Radbahn in Aktion: In Kreuzberg holen sich die Bürger ein Stück Stadt zurück

Der Mittelstreifen unter der Hochbahn der U1 ist zum Schauplatz eines neuen Verkehrsexperiments in Berlin geworden. Wir haben uns dort umgeschaut.

Willkommen auf dem Testfeld! Unter dem Viadukt können Besucher der Aktionstage bis zu diesem Sonntag erleben, wie die geplante Radbahn diesen bisher kaum genutzten Raum verändern soll.
Willkommen auf dem Testfeld! Unter dem Viadukt können Besucher der Aktionstage bis zu diesem Sonntag erleben, wie die geplante Radbahn diesen bisher kaum genutzten Raum verändern soll.dpa/Annette Riedl

Von Weitem ist nicht viel zu erkennen. Aber kommt man näher, so sieht man, dass unter dem Kreuzberger U-Bahn-Viadukt ein Pulk Menschen steht. Rückt man noch weiter vor, so ist Musik zu hören, die über die viel befahrene Kreuzung in Höhe der Oranienstraße tönt, und ein Stimmengewirr hängt in der Luft. Erreicht man schließlich die Hochbahn, steigt einem anstatt wie sonst der Gestank von Urin der Geruch von Kaffee in die Nase. Menschen stehen da und sprechen miteinander, es gibt Sitzmöglichkeiten sowie kostenlose Bionade und Kekse. „Alle mal hier rüber, der Chor singt gleich“, ruft Matthias Heskamp, der Leiter des Events. Was ist auf dem Mittelstreifen der Skalitzer Straße los?

Dass in Berlin auf der Straße gesungen, getanzt und gefeiert wird, ist nicht so unüblich. An dieser Stelle allerdings schon. Läuft man vom Kottbusser Tor zum Görlitzer Park und entscheidet man sich für den Weg direkt unter dem Viadukt der U1, macht man normalerweise eine Erfahrung, wie sie Peter Fox in seinem Lied „Schwarz zu Blau“ beschrieben hat. „Dreckig und grau“ ist es hier in der Regel, freiwillig hält sich hier niemand auf. Man geht automatisch zügig und immer mit achtsamen Blick nach oben, weil man jeden Moment mit Taubenkot bekleckst werden könnte. Der hektische Verkehr tost links und rechts, über einem flattern die Vögel und donnert die Bahn.

„Reallabor Radbahn“ mit neu gepflanzten Bäumen und Sträuchern

Doch das Radbahn-Team glaubt, dass man den Mittelstreifen unter der Hochbahn zu einem lebenswerten Raum gestalten kann. Seit sieben Jahren arbeiten die Planer daran, ein Konzept für eine neue Radfahrstrecke zu erarbeiten, die von Ost nach West durch Berlin führen soll. Rund neun Kilometer lang und auf weiten Strecken unter dem Viadukt, was sicheres Fahren jenseits der von Kraftfahrzeugen genutzten Bereiche ermöglichen soll.

Die Gesamtstrecke ist noch eine Vision der Zukunft, doch bis Sonntag lässt sich erleben, wie die Radbahn aussehen könnte. Ein rund 200 Meter langer Abschnitt in Höhe der Oranienstraße ist zu einem Testfeld geworden, dem „Reallabor Radbahn“. Was bisher nur theoretisch diskutiert wurde, wird dort fühlbar. Zwei Autostellplätze wurden entsiegelt, Bäume und Sträucher wachsen jetzt dort.

Die Tauben müssen weg

Es sieht in der Tat noch unfertig aus, aber das Licht schimmert reizvoll auf den grünen Blättern der neu gepflanzten Sprösslinge. „Es geht darum auszuprobieren“, so Matthias Heskamp. Denn die Planer stehen vor großen Herausforderungen, für die Lösungen zu finden gar nicht so einfach ist. So gingen in der Stadt zum Nachteil von Autofahrern Parkplätze unter dem Viadukt verloren, Wohnungslose müssten umziehen. Wenn man sich unter dem Viadukt länger aufhalten wolle, müssten die Tauben dort weg.

Aber die Projektplaner des Reallabors wollen mit ihrer Teststrecke Anwohnern und Betroffenen nichts ungefragt aufzwingen, sondern laden zum Dialog ein. „Wir bitten um konstruktive Kritik“, meint Heskamp. Dieses Projekt sei aus Bürgerbeteiligung heraus entstanden, Bürgerbeteiligung sei weiterhin gefragt. Susanne Heinzmann freut sich, doch sie überlegt auch, wo es Probleme geben könnte – zum Beispiel bei der Bewässerung der neuen Grünbereiche. „Man müsste vielleicht von oben über Schläuche an die Pflanzen ran“, grübelt die Anwohnerin. „Aber so oder so werten die Pflanzen diesen Bereich erheblich auf: Es sieht schön aus und verbessert die Luft. Das ist in jedem Fall eine gute Sache.“

Unschöne Kommentare in den sozialen Medien

An diesem Nachmittag sind rund 30 Menschen zu der Teststrecke unter der Hochbahn gekommen. Eine Frau am Mischpult spielt Reggae. Ein Mann kommt vorbei und pumpt die Reifen seines Fahrrads an der Reparaturstation auf und fährt weiter. Ein Vorgeschmack auf das, was viele Berliner in Zukunft nutzen könnten.

