Berlin - Frank Masurat schließt sein Rad vor dem Haus der Berliner Zeitung ab. Es war klar, dass er mit Pedalkraft zum Interview kommt, seit 30 Jahren hat der Informatiker kein Auto mehr. Morgens fährt er 17 Kilometer von Mariendorf nach Siemensstadt, am Nachmittag geht es 17 Kilometer zurück, und heute kommt noch der Umweg zum Verlagsgebäude in Kreuzberg hinzu.

Der 58-Jährige ist im Landesvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) für Finanzen und Politik zuständig. Vor der Messe Velo Berlin, die am 27. und 28. April im Flughafen Tempelhof stattfindet, sagt der Radfahrer, was ihn nervt, was ihn freut – und was sich schleunigst ändern muss.

Herr Masurat, Sie sind mit dem Fahrrad von Mariendorf zu uns gekommen. Wie viele Fußgänger haben Sie heute auf Gehwegen aufgescheucht?

Keinen. Ich fahre nicht auf dem Gehweg.

Und wie viele rote Ampeln haben Sie ignoriert?

Keine. Ich halte mich an Regeln.

Über Radfahrer wird häufig auf diese Art diskutiert. Nervt sie das?

Nicht wirklich, das kenne ich schon. Solche Fragen werden immer wieder gestellt. Meist läuft es ungefähr so: „Natürlich müssen wir etwas für den Radverkehr tun, aber die Radfahrer halten sich einfach nicht an die Regeln.“ Für diese Art von Gesprächstechnik gibt es aus den USA den Begriff Whataboutism. Anders formuliert: Es handelt sich um zwei voneinander unabhängige Themen, die nichts miteinander zu tun haben. Zu Gehwegen und roten Ampeln habe ich ein ganz klares Statement: Wir müssen uns alle an Verkehrsregeln halten. Das gilt für alle Radfahrer, für alle, die zu Fuß gehen, aber auch für alle Kraftfahrer. Punkt.

Trotzdem bekomme auch ich immer wieder Beschwerden darüber, dass auf dem Gehweg Rad gefahren wird.

Ich sage es noch einmal: Das ist nicht diskutabel. Es ist gegen die Verkehrsregeln, und die zu Fuß Gehenden werden bedrängt. Das ist nicht okay. Aber wir fragen: Warum wird auf Gehwegen Rad gefahren? Von Mariendorf, wo ich wohne, führt der kürzeste Weg in die Innenstadt über den Tempelhofer Damm. Ich kenne Radfahrende, die dort auf den Bürgersteig ausweichen, weil es auf der Straße keine Radverkehrsanlagen gibt und die Autos mit Tempo 60 unterwegs sind. Oft liegt es auch daran, dass die Straße in einem schrecklichen Zustand ist. Nichtsdestotrotz: Rad fahren auf dem Gehweg ist nicht akzeptabel, weil die zu Fuß Gehenden bedroht und bedrängt werden.

Auch Radfahrer beschweren sich darüber, dass sie angepöbelt, bedroht, gefährdet werden. Wie empfinden Sie das Verkehrsklima in Berlin?

Subjektiv gefühlt wird es immer aggressiver. Das zeigt auch der aktuelle Fahrradklimatest des ADFC.

Woher kommt die Aggressivität?

Berlin ist eine wachsende Stadt. In jedem Jahr kommt eine fünfstellige Zahl von Kraftfahrzeugen dazu. Auch der Radverkehr wächst, allein im vergangenen Jahr um fast neun Prozent. Immer mehr Häuser werden gebaut, immer mehr Menschen sind unterwegs, auf einer fast gleichbleibenden Fläche. Das führt zu mehr Konflikten und Spannungen.

Geht es anderswo friedlicher zu?

In Amsterdam und Kopenhagen ist es dramatisch anders. Dort ist der Radverkehrsanteil deutlich höher, aber den Radfahrern steht auch deutlich mehr Fläche zur Verfügung, und den Autofahrern ist klar, dass sie mit Radfahrern rechnen müssen. Das wirkt sich auf die Stimmung aus. In Berlin muss ich hellwach sein und aufpassen, damit mir nichts passiert. In Amsterdam stellte sich bald ein Gefühl der Sicherheit bei mir ein. Dort gibt es separierte Radverkehrsanlagen, und viele Verkehrsflächen muss man sich nicht mit Autos teilen. Ich war völlig relaxed, ich konnte mich entspannen. Wunderbar!

Gibt es Städte, in denen Sie sich sagen: Da ist selbst Berlin besser als hier?

