Der trubelige Hermannplatz ist für die meisten Radfahrer schlicht der Horror. Den Potsdamer Platz finden viele unübersichtlich und gefährlich, und auch in kleineren Straßen fährt oft ein mulmiges Gefühl mit: Beispielsweise auf der Linienstraße in Mitte, denn die ist zwar offiziell Fahrradstraße, aber das wird immer wieder von Autofahrern ignoriert. Hier wären Poller und eindeutige Vorfahrtsschilder nötig, finden viele Radler.

Das sind nur einige Ergebnisse des Online-Dialogs „Radfahren in Berlin – Abbiegen? Achtung! Sicher über die Kreuzung“. Im November 2013 hatte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Bürger dazu aufgerufen, auf der Internetseite www.radsicherheit.berlin.de Gefahrenstellen für Radfahrer zu melden und Lösungen zu diskutieren. Vier Wochen dauerte die Aktion. Rund 27000 Besucher schauten sich die Seiten an, 3300 beteiligten sich. Sie nannten mehr als 5000 Punkte, schrieben mehr als 4000 Kommentare und gaben mehr als 22500 Bewertungen ab.

All das wurde für die Verkehrsverwaltung ausgewertet, am Freitag stellte Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) das Ergebnis vor. Dazu gehört eine „Top-30-Liste“ der Konfliktstellen. An erster Stelle steht die Schönhauser Allee, fünfmal taucht allein der Bereich zwischen Kottbusser Tor und Hermannplatz auf.

Außerdem lässt sich aus den Online-Kommentaren erkennen, was Radfahrer in Berlin besonders stört: Am häufigsten wurden fehlende Radwege beziehungsweise eine mangelhafte Verkehrsführung genannt. Kritisiert wurde außerdem, dass Radfahrer und Verkehrsteilnehmer sich oft schlecht sehen können. Ebenso ungünstige Ampelschaltungen, Hindernisse und Schmutz auf Radwegen, zu wenig Platz für alle Verkehrsteilnehmer und schlechte Markierungen.

Nach Ansicht von Christian Gaebler war die Aktion ein Erfolg. Um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, benötige man nicht nur Expertenmeinungen und Unfallstatistiken. Auch die subjektiven Erfahrungen von Radfahrern könnten viel dazu beitragen. „Wir haben wertvolles Material erhalten“, sagte Gaebler, die Anregungen würden nun in die Radverkehrsplanung einfließen.

Wobei die meisten genannten Gefahrenstellen wohl kaum neu für die Experten waren. Laut Verwaltung sind mehr als 90 Prozent der Kreuzungen oder Straßen, die unter den „Top 30“ rangieren, tatsächlich als Unfallhäufungspunkte bekannt und in der Unfallstatistik verzeichnet.

In diesen Fällen sei der „Handlungsdruck“ bereits erkannt, erklärte Gaebler. Teilweise tut sich auch schon etwas. Durch den aktuellen Umbau am Kottbusser Tor sei beispielsweise schon eine Besserung in Sicht, so der Staatssekretär. Andere Maßnahmen, etwa beim ebenfalls problematischen Hohenzollerndamm, seien geplant.

Vorschläge aus dem Netz

Im Online-Dialog wurden viele konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit gemacht – oft durch vergleichsweise simple Veränderungen wie Markierungen oder Blinklichter. Diese Ideen sollen überprüft werden, sagte Gaebler. An der Warschauer Straße/Ecke Stralauer Allee könnten beispielsweise Spiegel dazu beitragen, dass sich Radfahrer nicht mehr wie im „Blindflug“ bewegen.
Doch insgesamt sollten Berlins Radfahrer nicht auf eine schnelle Lösung der Probleme hoffen. Schon um eine Ampelschaltung zu verändern oder die Benutzungspflicht für Radwege aufzuheben, bedürfe es einiger Verwaltungsvorgänge, so Gaebler.
Außerdem ist alles eine Frage des Geldes. Wie Gaebler sagte, sind im laufenden Etat für den Radverkehr 8 Millionen Euro eingeplant, weitere Töpfe, aus denen Geld fließen könnte, seien die Tiefbaumittel der Bezirke (35 Millionen) und das Sonderprogramm Straßensanierung (25 Millionen Euro). Doch das meiste Geld ist fest verplant. Gaebler hofft dennoch, „dass wir im Lauf des Jahres einzelne Maßnahmen durchführen können“. Termine könne er noch nicht nennen.
Bis die „Top-30-Liste“ abgearbeitet wird, könnten noch viele Jahre vergehen, schätzen Gabi Jung vom Bund für Umwelt und Naturschutz und Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Zanke erinnerte an das heftige Ringen um mehr Geld für den Radwegebau im aktuellen Etat. Für neue Vorhaben fehle schlicht das Geld.