen, sagte der Direktor. Man müsse mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit und wenig Schlaf zurechtkommen.

Ich versuchte, mich an den Momenten aufzurichten, die mich an den Sinn erinnerten, warum ich nach Sibirien gezogen war. Nach einer Politikstunde sagte ein Mädchen, dass es ihr nun nicht mehr peinlich sei, sich so für die DDR zu interessieren, DDR-Möbel zu mögen und alle Filme über die DDR anzuschauen, obwohl andere in der Klasse sich darüber lustig gemacht hätten. Nach der Gedichts-Werkstunde las ein Junge aus eigenem Antrieb weitere Gedichte.

„Pädagogisch insgesamt unzulänglich"

Aber das genügte nicht zur Stärkung des Durchhaltewillens. Ich hätte so etwas wie einen Mentor gebraucht, jemanden, der mich trotz des fortgeschrittenen Alters ab und zu an die Hand nahm, Abläufe erklärte und auch mal ein Lob aussprach. Vielleicht hätte mich das davon abgebracht, nach wenigen Wochen das Handtuch zu werfen. Nach der ersten Unterrichtsvisitation sagte eine rebellische Stimme in mir sehr deutlich: So nicht.

Nach der Unterrichtsstunde wollte ich auf die Umstände hinweisen, unter denen die als „pädagogisch insgesamt unzulängliche“ Unterrichtsstunde entstanden sei. Der Kritiker sagte: Sie haben hier nur zuzuhören. Da stieg ich in mein Auto und fuhr nach Berlin. Gleichzeitig schämte ich mich, als ich hörte, dass sei eben das Schicksal von Lehrern in Zeiten des Lehrermangels – und dachte ganz protestantisch: Andere werden ja offensichtlich damit auch fertig.

In Berlin trösteten mich meine neuen Seiteneinsteiger-Bekannten: Es gäbe doch kaum etwas Schwierigeres als den Quereinstieg in diesen Beruf, man überschätze das einfach. Doch sie blieben Seiteneinsteiger. Ich aber merkte während einer Grippe, wie sehr ich doch an meinem alten Beruf hing. Und träumte davon, dass dieses Land unter einem so erschreckenden Journalistenmangel litt, dass die Zeitungen leer und die Bildschirme schwarz blieben und die Regierung so beunruhigt war, dass sie Seiteneinsteiger-Programme für Journalisten auflegen musste, mit gesetzlich festgeschriebenen Honoraruntergrenzen und Rentengarantien, und dass massenhaft Posts auf Facebook und Twitter auftauchten mit Smileys und Herzchen und dem Seufzer: Was sollen wir nur machen ohne euch?