Da fallen mir nur wenige ein. New York käme aber auf jeden Fall auf diese Liste. Zwar ist damit begonnen worden, Radverkehrsanlagen zu bauen, aber nur vereinzelt. Wenn ich auf anderen Straßen Rad fuhr, bekam ich ein unangenehmes Gefühl, weil der Autoverkehr zu stark war. Zudem sind viele Straßen in schlechtem Zustand. Interessant ist aber: New York will eine City-Maut einführen, um Geld für den Nahverkehr zu gewinnen. Von mehr als zehn Dollar ist die Rede. Da bewegt sich was.

Was nervt Sie in Berlin besonders? Sind es die Verkehrsanlagen oder eher die anderen Verkehrsteilnehmer?

Es ist die Hardware, das Verhalten der Menschen ist eine Konsequenz. Heute Morgen bin ich die Leipziger Straße entlang gefahren, die ich normalerweise meide. Erst fuhr ich auf einem viel zu kleinen Schutzstreifen, der plötzlich verschwand. Es wurde eng, und die Autos kamen mir ziemlich nahe. Als Nächstes fand ich mich auf einer breiten Busspur wieder, aber an den Seiten parkten Autos. Das fällt mir im Vergleich zu anderen Städten auf: Wir lassen auch an Hauptverkehrsstraßen das Parken zu, und in den meisten Stadtgebieten ist es umsonst. Anderswo lässt man es nicht zu, wertvollen öffentlichen Raum, der zum Bewegen und zum Aufenthalt von Menschen da ist, von Autos zuparken zu lassen.

Sind Sie schon mal gegen eine plötzlich geöffnete Autotür gefahren?

Nein, aber schon mehrmals beinahe. Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, einen Schlenker fahren, sonst hätte es einen Unfall gegeben. Wir brauchen Radverkehrsanlagen, die nicht in Bereichen verlaufen, in denen sich Fahrzeugtüren öffnen.

Wenn es auf zahlreichen Straßen so unangenehm und gefährlich ist: Warum fahren Sie und viele andere trotzdem Rad?

Wenn wir uns umhören, warum Rad gefahren wird, sagen die meisten nicht: weil es ökologisch ist. Sondern weil es ein Gefühl von Freiheit gibt. So ist es auch bei mir. In meinem Bürojob hatte ich zu viel Stress. Als ich dann vor einigen Jahren anfing, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, merkte ich bald, was für ein gutes Gefühl mir das gibt. Ich bin unterwegs, ich bin draußen, ich erlebe etwas! Auf vielen Strecken bin ich schneller unterwegs als mit dem Auto oder per Nahverkehr. Und ich bin zuverlässiger. „Ich habe keinen Parkplatz gefunden!“, ist oft die Begründung, wenn autofahrende Kollegen zu spät zum Termin kommen. Oder: „Ich stand im Stau!“ Ich dagegen kann meinen Tag besser planen.

Ist Berlin wirklich ein guter Ort zum Radfahren?

Berlin ist ein sehr guter Ort zum Radfahren! Es gibt breite Straßen und wenig Steigungen. Die Berliner wollen mehr Rad fahren, dazu müssen wir sie gar nicht mehr motivieren. Aber wir müssen dafür sorgen, dass sie es auch tun, dass es sicherer wird. Davon profitieren alle. Jeder Radfahrer ist ein Autofahrer weniger.

Schon lange schreiben sich Politiker Radverkehrsförderung auf die Fahnen. Verkehrssenatorin Regine Günther und Sie müssten ein Herz und eine Seele sein. Das sehe ich nicht.

Das stimmt! Aber lassen Sie mich erst einmal mit dem Positiven an fangen. Wir haben zusammen das Mobilitätsgesetz erarbeitet, das im vergangenen Sommer verabschiedet wurde. Das ist ein Riesenerfolg! Es ist das erste Gesetz dieser Art. Einmalig ist auch, wie es entstanden ist: in einem gemeinsamen Prozess mit der Zivilgesellschaft. Das ist für Gesetze sehr unüblich. Das ist gut!

Und was läuft nicht gut?

Seit mehr als zwei Jahren ist Frau Günther nun im Amt. In dieser Zeit sind viel zu wenige sichere Radverkehrsanlagen gebaut worden – im Grunde nur zweieinhalb. Von dem, was versprochen worden ist, kommt viel zu wenig viel zu langsam auf der Straße an. Sicher, die Senatorin hat ein schweres Erbe angetreten. Früher haben wir darüber diskutiert, ob sich nun 1,3 oder 2,4 Verwaltungsmitarbeiter Menschen in Berlin um den Radverkehr kümmern – lächerlich! Nun wird das Personal aufgestockt. Eine gewisse Aufbauzeit müssen wir zubilligen, aber diese Zeit ist vorbei. Da muss mehr passieren.

