Radfahren: Auch Erwachsene können's lernen

Die Rechtskurven kann sie leichter und sicherer fahren als die Linkskurven. Ingrid Meißner-Scharpenack ist ziemlich irritiert von der Erfahrung, die sie da gerade macht. Sie will in der Verkehrsschule Steglitz das Fahrradfahren lernen. Nach rechts nimmt sie die enge Kurve schon sehr gelassen, geht es nach links, fehlt ihr aber irgendwie das richtige Gefühl. Noch sitzt sie gar nicht auf dem Rad, noch übt sie auf einem Roller.

Der Anfang werden Ängste abgebaut

„So beginnen wir unsere Kurse. Es baut die Ängste im Kopf ab, die manche in die erste Kursstunde mitbringen“, erklärt Wolfgang Lukowiak, der Leiter der Radfahrschule. Tagsüber üben die Grundschüler in der Verkehrsschule, abends und an den Wochenenden die Erwachsenen. „Ein Roller ist gut geeignet, um zwei der wichtigsten Grundlagen für das Radfahren zu lernen: Gleichgewicht halten und lenken. Wer nicht Roller fahren kann, der kann es auch nicht auf dem Rad.“ Für das unterschiedliche Kurvengefühl seiner Schülerin hat Lukowiak eine Erklärung. Für Rechtshänder seien Rechtskurven leichter, weil sie mit ihrer starken Hand den Hauptteil der Lenkbewegung ausführen.

Ingrid Meißner-Scharpenack ist mitten in Berlin groß geworden. Sie hat einen Führerschein, ist sehr erfahren und sicher im Straßenverkehr der Hauptstadt mit dem Auto unterwegs. „Als Kind habe ich das Fahrradfahren nicht richtig gelernt. Meine Mutter hat sich immer große Sorgen gemacht, was in der Stadt auf dem Rad alles passieren könnte“, sagt sie. „Zur Schule fuhr ich meist mit der U-Bahn.“ Vor einiger Zeit hat sie es mit dem Radfahren dann aber doch probiert. Es sei ernüchternd gewesen, gibt sie zu. Das mit dem Gleichgewicht war nicht so einfach, wie sie es sich erhofft hatte. Deshalb entschloss sie sich, in die Radfahrschule zu gehen.

„Jetzt, mit 73 Jahren, habe ich Zeit, viele Dinge zu tun, die ich immer gern machen wollte“, erklärt sie ihre Motivation. „Und Fahrradfahren gehört einfach dazu, auch weil ich mich sehr gern sportlich betätige.“ In der Verkehrsschule wird sie als Nächstes auf einen Sitzroller umsteigen. Man schiebt mit den Füßen an, sitzt aber etwa schon in gleicher Höhe wie auf einem Fahrrad. Danach endlich kommt das Üben mit dem Straßenrad an die Reihe.

Kleine Gruppen

Die Kurse in Lukowiaks Radfahrschule sind mit maximal neun Teilnehmern relativ klein, der Verkehrsgarten in Steglitz dagegen so weitläufig, dass man sich nicht ins Gehege kommt. Allerdings kann, wer will, auch Einzelunterricht buchen. „Es geht nicht nur ums Fahren. Richtig bremsen ist wichtiger als Fahren“, sagt Lukowiak. „Wenn der Gleichgewichtssinn ausreichend trainiert ist, üben wir das Fahren mit einer Hand und den Blick über die Schulter nach hinten.“ Der ist für Radfahrer mindestens ebenso lebenswichtig wie die Kenntnis der Straßenverkehrsordnung, betont der Lehrer. „Aber unsere Ausbildung richtet sich auch ein wenig nach dem, was der Lernende mit seinen neu erworbenen Fähigkeiten im Sinn hat“, sagt Lukowiak. „Bei jemandem, der sein Rad ‚nur‘ als Sportgerät für Touren über Land nutzen will setzen wir die Übungsschwerpunkte etwas anders, als bei jemandem, der es im Alltag in der Stadt braucht.“ Letzterer erhält mehr Theorie, Lukowiak nennt es „Verkehrsmanagement“.

Viele schämen sich

Vier von fünf Deutschen besitzen ein Fahrrad, geht aus einer Statistik des Bundesverkehrsministeriums hervor. Doch die Zahl der Menschen, die nicht oder nicht sicher Fahrrad fahren können, kennt kaum jemand. Es sollen Schätzungen zufolge bis zu zehn Prozent der Berliner sein. Aber diese Zahl ist mit Vorsicht zu genießen. Wer nicht Radfahren kann, gesteht es nämlich nur ungern ein. Manche halten es wohl für eine Art Bildungslücke und damit für peinlich.

Dafür gebe es aber gar keinen Grund, sagt Nikolas Linck vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Berlin. Radfahrschulen sind nicht obligatorisch, aber wer mit dem Lernen als Erwachsener beginne, wer lange nicht gefahren ist, wer nach Berlin gezogen ist oder wer einen Unfall hatte, der sollte unbedingt einen Kurs besuchen. „Insgesamt üben die Berliner nicht ausreichend, sie sind nicht sicher genug“, ist Linck sogar überzeugt. Dass in den letzten Jahren in Berlin mehrere Übungsparcours geschlossen wurden und manche gefährdet sind, hält er für besorgniserregend.

Wer sich dann ein Rad zulegt, sollte nicht das komplizierteste Modell nehmen, empfiehlt Lukowiak. „Es muss nicht die 21-Gänge-Schaltung sein. Die verwirrt einen in entscheidenden Momenten nur. Eine Nabenschaltung reicht völlig“, rät der Fachmann.

Mehr Gewicht und schneller

Immer öfter sieht man Elektro-Fahrräder auf den Straßen. Aber zu glauben, das hat ja einen Motor, das läuft ja fast von allein, sei ein fataler Irrtum, warnt Lukowiak. „Pedelecs sind nichts, um fahren zu lernen oder es nach langer Pause einfach mal wieder zu versuchen“, sagt er. Sie sind viel schwerer und beschleunigen viel schneller. „Die sind rasch bei 25 Kilometern in der Stunde“, weiß der Lehrer, der selbst gern Pedelec fährt. Aber wenn man sie beherrsche, so meint er, dann seien die Fahrräder mit Elektromotor hervorragend geeignet, um sich den Fahrspaß zu erhalten, wenn Kraft und Kondition nachlassen.

Wer am Ende Bremsen, Schulterblick, Handzeichen und Ausweichmanöver beherrscht, der bekommt ein Zertifikat der Radfahrschule. Für Ingrid Meißner-Scharpenack steht jetzt schon fest: „Es war die richtige Entscheidung, das Fahrradfahren mit einer fachkundigen Anleitung zu lernen. “ Sie freut sich auf schöne Radtouren.