Berlin - Die schlechtesten Fahrradstrecken in Berlin? Da muss Tilo Schütz nicht lange nachdenken. „Die Berliner Allee in Weißensee. Der Kottbusser Damm in Kreuzberg/Neukölln, die Sonnenallee in Neukölln“, sagt der Radverkehrsexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

„Am schlimmsten ist der Tempelhofer Damm: kaum Platz für Radfahrer, viel Verkehr und ein hoher Lkw-Anteil.“ Da gibt es nur einen Rat: weiträumig umfahren! Der neue BUND-Fahrradplan, der nun herauskommt, hilft dabei. Er stellt dar, wo es sich gut radeln lässt – und wo nicht. „Er zeigt auch, dass sich für Radfahrer viel gebessert hat“, so Schütz. Es bleibe aber viel zu tun und es sei nicht klar, ob die positive Entwicklung weitergehen wird.

Kaum Platz für Radfahrer

Der Stadtplaner legt zwei Berlin-Pläne nebeneinander. In die erste Karte sind alle Radfahrstreifen und Radwege eingezeichnet, die es vor acht Jahren in Berlin gab. „Ein Flickenteppich mit vielen Lücken.“ Die zweite Karte liegt der dritten Auflage des Fahrradplans zugrunde, die er am Dienstag vorstellte. „Sie zeigt, dass ein Netz entstanden ist. Allein von 2000 bis 2011 sind mehr als 100 Kilometer Radstreifen hinzu gekommen.“ So ist der Anteil der grau dargestellten Straßen, die Radfahrer meiden sollten, zurückgegangen. Dafür gibt es mehr Verkehrswege, die weiß, gelb oder orange markiert sind: für Radfahrer empfohlen.

Dazu gehören auch Schütz’ Lieblingsstrecken. „Das sind die Fahrradstraßen, die auf einigen ruhigen Nebenstraßen ausgeschildert worden sind. Dort kann man entspannt fahren, auch nebeneinander.“ Beispiele sind Teile der Bergmannstraße in Kreuzberg, die Choriner Straße in Mitte/Prenzlauer Berg und die Prinzregentenstraße in Wilmersdorf. Schütz: „Leider gibt es Bezirke wie Tempelhof-Schöneberg, die keine Fahrradstraßen einrichten wollen. Dabei unterstützt sogar der ADAC dieses Konzept“, weil es Hauptstraßen entlastet.

„Trotzdem: In Berlin hat sich viel getan“, lobt Schütz. Doch ob sich die „goldenen Jahre des Radverkehrs“ fortsetzen, sei ungewiss. Er sieht die Streichung von einem Viertel der Stellen in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die im Gespräch sei, mit Sorge. In den Bezirksämtern, die Radwegprojekte verwirklichen und die Baufirmen in Marsch setzen, sei die Personaldecke schon jetzt knapp. Viele Vorhaben seien in der Warteschleife. 2012 ist der Stau noch größer geworden. Eine Haushaltssperre führte dazu, dass ein halbes Jahr lang kein Radweg gebaut, kein Streifen markiert wurde.

Nur ein Bahnhof hat Rad-Boxen

„Wir können nur hoffen, dass sich bei den Haushaltsberatungen die Fahrradfreunde gegen Finanzsenator Ulrich Nußbaum durchsetzen können“, sagte Martin Schlegel vom BUND. Für dieses Jahr stehen 3,5 Millionen Euro für neue Radverkehrsanlagen und zwei Millionen Euro für die Radwegsanierung bereit. Das sind weniger als zwei Euro für jeden Berliner. Zwar setzt die neue Radverkehrsstrategie des Senats fünf Euro pro Jahr und Einwohner als Ziel, doch dies sei nur anzustreben. Schütz: „Die Strategie wurde weichgespült und verwässert“, auf Druck von Nußbaum.

Schütz und seine Mitstreiter kritisierten auch die Bahn. „Sie hat noch nicht erkannt, dass auch Radfahrer zu ihren Kunden gehören“, klagte Schütz. So konnte trotz endloser Debatten kein Platz gefunden werden, an dem Räder am Bahnhof Warschauer Straße sicher abgestellt werden können. Am Ostkreuz wird ein Ort, der sich für einen Fahrradparkplatz gut eignen würde, lieber für einen Kiosk verplant.

In der Region gebe es nur einen Bahnhof, an dem Räder in Boxen verwahrt werden können: „Die Anlage, die in Teltow Stadt entsteht, wird die einzige sein. Andere Städte wie Hamburg sind da weiter.“ Dabei sei die Sache klar, so Schlegel: „Je mehr gute Abstellmöglichkeiten es an den Bahnhöfen gibt, desto weniger Radler nehmen ihr Rad in die Bahn mit.“