Anders als Amsterdam und Kopenhagen hat Berlin eine zweistufige Verwaltung: Senat und Bezirke. Das macht vieles kompliziert.

Klar, das sind kleinere Städte. Das kann man nicht vergleichen.

Was schlagen Sie vor?

Mehr Personal allein reicht nicht, so lange Prozesse ineffizient bleiben. Wir müssen mit anderen Methoden arbeiten, mit Projektmanagementmethoden: Es wird definiert, wann was fertig sein muss, und es wird kontrolliert, ob die Meilensteine eingehalten werden. Zweite Forderung: Wir müssen wegkommen vom jahrelangen Planen, drei Jahre für eine Radverkehrsanlage sind nicht ungewöhnlich. Jetzt ist es an der Zeit, einfach mal auszuprobieren. Einfach machen, experimentieren! Jedes Jahr sterben Radfahrer im Berliner Straßenverkehr. 2018 waren es elf. Wir schlagen Modellversuche vor, bei denen Knotenpunkte zu geschützten Kreuzungen ähnlich wie in den Niederlanden umgestaltet werden. Das Motto ist: Erfahrungen sammeln, verbessern, weitermachen!

Senatorin Günther hat Furore gemacht mit der Äußerung, sie möchte, dass die Menschen ihr Auto abschaffen. Sind das Verbalradikalismen, die Menschen wie Sie ruhigstellen sollen?

Damit es nicht nur ein Ablenkungsmanöver ist, muss der Senat handeln. Für die Verkehrswende brauchen wir eine Verhaltensänderung der Menschen. Einerseits müssen wir ihnen ermöglichen, sicher durch die Stadt zu kommen. Andererseits muss das, was sie nicht mehr tun sollen, unattraktiv gemacht werden. Parkgebühren sind ein wichtiges Thema. Wir brauchen innerhalb des S-Bahn-Rings eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung. Und die Parkgebühren müssen steigen, so hoch es eben geht. Drei bis vier Euro pro Stunde wären ein Signal. Dies hätte den Effekt, dass weniger Menschen aus den Außenbezirken und dem Umland mit dem Auto in die Innenstadt fahren – und den Nahverkehr oder das Rad nutzen. Ich meine, dass wir die Autonutzung schwieriger machen müssen.

Lässt sich eine solche Politik in einer Demokratie umsetzen? In Berlin sind mehr als 1,2 Millionen Pkw zugelassen, und Autobesitzer sind Wähler.

Ich habe den Eindruck, dass die Menschen eine andere, eine lebenswerte Stadt wollen. Diese Diskussion müssen wir führen, und von der Senatorin erwarte ich, dass sie sie in die Stadt hineinträgt. Wir müssen dies einmal für ganz Berlin diskutieren, dann wird die Umsetzung einfacher. Heute müssen wir uns bei jedem Projekt aufs Neue Parkplatz für Parkplatz mit Wutbürgern streiten.

Haben sich die Radaktivisten nicht selber ein Bein gestellt, in dem sie die Anforderungen im Mobilitätsgesetz nach oben geschraubt haben? Breite Radfahrstreifen mit Pollern sind doch längst nicht überall möglich.

Die geschützten Radfahrstreifen, wie sie in der Holzmarktstraße in Mitte oder in der Hasenheide in Kreuzberg entstanden sind, sind nicht schön. Vielleicht kommen wir wieder davon weg, wenn wir eine Situation haben, in der Verkehrsregeln akzeptiert werden. Aber im Moment gibt es keine andere Möglichkeit, wenn ich möchte, dass mehr Menschen Rad fahren. Objektive Sicherheit schaffen wir nur mit Pollern.

Wann wird Berlin eine Fahrradstadt sein? Im Jahr 2100? Oder erst 2200?

Im Mobilitätsgesetz steht: 2030! Doch dafür muss die Verwaltung dramatisch Fahrt aufnehmen. Bislang wird das Gesetz von einigen Bezirken gebrochen. Das ist nicht akzeptabel. Ein Beispiel ist Reinickendorf, wo nichts umgesetzt wird. Dort weigert man sich auch, einen Fahr-Rat einzurichten. Es wird erwartet, dass sich die Bürger an Gesetze halten, dann können wir das auch von der Verwaltung erwarten! Wir eskalieren das Thema jetzt. Der ADFC hat Innensenator Andreas Geisel als Chef der Bezirksaufsicht angerufen, gegen die betreffenden Bezirke vorzugehen. Wir erwarten eine Antwort. Irgendwann ist das auch ein Thema des Regierenden Bürgermeisters.