Im vergangenen Jahr verunglückten sechs Radfahrer tödlich.
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BerlinVision Zero, keine tödlichen Verkehrsunfälle mehr: Das ist seit Langem schon die Leitlinie der Berliner Verkehrspolitik. Ein schönes Ziel, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Weiterhin sterben Menschen auf Berlins Straßen.

Ein besonders großes Risiko tragen sie, wenn sie ohne Blechumhüllung und ohne Motorkraft unterwegs sind – so wie die 68-jährige Frau, an deren Tod am Donnerstagabend mit einer Mahnwache am Kottbusser Tor erinnert wurde. Die Frau, die am Mittwoch unter einem rechts abbiegenden Lkw starb, ist die erste tote Radfahrerin des neuen Jahres 2020 in Berlin.

Nicht weit entfernt von dem Kreuzberger Knotenpunkt ereignete sich am 2. Januar der erste tödliche Fußgängerunfall des Jahres. In der Adalbertstraße wurde die Begleiterin eines 81-jährigen Fußgängers von einem Auto angefahren. Die Frau hielt sich bei ihm fest und beide stürzten. Der Mann starb an den Verletzungen. Auch für diesen Verkehrstoten wird es eine Mahnwache geben.

Trotz Verkehrswende gibt es viele Unfälle

Warum kommen in einer Stadt, die sich die Verkehrswende auf die Fahnen geschrieben hat, weiterhin so viele Menschen auf den Straßen ums Leben? Das sind die Zahlen: Allein im vergangenen Jahr starben im Berliner Straßenverkehr 24 Fußgänger, Verkehrsaktivisten zählen sogar 26 tote Fußgänger. Zudem wurden sechs Radfahrer, laut ADFC waren es sieben, von Kraftfahrzeugen getötet.

2019 starben insgesamt 40 Menschen im Berliner Straßenverkehr. Davon waren 21 älter als 65. Senioren sind in immer größerem Maße gefährdet, wie auch die ersten tödlichen Unfälle des Jahres zeigen.

Wobei Experten davon warnen, die Analyse nur auf die Verkehrstoten zu konzentrieren: Ob jemand bei einem Zusammenstoß stirbt oder ihn verletzt übersteht, hängt oft von Zufällen ab, heißt es bei der Polizei. Aussagekräftiger sind andere Daten.

Nur ein Gremium für die ganze Stadt

Auch sie sehen für Berlin nicht gut aus. So lag die Zahl der Radfahrer, die während der ersten drei Quartale 2019 verunglückten, um 3,05 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre. Bei den Senioren betrug das Plus 2,7 Prozent. „Ich erwarte von der Verkehrsverwaltung und der Unfallkommission, dass sie die Unfallursache so schnell wie möglich aufklärt“, sagt der SPD-Verkehrspolitiker Tino Schopf zu dem tödlichen Unfall in Kreuzberg.

Auch andere Unfallschwerpunkte müssten entschärft werden: „Ich erwarte, dass man proaktiv handelt. Wir können nicht warten, bis es wieder knallt.“ Das Problem: Während Unfallkommissionen anderswo für viel weniger Menschen zuständig sind, gibt es für Berlin nur ein einziges Gremium dieser Art. Zudem hatte die Kommission nach einem tödlichen Fußgängerunfall, der sich 2018 am Kottbusser Tor ereignete, keine Änderungen veranlasst. Das Kottbusser Tor war erst 2012/13 umgestaltet worden – mit dem Ziel, die Unfallzahlen zu senken. Doch es ist fraglich, ob es heutigen Anforderungen noch entspricht.

Die Trennung von Straße und Fahrradwegen birgt nicht nur Vorteile.
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Offenbar war die Radfahrerin auf dem Radweg unterwegs, der von der Fahrbahn abgesetzt ist, berichtete Susanne Grittner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Für manche Kraftfahrer bedeute diese Trennung nun einmal „aus den Augen, aus dem Sinn“, sagte sie.

Der Senat bittet um Geduld und intensiviert Maßnahmen

Immerhin: Die Senatsverkehrsverwaltung reagierte schnell – mit einer Begehung am Donnerstag. Als Sofortmaßnahme wurde beschlossen, die bauliche Gestaltung des Radwegs und „signaltechnische Maßnahmen an den Ampelanlagen“ zu prüfen, hieß es. Die Verwaltung wies auch auf eine Bundesratsinitiative hin. Sie soll es Kommunen ermöglichen, Straßen für schwere Lkw, die keinen Abbiegeassistenten haben, zu sperren.

„Ich kann die Ungeduld der Menschen verstehen, die sagen, dass ihnen die Verkehrswende zu langsam voranschreite“, sagte der Linken-Verkehrspolitiker Harald Wolf. Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, sagte, dass es nicht so schnell gehe, die Politik letzten 70 Jahre in Sachen Verkehrspolitik aufzuholen. „Aber wir müssen unsere Anstrengungen deutlich verstärken. Trotzdem wird es Jahre dauern, die Stadt umzubauen“, sagte er. Auch Kopenhagen, oft als Vorbild bezeichnet, habe lange gebraucht.

Die Mahnwache am Donnerstag werde nicht die letzte Aktion dieser Art 2020 bleiben, befürchtet Grittner. Der ADFC, der Verein Changing Cities und andere Aktivisten wollen auch weiterhin demonstrieren – selbst wenn die schreckliche Routine viele persönlich belastet. „Jede Mahnwache ist ein Hinweis, dass etwas falsch läuft“, sagt Grittner. Aus „Wut und Betroffenheit“ sei sie auch bei dieser Mahnwache wieder dabei, sagt die Berlinerin. „Und weil ich will, dass sich endlich etwas ändert.“