Johanna Schelle, Pressesprecherin des Projekts, ist überrascht von der positiven Stimmung. Denn es habe auch schon viel Gegenwind von Anwohnern, Autofahrern und Taubenschützern gegeben. „Besonders auf Social Media erhalten wir unschöne Kommentare. Es sei große Geldverschwendung“, so Schelle. „Einer schrieb, das Projekt würde so viel bringen, als würde man einen Wassertank in den Wannsee kippen“ – so gut wie nichts.

Also ist das Projekt nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Die Besucher sehen das anders. Stefan Michallik ist der Meinung, dass Umdenken notwendig sei. „Ich bin für Kurzpark- und Ladezonen für den Einzelhandel“, sagt der Ingenieur. „Aber wenn hier Parkplätze verloren gehen, kommt niemand zu Schaden. Hier stehen so viele dauerhaft geparkte, so lange ungenutzte Autos herum.“ Die Parkhäuser seien größtenteils ungenutzt.

Chorgesang im Feierabendverkehr

Generell herrscht ein Konsens, dass Autoverkehr in Berlin zurückgehen müsse. Dieter Engel ist selbst Auto- und Motorradfahrer, fährt in Berlin aber Rad. Er bezweifelt zwar, dass das Radbahn-Projekt realistisch ist. Doch er meint: „Es führt kein Weg daran vorbei, sich vom Konzept Individualverkehr zu lösen.“ Carsharing wäre eine Alternative. Der Begriff fällt mehrmals an diesem Nachmittag.

Matthias Heskamp, einer der Radbahn-Planer, erklärt Besuchern des Testfelds die Ausstellung zu dem Projekt.
Matthias Heskamp, einer der Radbahn-Planer, erklärt Besuchern des Testfelds die Ausstellung zu dem Projekt.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Viele freuen sich über die Verschönerung des Mittelstreifens. „Besonders die Nordseite profitiert von der Begrünung. Es gibt viele Vorteile: zum Beispiel die Kühlung der Luft, eine bessere Akustik“, so Stefan Michallik. Mit den Autofahrern, die Stellplätze verlieren, habe er kein Mitgefühl – eher schon mit den Obdachlosen, die Schlafplätze verlören. Aus dem Reallabor-Team ist zu hören, dass man mit Obdachlosen-Netzwerken in Kontakt steht. Dieses Thema werde nicht außer Acht gelassen, heißt es.

Eberhard Brodhage, der als Mitglied des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) das Reallabor unterstützt, hält es für notwendig, den Rad- vom Autoverkehr zu trennen. Er habe einen Radfahrer sterben sehen, nachdem ein Auto mit dem Mann kollidiert war. Seine Tochter sei Rettungssanitäterin, sie könne viel über Unfälle zwischen Autos und Fahrrädern berichten. Wenn eine Radstrecke von dem Bereich der Autos separiert wird, mache dies den Verkehr sicherer, davon ist Brodhage überzeugt.

Als vier Frauen im Chor zu einem mazedonischen Lied anstimmen, setzen sich alle Beteiligten in einen Kreis, um gut zuhören zu können. Autofahrer, die wegen der Hitze die Seitenfenster heruntergelassen haben, recken an der roten Ampel die Köpfe. Als das Lied vorbei ist, klatschen sie auch. Einer hupt sogar als Zeichen des Beifalls.

„He, das ist ein Konzert! Das Hupen stört“

Im Sitzkreis der Radbahn kommt es zumindest bei einem Besucher falsch an. „He, das ist ein Konzert! Das Hupen stört“, wird den Autofahrern zugerufen. Ein Beispiel dafür, wie angespannt das Verhältnis zwischen Auto- und Radfahrer ist. Sven Hausigke, ein Verkehrsplaner, legt eine realistische Sicht an den Tag. „Es gibt natürlich einfache und schwierige Parts der Strecke. Manche Abschnitte sind ‚low hanging fruits‘, also leicht umzusetzen. Andere nicht.“ Aber das Projekt habe Hand und Fuß.

Nachts schützen Papierbahnen das Testfeld der Radbahn vor Taubenkot. Trotz Bewachung hat ein Autofahrer sein Fahrzeug in den abgesperrten Bereich gestellt.
Nachts schützen Papierbahnen das Testfeld der Radbahn vor Taubenkot. Trotz Bewachung hat ein Autofahrer sein Fahrzeug in den abgesperrten Bereich gestellt.Berliner Zeitung/Peter Neumann

„Wir wollen den Menschen Angst vor der Mobilitätswende nehmen“, sagt Radbahn-Sprecherin Johanna Schelle. Auf der Teststrecke könnten sie erleben, wie sich die Vision in der Realität anfühlt: „Damit man merkt, dass dadurch auch etwas gewonnen werden kann.“

Es läuft immer noch Musik. Ein Paar beginnt zu tanzen. Sie wiegen sich zur Musik, mitten auf dem Mittelstreifen der stark frequentierten Skalitzer Straße, um 17.30 Uhr in der Rushhour.

In diesem Projekt stecken sicher viel Idealismus und Optimismus, doch Berlin braucht Visionen für die Zukunft. Vielleicht schafft es die Radbahn, die unwirtlichen Orte unter dem Kreuzberger Viadukt zu verändern. Frei nach Peter Fox: von Schwarz zu Blau.